Die Niederlande und die DDR 1949 bis 1990

XXVIII. Rezension

Pekelder, Jacco: Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen 1949–1989, Münster 2002.

Das Verhältnis zwischen Niederländern und Deutschen ist nicht besonders gut. Vielleicht ist das ‚normal‘, wenn ein kleines Land mit einer selbstbewußten Bevölkerung an einen relativ großen Nachbarn grenzt, an ein Land, in dem die Menschen primär mit sich selbst beschäftigt sind. Sicherlich wäre vieles leichter, wenn man mehr voneinander wüßte. Genau diesem Ziel dient die Reihe „Deutsch-Niederländische Beziehungen“. Sie wurde im Jahr 2000 von ihrem Herausgeber Friso Wielenga mit einer Darstellung eröffnet, in der das Verhältnis der Niederlande zur Bundesrepublik nach 1945 im Mittelpunkt steht. [1] Als zweiter Band der Reihe liegt nun eine Untersuchung über das Verhältnis zwischen den Niederlanden und der DDR vor; sie ist die deutsche Fassung der 1998 in Amsterdam erschienenen geschichtswissenschaftlichen Dissertation von Jacco Pekelder.
Die Studie ist im wesentlichen chronologisch aufgebaut, gegliedert in sechs Kapitel, eingerahmt von einer umsichtigen Einleitung (S. 15–31) und einer Schlußbetrachtung (345–365). In der Einleitung erläutert Pekelder, was er mit der Wortschöpfung „Bildformung“ meint: Hiermit sollen die unterschiedlichen politischen, ökonomischen, die kulturellen sowie die ideologischen Tendenzen gefaßt werden, die zur Entstehung wie auch Veränderung des Bildes von einem anderen Staat bzw. einer anderen Gesellschaft beigetragen haben, zu Konstanten bei der Wahrnehmung ebenso wie zu den Variationen. Pekelder will also die Motivationen und Triebkräfte erhellen, die zu den unterschiedlichen Ansichten über die DDR in den Niederlanden führten. Aufs Ganze gesehen ist ihm das überzeugend gelungen. [1]

Ohne ein spezifisches Bild vom anderen deutschen Staat kam die offizielle Politik der Niederlande offenbar in den Jahren der verordneten Nichtaner-kennung der DDR aus: Man machte gute Geschäfte mit einem nichtexistenten Staat (33–62). Welche „Bildformung“ erwuchs in derselben Zeit bis zur Mitte der sechziger Jahre (63–119)? Auch in den Niederlanden dominierte die Totalitarismustheorie. Man beurteilte die DDR in breiten Kreisen betont ablehnend als undemokratisch, nazistisch, stalinistisch. Dann bahnte sich langsam, jedoch zunehmend ein qualitativer Wandel in der Wahrnehmung und Beurteilung an: Reisende in das ferne Land der DDR fanden ihr düsteres Vorverständnis keineswegs bestätigt. Dieselbe ‚Entdeckung‘ der DDR als einer in vielem widersprüchlichen, aber insgesamt doch reizvollen eigenen Welt ereignete sich in der gleichen Zeit in der Bundesrepublik. Ein neues Bild des ostdeutschen Staates entstand noch nicht, aber die bislang gültigen Kon-stanten und Kriterien der Wahrnehmung gerieten ins Wanken.

Eher exkursartig werden danach „Privatkontakte mit der DDR“ behandelt (121–161). Die Überschrift ist insofern irreführend, als es sich weder bei den Beziehungen, welche die beiden kommunistischen Parteien zueinander un-terhielten, noch bei den ökumenischen Verbindungen, die über die niederländische Gemeinde und das Hendrik-Kraemer-Haus in Berlin liefen, um Kontakte zwischen Privatpersonen handelte. Verdienstvoll ist Pekelders Herausarbeitung des besonderen Anteils von zwei niederländischen Frauen an der Realisierung dieser ökumenischen Verbindungen: Hebe Kohlbrugge und Bé Ruys. Da Pekelder allerdings stärker an der Beschreibung der allgemeinen politischen Entwicklung interessiert ist als an der Darlegung gegenläufiger Trends, bleibt die Skizze des Wirkens von Kohlbrugge ziemlich blaß. Im Vordergrund des Interesses steht die politische Entwicklung von Ruys – wobei die Studentenbewegung, der Linksruck der Niederländischen Christlichen Studentenvereinigung oder die Aktivitäten der Prager Christlichen Friedenskonferenz eher stichwortartig erwähnt werden. Vollends fehlen Ausführungen über die Rückwirkungen dieser Ereignisse auf die „Bildformung“ hinsichtlich der DDR in den kirchlichen und speziell protestantischen Kreisen der Niederlande.

Das Zentrum der Untersuchung bilden die beiden Kapitel, welche detail-liert die Diskussionen beschreiben, die schließlich zur Anerkennung der DDR führten (163–247; 249–280). Pekelder kann überzeugend zeigen, daß seit der Mitte der sechziger Jahre ein ganzes Bündel von Motiven die Forderung, die DDR politisch anzuerkennen, vorangetrieben hat. Zum wachsenden Unmut über die innenpolitischen Verhältnisse in den Niederlanden kam einerseits die neue Ostpolitik der Bundesrepublik, andererseits der innerparteiliche Machtkampf innerhalb der niederländischen Arbeiterpartei, wo die sogenannte Neue Linke unter anderem mit dem Argument, sich in umfas-sender Weise für Frieden und Entspannung einzusetzen, für ein neues Ver-hältnis zur DDR warb. Neben diesem wirksamen Argument stand die nicht weniger zugkräftige Behauptung, die DDR habe sehr viel entschiedener und eindeutiger als die Bundesrepublik den Nationalsozialismus bekämpft und ausgemerzt. Zu dieser Analyse gehört allerdings auch die Feststellung, daß die Parteinahme für die DDR dazu diente, anti-(west-)deutsche Emotionen zu befördern. Mit großer Nüchternheit konstatiert der Autor, daß eine solche antideutsche Einstellung in dieser Zeit in breiten Kreisen der niederländischen Gesellschaft regelrecht zum ‚guten Ton‘ gehörte. Die Bundesrepublik erschien vielen als allzu stark, allzu saturiert und selbstbewußt. Nicht zuletzt deshalb optierte man für die weiter entfernte, offenkundig sehr viel schwächere und nicht zuletzt in vielen Hinsichten auch erheblich unbekanntere DDR. Bald ging es, zumindest innerhalb der niederländischen Arbeiterpartei, nicht mehr um die Frage, ob man den ostdeutschen Staat anerkennen solle, sondern wie und wann dies am besten geschehe. Vielleicht rückt Pekelders Darstellung diese auf die Anerkennung der DDR drängenden politischen Kräfte allzu sehr in den Vordergrund. Immerhin votierten noch 1970 lediglich 33 Prozent der niederländischen Bevölkerung für die Anerkennung, 35 Prozent lehnten diesen Schritt ab (240 f.). Aber die Zeit arbeitete in der Tat international und insofern auch innerhalb der Niederlande für die Verfechter der Anerkennung.

Zu deren Schrittmachern gehörte an der Wende zu den siebziger Jahren eine Koalition aus Kommunisten, linken Sozialdemokraten und Mitgliedern der Niederländischen Christlichen Studentenvereinigung. Das Auftreten der letztgenannten Gruppe gehört in den großen, in seinen Voraussetzungen und erst recht in den Konsequenzen noch keineswegs hinreichend erfaßten Kontext der tiefgreifenden sozialen und insbesondere kulturellen Umbrüche jener Jahre. Pekelder zeigt, wie eine geradezu süchtig nach sozialpolitischen Alternativen gegenüber der westlichen Gesellschaftsordnung gierende vielstimmige Linke darin übereinstimmte, daß sie die DDR in einem heute kaum mehr nachzuvollziehenden Ausmaß als den Inbegriff einer prinzipiell idealen sozialistischen Gesellschaft wahrnahm und feierte. Diese Haltung verband sich mit einem spezifisch niederländischen „Sendungsbewußtsein“ (361). Zu diesem in Deutschland durchaus bekannten, aber darum keineswegs verständli-chen Phänomen hätte der Leser gern mehr erfahren.

Im letzten Kapitel, das unter der Überschrift „Rote Preußen“ die Zeit zwischen 1973 und 1989 behandelt (281–343), laufen die „Bildformungen“ vollends auseinander. Pekelder versteht es, auf der Grundlage der vorangegangenen Kapitel die Fäden zu entwirren. Intensiv entfalteten sich nach der offiziellen Anerkennung der DDR die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten. Zurückhaltend blieben die amtlichen Kontakte, wäh-rend die privaten, insbesondere in Gestalt der seit 1973 angebahnten kirchlichen Gemeindekontakte, regelrecht explodierten. Die politische Linke fuhr fort, allerdings mit deutlich abnehmendem Erfolg, die DDR und ihr Gesellschaftssystem zu preisen. Die Mehrheit der niederländischen Bevölkerung zeigte sich davon immer weniger beeindruckt.

In der Schlußbetrachtung (345–365) nimmt Pekelder nach der Zusammenfassung des in den vorangegangenen Kapiteln Erarbeiteten noch einmal die Frage auf, wie es möglich war, daß ein keineswegs geringer Teil der niederländischen linken Intelligenz unterschiedlicher Herkunft jener wirklichkeitsfernen Idealisierung der DDR erliegen konnte, genauer gesagt: der Hingabe an ein selbst entworfenes und dann intensiv proklamiertes Idol. Zurecht konstatiert er, daß es sich dabei um die radikale Entfremdung gegenüber der eigenen Gesellschaft handelte. Aber ist damit schon alles gesagt?

Pekelder hat eine nicht nur informative, sondern ausgesprochen kluge und weiterführende Untersuchung vorgelegt. Die angemerkten Einwände sowie einige kleinere Fehler – so lautet z.B. der Vorname des Rezensenten nicht Manfred (14), Haus Villigst war ein besonderes Evangelisches Studienwerk und keineswegs einfach ein Studentenheim (398, Anm. 62) usw. – können und wollen dieses Urteil nicht schmälern. Das Buch leistet nicht nur einen wesentlichen Beitrag zu den deutsch-niederländischen Beziehungen, sondern es dient insgesamt dem so wesentlichen Prozeß der europäischen Annäherung und Verständigung.


[1]  Beitrag in: Zentrum für Niederlande-Studien, Jahrbuch 13 (2002), Münster 2003

Autor: Martin Greschat
Erstellt: Februar 2007