IV. Normalisierte Beziehungen nach 1973: Honecker-Besuch

Niederländische Distanz

Nach der Anerkennung blieb die niederländische Haltung gegenüber der DDR beinahe ebenso reserviert wie zuvor. Die Niederlande waren überwiegend an Handelsbeziehungen interessiert und verhielten sich darüber hinaus distanziert. Obwohl die gegenseitigen Beziehungen nun „normalisiert“ waren, handelte es sich aus Sicht der niederländischen Regierung bei der DDR mit ihrem politischen Unterdrückungsapparat keineswegs um einen „normalen“ Staat. Die Niederlande reagierten folglich reserviert, wenn nicht sogar abweisend, gegenüber verschiedenen Bemühungen Ostdeutschlands, die gegenseitigen Beziehungen bereits in den ersten Jahren nach der Anerkennung schnellstmöglich zu intensivieren. Erst im Januar 1977 durfte der ostdeutsche Außenminister, Oskar Fischer, den Niederlanden einen Besuch abstatten. Für die ostdeutsche Delegation stellte der Empfang durch Königin Juliana und Ministerpräsident Joop den Uyl den Höhepunkt des Besuches dar. Solche Referenzen boten ihnen die Möglichkeit, die eigene Bevölkerung davon zu überzeugen, dass ihr Staat auch im Westen Respekt genoss.

Im September 1979 erbrachte der Niederländische Außenminister, Chris van der Klaauw, den Gegenbesuch an die DDR. Bei dieser Gelegenheit unterzeichnete er auch ein Abkommen über kulturelle Zusammenarbeit, auf welches die DDR schon seit Jahren gedrungen hatte. Doch das Abkommen gab den niederländisch-ostdeutschen Beziehungen nicht die von der DDR und einigen Niederländern erhofften Impulse. Es fiel Anfang der 1980er Jahre dem stark polarisierten politischen Klima in den Niederlanden zum Opfer. Kurz zuvor war es der Linken gelungen, die niederländische Regierung zu bewegen, das Kulturabkommen mit dem durch das Apartheidsystem stigmatisierten Südafrika zu kündigen. Aus Protest dagegen setzen die VVD und kleinere christliche Parteien durch, dass die Ratifikation des Kulturabkommens mit der DDR auf lange Zeit ausgesetzt wurde. Aufgrund der Indifferenz nachfolgender niederländischer Kulturminister, des Desinteresses bzw. der Antipathie gegenüber der DDR, wurde die Ratifikation erst kurz vor dem zweiten Staatsbesuch von Außenminister Fischer realisiert.

Für das Verhältnis zwischen den Niederlanden und der DDR auf staatlicher und ministerieller Ebene spielten die divergierenden Auffassungen über Menschenrechte stets eine große Rolle. In bilateraler Hinsicht gab es Probleme mit gemischten niederländisch-ostdeutschen Ehen und DDR-Bürgern, die nach niederländischem Recht auch die niederländische Staatsbürgerschaft besaßen, aber die DDR nicht verlassen durften. Da das wiederholte Eingreifen der niederländischen Botschaft in Ostberlin auf die Haltung der DDR keine wesentliche Wirkung erzielte, stellten diese „humanitären Fälle“ bis 1989 fortwährende Belastungen in den bilateralen Beziehung dar.

Der Besuch Honeckers 1987

Vom 3. bis zum 5. Juni 1987 erstattete Staats- und Parteichef Erich Honecker den Niederlanden einen dreitägigen Besuch, der als Höhepunkt der Beziehungen zu den Niederlanden gewertet werden kann. Wenige Monate später sollte der Staatschef der DDR durch den westdeutschen Bundeskanzler Helmut Kohl empfangen werden, nachdem die Sowjetunion ein solches deutsch-deutsches Gipfeltreffen jahrelang blockiert hatte. Beim Zustandekommen des Besuches schaute die niederländische Regierung dann auch vorsichtig auf die Bundesrepublik. Aus Rücksichtsnahme auf Bonn wurde Honecker nicht zu einem „Staatsbesuch“ als Gast der Königin, sondern zu einem „offiziellen Besuch“ als Gast des Ministerrats eingeladen. Während des offiziellen Teils seines dreitägigen Besuches traf Honecker die Königin und die Vorsitzenden der beiden Parlamentskammern, Ministerpräsident Ruud Lubbers und Minister Hans van den Broek. Darüber hinaus sprach er mit Wim Kok (PvdA), dem Führer der größten Oppositionsfraktion in der Zweiten Kammer, und mit den Parteivorsitzenden der PdvA und CPN. Die meiste Aufmerksamkeit widmete die Presse dem Besuch, den Honecker dem Amsterdamer Widerstandsmuseum abstattete. Damit spielte die DDR auf geschickte Weise auf ihr Image als das „andere“, antifaschistische Deutschland an, das sie bei vielen Niederländern genoss. Im Museum wurde durch niederländische Kommunisten ein öffentlichkeitswirksames Treffen mit einem 90-jährigen ehemaligen Oppositionellen arrangiert. Als Flüchtling aus Nazi-Deutschland hatte Honecker 1934 einige Zeit bei diesem Amsterdamer Kommunisten Unterschlupf gefunden. Doch fehlte es nicht an kritischen Pressekommentaren, und auch Würdenträger und andere Prominente stellten unangenehme Fragen besonders zur Menschenrechtsfrage in der DDR.

Im Rahmen seines Aufenthaltes in den Niederlanden hatte Honecker seine Gastgeber zu einem Gegenbesuch in die DDR eingeladen. Ab Oktober 1988 nahmen die beiden Außenministerien die Planung dieses Besuches in die Hand. Auf niederländischer Seite herrschte angesichts der zunehmenden Unruhen in der DDR keine große Begeisterung über den Besuch Ostberlins. Dennoch wurde im Februar 1989 entschieden, dass Lubbers und Van den Broek vom 20. bis zum 21. September der DDR einen „offiziellen Besuch“ abstatten würden. Es wäre interessant, um nicht zu sagen pikant, gewesen, wenn dieser Besuch tatsächlich durchgeführt worden wäre. Denn er hätte inmitten der Flüchtlingskrise vom Herbst 1989 stattgefunden. Der Fall des zweiten Kabinetts Lubbers’ am 2. Mai 1989 und die darauffolgenden Wahlen zur Zweiten Kammer kamen dem Besuch zuvor. Am 8. Mai 1989 sagte der niederländische Botschafter in Ostberlin den bevorstehenden Besuch auf unbestimmte Zeit ab.


Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004