Die Niederlande und die DDR 1949 bis 1990

XXVII. Motive: Anti-Establishment, anti-Kalter-Krieg und anti-westdeutsch

Das Anerkennungsplädoyer von PSP, Nieuw Links, D66 und den jungen Radikalen innerhalb der protestantischen ARP wurzelte zum größten Teil in Motiven, die mehr oder weniger von der DDR losgelöst zu betrachten sind. Die Rolle der DDR bei der Entstehung der niederländischen Anerkennungsdebatte war nur gering. Auch die Bildformung über die DDR war nur von untergeordneter Bedeutung, doch gab es Niederländer in linken, besonders auch links-protestantischen, Kreisen, die die DDR idealisierten. Die Wahrnehmung Ostdeutschlands war innerhalb der „Anerkennungsbewegung“ bzw. zwischen Teilgruppen (wie der PSP oder Nieuw Links) sehr unterschiedlich. Das innenpolitische Klima in den Niederlanden der späten 1960er Jahre war für das Zustandekommen der Anerkennungsplädoyers von entscheidendem Einfluss. 1966 kam es zu einem Ausbruch der in den fünfziger Jahren aufgestauten Unzufriedenheit über das soziale und politische System. Zusammen mit der früheren publizistischen „Wiederentdeckung“ der DDR seit 1964 schuf dieser Ausbruch von Unzufriedenheit den Nährboden für eine „Entdeckung“ der DDR als politischen Gegenstand, der als Kristallisationspunkt für verschiedene Formen von Protest und Widerstand instrumentalisiert werden konnte.

In den Anerkennungsplädoyers, die 1966 formuliert wurden, trafen drei anti-deutsche Stimmungen aufeinander: anti-Establishment, anti-Kalter-Krieg und anti-westdeutsch. Der prominenteste Faktor im Streben nach Anerkennung der DDR war der Widerstand gegen die gefestigte Ordnung. Ohne dieses Element hätte die Anerkennungsdebatte wahrscheinlich nicht die Schärfe erhalten, die sie zeitweilig besessen hat. Beim neulinken Anerkennungsplädoyer ist es noch stärker registrierbar als bei den anderen Parteien, die sich für eine Anerkennung stark machten. Hinter dem neulinken Anerkennungsplädoyer verbarg sich eine Rebellion gegen das Partei-Establishment, gegen die „alte Garde“ alteingesessener Parteipersönlichkeiten. Nieuw Links sah in der Anerkennungsfrage eine geschickte Waffe im Streit mit diesen durchschnittlich älteren Vorsitzenden um das Programm und die Altlasten der Partei. Aus diesem Grund machte die Gruppierung auf den Parteikongressen im November 1966 und März 1969 aus dem Thema eine Speerspitze ihres Erneuerungsstrebens.

Ein anderer wichtiger Faktor im Anerkennungsstreben war das anti-Kalter-Krieg-Denken. Dieses hing zum Teil eng mit dem anti-Establishment-Denken zusammen. Viele „Anerkenner“ wollten sich nicht länger mit der Konfrontationspolitik der gefestigten Ordnung gegenüber dem Ostblock abfinden. Sie hofften, dass durch eine Aufnahme der DDR in die internationale Staatengemeinschaft die Entspannung in Europa gefördert werden könne. Auch herrschte definitiv Unzufriedenheit über die unbedeutende Rolle der Niederlande auf der Bühne des Weltgeschehens. Bei den Besuchen, die Niederländer der DDR abstatteten, fällt auf, dass viele von ihnen, besonders die Neulinken, die etwas naive, optimistische Vorstellung hegten, dass die osteuropäischen Führer für ihre Argumente zugänglich waren und die besuchenden Westler als gleichwertige Gesprächspartner betrachten würden. Auf der Grundlage des ostdeutschen Archivmaterials hat die vorliegende Untersuchung gezeigt, dass die betroffenen DDR-Instanzen keineswegs auf einen Dialog mit den westlichen Besuchern aus waren. Im Gegenteil ging es ihnen nur um eine Instrumentalisierung der Besucher zur Verbreitung von Propaganda für den ostdeutschen Parteistaat im Westen im allgemeinen und für eine Anerkennung der DDR im besonderen.

Das dritte, anti-westdeutsche Element innerhalb der „Anerkennungsbewegung“ kam vor allem in der PSP und der PvdA zum Tragen. Aus Furcht vor einem mächtigen Deutschland nach Vorbild der Bundesrepublik strebten einige „Anerkenner“, wie zum Beispiel der PvdAler Lammers, nach einer Verankerung der deutschen Teilung. Hier entwickelte sich eine „Zwei-Deutschlands-Sicht“ auf die deutsche Frage, wobei die Existenz der DDR als Garantie für das europäische Gleichgewicht behandelt wurde. Deutschland würde geteilt und dadurch ohnmächtig bleiben. Die Anerkennung der DDR schien eine gute Möglichkeit, um die Existenz des ostdeutschen Staates und damit die deutsche Teilung in internationalen Absprachen zu verankern. Bemerkenswert ist hier die kritiklose Hinnahme von besonders einigen PSPlern und auch jenen wie Lammers der gegen die Bundesrepublik gerichteten Verleumdung durch die DDR. Vor allem ist die unbedenkliche Übernahme von sehr subjektiver Schriftwerken über Ex-Nazis auf hohen westdeutschen Posten (z.B. die Publikation einer Übersetzung des Braunbuch durch die PSP) kritisch zu sehen.


Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004