XVII. Der Fall der Mauer: 9. November 1989

Die Vorlage eines neuen Reisegesetzes Anfang November 1989 lieferte der neuen SED-Führung unter Egon Krenz keinen Erfolg. Im Rahmen von Demonstrationen in Leipzig und anderen Städten wurde dagegen protestiert. Man forderte nun die Entlassung vieler Spitzenpolitiker. Die SED kam dieser Forderung zum Teil auf einer Zusammenkunft des Zentralkomitees vom 7.-9. November nach, auf welcher ein Großteil der altgedienten Parteipersönlichkeiten und eine große Anzahl an Ministern abgesetzt wurde. Einer der ersten Beschlüsse der neuen Parteispitze war die Aufhebung aller Reisebeschränkungen. Durch grobe Regiefehler ging bei der Umsetzung dieser Maßnahme alles schief, was schief hat gehen können. Auf einer Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 machte Günter Schabowski, der Sprecher des Politbüros, vorzeitig die Öffnung der Grenzen bekannt. Auf die Frage nach dem Zeitpunkt, wann die Maßnahme in Kraft treten solle, antwortete Schabowski: „Sofort. Unverzüglich.“ Tausende Ostdeutsche, die die Pressekonferenz direkt auf dem Fernsehbildschirm verfolgt hatten, zogen zu den Grenzposten an der Mauer in Berlin und forderten freien Durchgang. Die Grenzpolizei sah sich nach einiger Zeit gezwungen, dem Druck der Menge nachzugeben. Ab Mitternacht waren in Berlin alle Grenzbäume offen. Berliner aus Ost und West fielen sich in die Arme, tranken Champagner und tanzten auf der Mauer.

In den niederländischen Zeitungen war der Fall der Mauer natürlich auf den Titelseiten. Laut de Volkskrant konnte man über die Konsequenzen dieses „historischen Moments“ nur mutmaßen. Die wesentliche Frage blieb noch immer, wie das NRC Handelsblad schrieb: „Wie kann der Zustand einigermaßen stabilisiert werden, so dass eine weitere Zersetzung der Gesellschaft im Osten Deutschlands vermieden werden kann.“ Die mögliche Vereinigung Deutschlands war das dominierende Thema in der Flut der Meinungsäußerungen, die kurz nach dem Fall der Mauer in der Presse erschienen. Unter den Pressekommentatoren und auch im Außenministerium herrschte die Vorstellung vor, dass die DDR noch eine geraume Zeit bestehen bleiben würde. Der Osteuropa-Experte Martin van den Heuvel argumentierte beispielsweise im NRC Handelsblad, dass die DDR sich aufgrund ihrer totalitären Vergangenheit im Hinblick auf Mentalität und demokratische Entwicklung zu sehr von Westdeutschland unterschied. Außerdem bedeutete die „Wende“ für viele Ostdeutsche, „in erster Linie ein Sich-Abwenden vom ‚Kommandosozialismus’ und keineswegs eine Akzeptanz der Demokratie westlicher Art“. Van den Heuvel hatte aber wohl auch seine eigenen Gründe, um die deutsche Wiedervereinigung abzulehnen. Das Gerede darüber sollte seines Erachtens eingestellt werden, denn sonst könnte es zu einer ‚self-fullfilling prophecy’ werden. [1]

Atemberaubendes Tempo

Eine Anzahl an Kommentatoren begründete die Erwartung, die deutsche Wiedervereinigung werde noch einige Zeit auf sich warten lassen, hauptsächlich unter Hinweis auf die eingreifende Neustrukturierung der europäischen Staatenordnung, die dafür nötig sein würde. Es blieb schließlich auch die Frage, ob die Sowjetunion auf ihren Teil von Deutschland verzichten würde. Zu diesem Punkt äußerte sich Außenminister Hans van den Broek auf einer Pressenkonferenz bereits am Tag nach dem Fall der Mauer. Bei dieser Gelegenheit erklärte er, die wichtigste politische Schlussfolgerung der niederländischen Regierung aus den „in atemberaubendem Tempo“ verlaufenden Ereignissen in der DDR sei, dass „mehr als je zuvor an den Zielen der europäischen Gemeinschaft festgehalten werden [müsse]“. In Hinblick auf die Wiedervereinigungsdiskussion bemerkte der Minister, dass die niederländische Regierung das in den Helsinki-Abkommen fixierte Selbstbestimmungsrecht für alle Völker immer vertreten habe. „Und wenn das ostdeutsche Volk gemeinsam mit dem der Bundesrepublik zu dem Schluss kommt, dass eine Wiedervereinigung angestrebt und in die Tat umgesetzt werden muss, dann ist das ihre, und natürlich in friedvoller Weise und aus freien Stücken getroffene, Entscheidung.“ Dabei bemerkte Van den Broek, er gehe davon aus, dass die Bundesrepublik „es so sieht, wie auch wir, dass die deutsche Wiedervereinigung kein Ziel an sich ist, sondern höchstens Folge der allgemeinen Annäherung zwischen Ost- und Westeuropa sein kann, sprich: der Aufhebung der Teilung Europas, die uns allen faktisch unfreiwillig auferlegt ist.“

Sehr viel entschiedener als andere Kommentatoren äußerte sich NRC-Kolumnist J.L. Heldring. Dieser begann seine Rubrik „Dezer Dagen“ (Dieser Tage) vom 14. November 1989 mit der Feststellung: „Wann beide deutsche Staaten wieder vereinigt sein werden, wissen wir nicht, aber das deutsche Volk ist schon wieder vereinigt.“ Die ergreifenden Szenen von sich in die Arme fallenden Ost- und Westdeutschen, die auf die Öffnung der Mauer und der übrigen deutsch-deutschen Grenzen folgten, hatten das dem Kolumnist zufolge deutlich gezeigt. Und er fuhr fort: „Nun denn, wenn zwei Teile eines Volkes nicht länger getrennt sind, wird die staatliche Einheit nicht lange auf sich warten lassen.“


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004