X. Der Bau der Mauer 1961

Gegen Ende des Jahres 1960 begann der Flüchtlingsstrom nach Westdeutschland über das Westberliner Schlupfloch im Eisernen Vorhang für das SED-Regime erschreckende Ausmaße anzunehmen. Die seit 1958 anhaltende internationale Krise um Berlin verschlimmerte noch den Zustand. Vor dem Hintergrund dieser anwachsenden Spannungen beschäftigte sich auch der niederländische Ministerrat im Laufe des Jahres 1961 immer häufiger mit der Berlin-Krise. In der Kabinettssitzung vom 21. Juni 1961 zeigte sich Minister Luns „kaum optimistisch gestimmt“. Es würde „durch Pokern auf russischer und Prestigefragendenken auf westlicher Seite wohl zu einer sehr schweren Krise, die im November/Dezember ihren Höhepunkt erreichen wird, (...) kommen können.“ Sogar die Protokolle verlautbarten: „Er hält es nicht für ausgeschlossen, dass es zu Kämpfen kommt.[1]

Die tatsächliche Errichtung der Grenze zwischen Ost- und Westberlin in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 (erst mit Stacheldraht, später mit einer Betonmauer) wurde in den Niederlanden nicht als Überraschung aufgenommen. Bereits am 5. August 1961 berichteten de Volkskrant und Het Parool, dass sich Ulbricht vermutlich bereits seit einigen Tagen in Moskau aufhielte, um über die Abriegelung der DDR zu verhandeln. Die moralische Empörung über die Einschließung Westberlins war dadurch keineswegs geringer. Laut NRC-Korrespondent Huizinga war Ostberlin eine “Stadt hinter Stacheldrahtmauern“ geworden, während de Volkskrant von „einem schwer bewachten Gefängnis“ sprach. Die Beiträge der niederländischen Presse waren niederschmetternd. Wochenlang beherrschte Berlin die Titelseiten. Besonders die ersten Artikel beschäftigten sich stark mit dem menschlichen Drama, dass sich in Berlin vollzog. Am Abend des 13. August 1961 brachten die niederländischen Fernsehnachrichten eine Sondersendung mit Bildern, wie der Stacheldraht unter den gleichgültigen Augen der Ostberliner Grenzposten bzw. den beunruhigten Augen der Westberliner Bevölkerung ausgerollt wurde.

Die Abriegelung Westberlins war den niederländischen Zeitungen zufolge „eine schwere moralische Niederlage“ (Trouw) für den Ostblock im ideologischen Streit mit dem Westen. Sie stellte eine Manifestation der „Ohnmacht“ Chruschtschows dar, laut de Volkskrant, die unter Bezugnahme auf die russischen Raumfahrtserfolge über ihn schrieb: „Ein Mann, der Raketen weiter und höher schießt als jeder andere, versagte in seinem Griff nach dem Menschen.“


[1] Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004