XVI. Oktober 1989: Krenz und Volk

Die Feier zum 40-jährigen Bestehen der DDR am 6. und 7. Oktober 1989 wurde durch massive Proteste überschattet, die mit viel Gewalt durch die Sicherheitskräfte unterdrückt wurden. Durch Michail Gorbatschow inspiriert initiierten Egon Krenz, wie Honecker Alt-Vorsitzender der kommunistischen Jugendorganisation FDJ, und Günter Schabowski in den folgenden Tagen eine Verschwörung gegen Honecker. Zehn Tage später setzten sie Honecker im Rahmen der Versammlung des Politbüros am 17. Oktober 1989 ab. Krenz wurde zum neuen Generalsekretär der SED gewählt.

Ende August hatte sich die niederländische Botschaft die Frage nach der Nachfolge Honeckers gestellt, wobei Krenz die größten Chancen zugeschrieben wurden. Dass Krenz eine glaubwürdige Alternative zu Honecker darstellen könnte, wurde allerdings bezweifelt. NRC-Redakteur Peter Michielsen schrieb eine Woche vor Honeckers Rücktritt zum Beispiel, dass Krenz’ Weltbild „sich nicht wesentlich von dem seines Mentors Honecker unterscheidet und das DDR-Bild vor allem von Unsicherheit über die eigene Legitimität geprägt ist, Unsicherheit über die Konsequenzen von Reformen in einem Land, das noch immer keine Nation ist, sondern ein Staat, erbaut auf ideologischem Fundament.“ [1]

„Too little, too late“

Das beherrschende Thema in allen Kommentaren zur Nachfolge durch Krenz und zu dessen „Wende“-Politik war entsprechend seine Glaubwürdigkeit als Reformer. Die war jedoch mehr als fragwürdig. Erstens empfanden es viele Ostdeutsche als enttäuschend, dass Krenz ebenso wie Honecker alle wichtigen Partei- und Staatsfunktionen in sich vereinte. Dabei hielt er an der zentralen Machtposition der Partei fest. Ferner wurde Krenz durch sein Image als zweiter Mann hinter Honecker belastet. Die Kommentare der Botschaft in Ostberlin und in der niederländischen Presse wiesen deutlich darauf hin, dass das Volk seine Konzessionen stets als „too little, too late“ ansah. Ende Oktober konstatierte die Botschaft in Ostberlin, dass das Politbüro weit hinter der politischen Aktivität der Bevölkerung hinterherhinkte. Ohne zügige Personalauswechselungen im Politbüro und der Regierung würden Krenz und die seinen die letzte Chance, den Entwicklungen „eine Richtung“ zu geben, vergeben.

Der Druck auf die Partei wurde ferner durch eine massive Demonstration in Ostberlin am 4. November 1989 und Enttäuschung über ein angekündigtes neues Reisegesetz, das nicht den Erwartungen entsprach, noch größer. Man fragte sich, warum die Führung mit solch unzureichenden Zugeständnissen aufwartete. NRC Handelsblad schien eine Erklärung in den weit auseinandergehenden Ansichten der Führung und den Wünschen der Bürger zu suchen. Dies Problem entstehe aus der Tatsache, dass mit den Reformen in der DDR im Grunde genommen zu spät begonnen worden sei. Was seinerzeit bei Gorbatschows Antritt in der Sowjetunion „eine überraschende und hoffnungsvolle Innovation“ gewesen war, wurde anno 1989 von der ostdeutschen Bevölkerung „mit einem glatten Ungenügend“ abgelehnt, so das NRC Handelsblad. Dies führte laut Trouw zu dem peinlichen Szenario, dass Krenz den „Arbeiter- und Bauernstaat“ weiterhin hegte und pflegte, „während die Arbeiter und Bauern [sich abwandten]“. Die Lösung, schrieb das NRC Handelsblad am 8. November 1989, sei der Abgang von Krenz: Blieb er, riskierte die Partei „das Schlimmste, einen Aufstand“. Nur wenn Reformer wie Modrow endlich eine Chance bekämen, wäre das Blatt vielleicht noch zu wenden. „Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands steht vielleicht vor einer dramatischen Entscheidung und einer historischen Chance – vielleicht ihrer letzten.“


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004