XIX. Die vier kontroversesten niederländischen Aussagen über die DDR

„Die Anerkennung der DDR und des Vietcong ist notwendig“

Im Oktober 1966 bildete sich innerhalb der sozialdemokratischen PvdA eine Oppositionsgruppierung aus unzufriedenen Zwanzigern und Dreißigern: „Nieuw Links“ (Neulinke). Diese Gruppe publizierte ein Aufsehen erregendes Pamphlet, in welchem unter anderem zehn Forderungen zur Reformierung der niederländischen Politik formuliert wurden. Die fünfte Forderung stellte uumwunden fest: „Die Anerkennung der DDR und des Vietcong ist notwendig.“ Nieuw Links plädierte für eine bedingungslose und unmittelbare diplomatische Anerkennung der DDR durch die Niederlande. Nieuw Links hatte folglich keine Vorbehalte gegenüber der Anerkennung der DDR, z.B. bezüglich des Status West-Berlins oder der menschlichen Kontakte zwischen Ost- und Westdeutschland. Nieuw Links ignorierte auch ohne Skrupel die NATO-Absprachen zur Nicht-Anerkennung und nahm den Zorn der westdeutschen Schwesterpartei der PvdA in Kauf. Durch diese Vorbehaltlosigkeit unterschied sich Nieuw Links von anderen neu aufstrebenden Gruppierungen in der niederländischen Politik. Die Linksliberalen der neuen Partei D’66 und die jungen Radikalen der protestantischen ARP wünschten auch die Anerkennung der DDR, aber sahen diese als ein Resultat eines komplexen Verhandlungsprozesses zwischen Ost und West. Darum stand gerade die neulinke Haltung zur DDR im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. [1]

Die Berliner Mauer: „Sie ist die Staatsgrenze, daher wird sie streng bewacht. (...) Daher wird auch auf Flüchtlinge geschossen.“

Han Lammers war zwischen 1966 und 1970 der wichtigste Auslandssprecher von Nieuw Links, der oppositionellen Bewegung innerhalb der sozialdemokratischen PvdA. Er war auch Redakteur der links-intellektuellen Wochenzeitung de Groene Amsterdammer. Im Juni 1967 unternahm er in Gesellschaft von niederländischen Journalisten eine Reise in die DDR, worüber er nach seiner Rückkehr schrieb. Vor allem seine Bemerkungen über die Mauer waren – und sind noch – anstößig. Die Mauer, schrieb Lammers, sah von der DDR aus „weniger bedrohlich aus, als man vermuten würde“. Es schien, dass er die offizielle ostdeutsche Argumentation, der Bau der Mauer diene der Errichtung eines „antifaschistischen Schutzwalles“ größtenteils mittrug. Er schrieb darüber: „Wenn man [d.h. Lammers, JP] die Argumentationskette gehört hat, die zum Beschluss geführt hat, sie zu errichten, steht man ihr viel weniger verwundert gegenüber als zuvor.“ Besonders die wirtschaftliche Unterwanderung der DDR durch den Westen hätte die Mauer notwendig gemacht. Lammers stellte die Mauer auch viel positiver dar als sein Reisegefährte, der Trouw-Journalist Henk Glimmerveen. Dieser kritisierte die „abscheuliche Mauer“ und die Tatsache, dass die Ostdeutschen ihren Staat nicht verlassen durften, scharf. Unter völliger Ignoranz der Todesopfer, die die Mauer bereits schon 1967 gefordert hatte, schrieb Lammers dagegen über die Bewachung der Mauer: „Sie ist die Staatsgrenze, daher wird sie streng bewacht. Ohne die Bewachung würde kein Mensch ernsthaft an sie glauben. Daher wird auch auf Flüchtlinge geschossen.“ Im Rückblick nannte Lammers 1997 seine eigene „lakonische Reaktion auf die Schüsse an der Grenze (...) rätselhaft.“ Er begriff gut, dass man ihm dies immer wieder vorhielt. „Nebenbei bemerkt bin ich in Gesprächen darüber stets von dem Ausgangspunkt ausgegangen, dass eine entspannende Anerkennung der DDR auch zu einer Normalisierung und Humanisierung der Verhältnisse in der DDR führen müsse. Dass das nicht dabei herausgekommen ist, war für mich unter anderem der Anlass, mich immer ablehnender zu verhalten und, wenn auch mit Mühe, die Wiedervereinigung zu akzeptieren.“

„Wir irren uns gewaltig, wenn wir annehmen, dass in der DDR keine Rede von Demokratie ist.“

Im Juni 1967 machte Han Lammers, zwischen 1966 und 1970 der wichtigste Sprecher von Nieuw Links innerhalb der PvdA, eine Reise in die DDR. Nach seiner Rückkehr schrieb er über seine Erfahrungen in de Groene Amsterdammer, dem links-intellektuellen Wochenblatt, von welchem er selbst Redakteur war. „Geschrokken terug uit de DDR“ (Erschrocken aus der DDR zurück) lautete der Titel seines Artikels etwas irreführend. Der Autor war nämlich über den Kontrast zwischen dem gängigen Bild und der ihm zufolge viel rosigeren Wirklichkeit in der DDR erschrocken. Während sich andere Neulinke, die die DDR schon zu Beginn 1966 besucht hatten, keine Illusionen über das ostdeutsche politische System machten, erklärte Lammers nach seiner Reise: „Wir irren uns gewaltig, wenn wir annehmen, dass in der DDR keine Rede von Demokratie ist.“ Diese aufsehenserregende Feststellung bezog sich auf das Gesetzgebungssystem. Bevor ein Gesetzesentwurf in der Volkskammer eingebracht würde, würde er in Zeitungen, Parteien und Betrieben „so breit wie möglich zur Diskussion gestellt“, berichtete Lammers. Die „Anregungen und angebrachten Anmerkungen“, die aus diesem Mitspracheverfahren hervorgingen, würden in dem Gesetzesentwurf verarbeitet. Dass am Ende des gesamten Prozesses die Volkskammer den vorgelegten Gesetzen einstimmig zustimmte, wurde im Westen oft als Zeichen des undemokratischen Charakters der DDR betrachtet. Lammers hielt diese Schlussfolgerung für falsch: „Es kann ebenso gut darauf hinweisen – und den Eindruck habe ich ganz entschieden - , dass der demokratische Prozess der Meinungsbildung und Beschlussfassung tatsächlich schon überstanden ist, weil er in einem früheren Stadium als bei uns, und auch näher an der Basis als bei uns, begonnen wird.“ Lammers war der erste (außerhalb der CPN), der so unumwunden behauptete, dass die DDR nicht so sehr eine Diktatur war, sondern eher eine andere Form der Demokratie. In den 70er und 80er Jahren waren auch Gruppen wie die aus der NCSV entstandene Werkgroep Oost Europa Projekten und die Vereniging Nederland-DDR aufgeschlossen für die „sozialistische Demokratie“ in der DDR, auch wenn sie diese meist mit kritischer Distanz betrachtet hatten. Nachträglich hat Lammers allerdings eingesehen, ein zu positives Bild gezeichnet zu haben. 1995 erklärte er in einem Rückblick: „Natürlich war in jener Zeit der Wunsch häufig Vater der Gedanken. Wenn man also das, was man sah, in eine gute, hoffnungsvolle Richtung interpretieren konnte, dann ließ man das nicht ungetan. Und dabei bin ich wohl etwas zu weit gegangen. Eine Erklärung sehe ich in der Tatsache, dass ich in jenen Jahren eine Gegengewicht zum Kalten Krieg und seinen Überresten bieten wollte.“

Die Mauer ist „historisch richtig (...) gewesen, trotz aller nachteiligen Effekte, die daran hafteten.“

Im September 1975 besuchte eine sechsköpfige Delegation des PvdA-Vorstandes unter der Leitung des Parteivorsitzenden Ein van den Heuvel-de Blank die DDR auf Einladung des Zentralkomitees der SED. Es handelte sich um das erste Mal, dass eine westliche sozialdemokratische Partei auf einer so hohen Ebene Kontakt mit dem ostdeutschen kommunistischen Regime aufnahm. Die PvdAler besuchten unter anderem Ostberlin und die Hafenstadt Rostock. Höhepunkt des Besuches war das Treffen mit SED-Chef Honecker. Am Ende wurde ein gemeinsames Kommuniqué über die zukünftige Zusammenarbeit unterzeichnet. Das Kommuniqué war, was den Ton und die Thematik anging, allerdings einseitig ostdeutsch gefärbt, was in den niederländischen Presseberichten kritisiert wurde. Noch viel mehr Kritik erregten die Erklärungen der Delegation während einer Pressekonferenz unmittelbar nach der Rückkehr vom Flughafen Schiphol. Viele der Presse- und Politikkommentatoren nahmen Anstoß an der naiv erscheinenden Stimmung brüderlicher Kooperation für die linke Sache zwischen PvdA und SED, die Van den Heuvel positiv beurteilte. Die größte Empörung rief jedoch eine Aussage von Jan Nagel, einem prominenten Neulinken, der die DDR bereits 1966 erstmalig besucht hatte, hervor. Er erklärte, dass die Mauer „historisch richtig (...) gewesen war, trotz aller nachteiligen Effekte, die daran hafteten.“ In Diskussionen über die Mauer während des DDR-Besuches hätten die ostdeutschen Gastherren „deren Notwendigkeit auch nachgewiesen“, so Nagel. Führende PvdAler wie der Fraktionsvorsitzende der Zweiten Kammer Ed van Thijn und Ministerpräsident Joop den Uyl distanzierten sich sofort von diesen Erklärungen. Van Thijn nannte Nagels Aussage „unglücklich“ und undurchdacht. Nagel hätte den Eindruck erweckt, dass die Delegation von den Ostdeutschen „eingewickelt“ worden wäre. Unter dem Eindruck der ostdeutschen Gastfreiheit schienen die Delegationsmitglieder ihre kritische Urteilsfähigkeit aufgegeben zu haben. Den Uyl zufolge war Nagels Aussage „schockierend“, gerade weil sie von einem Sozialdemokraten stammte. Die rechten Parteien im niederländischen Parlament attackierten das Verständnis für die Mauer sehr stark. Van Thijn musste alle Bande kappen, um die PvdA zu retten. Die Zusammenarbeit zwischen PvdA und SED, die den Absprachen zufolge einen Höheflug hätte antreten sollen, kam aufgrund der öffentlichen Furore rund um den Besuch von 1975, niemals wirklich in die Gänge.


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004