XII. Ulbrichts Fall und Honeckers Aufstieg 1971

Ende der sechziger Jahre wuchsen die Gegensätze zwischen DDR-Staatschef Walter Ulbricht und der Sowjet-Leitung. Auf ideologischer Ebene begann Ulbricht sich als der wahre orthodoxe Marxist-Leninist hervorzutun, was in Moskau mit Argusaugen verfolgte wurde. Ferner herrschte Uneinigkeit über den gemeinsamen Handel und über die Weise, wie der Ostblock auf die Annäherungsversuche der sozialliberalen Regierung unter Brandt reagieren sollte. Während die Sowjetunion und die Bundesrepublik 1970 über eine Verbesserung ihres bilateralen Verhältnisses verhandelten und darüber einen Vertrag abschlossen, wehrte sich Ulbricht weiterhin gegen eine Annäherung an Bonn. Unter dem Druck seines eigenen Politbüros und, noch wichtiger, des Sowjet-Führers Leonid Breschnew übertrug Ulbricht Anfang Mai 1971 die Funktion des Ersten Staatssekretärs des SED-Zentralkomitees (Parteivorsitzender) und den Vorsitz über den Nationalen Verteidigungsrat an Erich Honecker. Allerdings blieb Ulbricht bis zu seinem Tod 1973 Vorsitzender des Staatsrates der DDR.

Ulbrichts „Kronprinz“

Der ostdeutsche Machtwechsel war eine Weltneuigkeit und wurde in der niederländischen Presse ausführlich kommentiert. Der Rückzug des „ewigen ostdeutschen Diktators“ (NRC Handelsblatt) kam trotz der Gerüchte über Uneinigkeit mit Moskau doch überraschend. Einige Kommentatoren glaubten an einen Rückzug „aus eigener Erwägung“ (H. Malta im NRC), andere betonten die Möglichkeit von „einem stillen Wink [sic] Moskaus“ (de Volkskrant): „Ulbricht, Symbol des Kalten Krieges und der deutschen Teilung, war [mittlerweile] ein hinderlicher Faktor in der europäischen Entspannungspolitik der Sowjetführung geworden.“

Weniger überraschend als Ulbrichts erzwungener Abschied war für die niederländischen Beobachter die darauffolgende Ernennung Honeckers zu seinem Nachfolger als Parteivorsitzender. Bereits 1968 wurde der ehemalige Vorsitzende der kommunistischen Jugendorganisation FDJ und Sekretär für Sicherheitsfragen als Ulbrichts „Kronprinz“ gehandelt. Davon zeugt ein Brief von einem ehemaligen Mitarbeiters der niederländischen Militärmission in Berlin. Honeckers Position stützte sich nicht nur auf die „unverhohlene Sympathie“ des alten Staats- und Parteichefs, sondern auch auf eine eigene Anhängerschaft aus ehemaligen FDJ-Funktionären innerhalb des Parteikaders. Ein Deutschland-Mitarbeiter des Außenministeriums beschrieb Honecker bei dessen Antritt als „einen treuen Paladin von Ulbricht“, der für diesen manche Säuberung „korrekt“ durchgeführt und überdies die Mauer gebaut hatte. Auch in den Zeitungen wurde der neue Parteivorsitzende als „Mann der ‚völligen Trennung’ von Bundesrepublik und DDR“ beschrieben, und, wie Parool-Kommentator J.C.F. Bletz es formulierte, als „böser Genius“ in der SED. Alles in allem erwarteten die niederländischen Pressekommentatoren von dem neuen Mann in Ostberlin, der bis vor kurzem so loyal gegenüber seinem Vorgänger und Lehrmeister gewesen war, nicht, dass er eine neue, selbst vielleicht liberalere DDR begründen würde.


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004