XX. DDR-Beobachter Huib Hendrikse: nuanciert, aber nicht naiv

Es dauerte lange, bis in den Niederlanden seriös und ohne zuviel Vorurteile über die DDR Bericht erstattet wurde. Eine der ersten tiefgehenden und nuancierten Darstellungen der DDR lieferte Huib Hendrikse, Redakteur der protestantischen Tageszeitung Trouw, in einer Reihe von elf Artikeln im Februar und März 1964. Auf der Grundlage einer Reportagereise kommentierte Hendrikse unzählige Aspekte der DDR: politische Themen wie das Verhältnis zu Westdeutschland, die Mauer, die Parteiführung, die Kaderfunktionäre von Partei und Staat, den Antifaschismus, den Militarismus und gesellschaftliche Themen wie das Privatleben der Ostdeutschen, das Bildungssystem, die Jugend und die Kirche in der DDR. Die Serie begann mit einem langen Zitat von „einem jungen Intellektuellen“ aus Karl-Marx-Stadt. Darin wurde die DDR als „ein vollkommener Kindergarten“, dessen Leitung „so autoritär [war,] wie eine deutsche Leitung nur sein kann“. Die Partei behandele die Bürger nicht als erwachsene Menschen, sondern hielt sie in einer „abscheulichen Isolation“, die schlimmer war als in anderen kommunistischen Staaten wie zum Beispiel Polen. Die Spitze der SED sei noch sehr dogmatisch und dem Berichterstatter zufolge müsse die „wirkliche Entstalinisierung (...) in Ostdeutschland noch immer beginnen.“ Anders als die Spitze der SED seien die niedrigeren Parteifunktionäre derselben Generation Hendrikse zufolge meistens keine Stalinisten, „sondern Befürworter eines milden Kurses“. Dies bedeute nicht, dass sie „Liberale“ seien, denn sie glaubten vor allem an die Partei und beim Hören des Wortes „Demokratie“ würden ihre Gedanken unmittelbar „der Armut, Arbeitslosigkeit und Rechtlosigkeit in der Weimarer Republik“ gelten. Von dieser Erinnerung getrieben setzten sich die alten Kadermitglieder völlig für die Schaffung eines sozialistischen Staates ein. Dabei gingen sie ohne viele Skrupel und relativ paternalistisch ans Werk: „Was in ihrem Land auch für Verbrechen begangen worden sind, ihre Sache ist gerechtfertigt. (...) Ihre Politik ist die eines sanften Zwangs, die der unablässigen Schulmeisterei.“[1]

Das DDR-Bild, das in dem Panorama von Hendrikse zum Vorschein kam, entsprach der traditionellen Wahrnehmung der DDR als „Sowjet-Deutschland“, wobei hervorgehoben werden muss, dass Ostdeutschland inzwischen stalinistischer war als das Land Stalins. Auch aus der Sicht von Hendrikse blieb die DDR ein totalitärer Parteistaat. Es fällt allerdings auf, dass er nuancierter und einfühlender über Ostdeutschland und die Ostdeutschen schrieb als bis dato üblich war, zum Beispiel indem er sich die Mühe machte, die Beweggründe der alten Kommunisten zu analysieren und den Unterschied zwischen ihnen und der Führung unter Ulbricht herauszuarbeiten. Auch die Ausführlichkeit seiner Serie war neu; so detailliert war die DDR noch nicht beschrieben worden. Der breitgefächerte Ansatz und die andersartige Herangehensweise an die DDR standen mit der Zielsetzung seiner Reportagereise in Zusammenhang. Als er nach der Vorgeschichte der Reise befragt wurde, erklärte Hendrikse 1997, dass er sich damals über den verkrampften niederländischen Umgang geärgert hätte. Außerdem wurde das Bild der DDR in der niederländischen Presse nach seinem Geschmack zu sehr von der Bundesrepublik bestimmt. Bruins Slot, Chefredakteur der Trouw, J.A.H.J.S. und ehemaliger Fraktionsvorsitzender der im rechten Zentrum angesiedelten protestantischen ARP, schien an dieser Kritik sehr interessiert. Beim Schreiben nahm sich Hendrikse vor, auch die positiven Seiten der DDR zu beleuchten. Bruins Slot bestärkte seinen Mitarbeiter in dieser Haltung und unterstützte ihn, als die Reaktionen auf die Serie in den Niederlanden überwiegend negativ ausfielen.

Hendrikse fiel nicht in die Fallgruben, die einige andere niederländische Beobachter in den 1960er und 1970er Jahren nicht zu umgehen wussten. Obwohl die DDR in der Öffentlichkeit stets erklärte, dass die Mauer als Verteidigungsmittel gegen den westlichen Faschismus errichtet worden sei, brachte sie gegenüber westlichen Besuchern häufiger die Rechtfertigung an, dass die Abriegelung von Ostberlin das einzige Mittel gewesen war, um die wirtschaftliche Zerrüttung 1960/1961 zu stoppen. In seiner Serie von 1964 wies Hendrikse diese Entschuldigung als ein Beispiel von totalitärem Denken zurück. Seufzend stellte er fest: „Ich habe das geforderte Verständnis für die Mauer nicht aufbringen können.“ Darüber dachte J.B. Charles (Pseudonym des Kriminologen W.H. Nagel) etwas anders. Dieser schrieb 1965, dass die Mauer „eine notwendige Antwort“ auf die westliche Politik gewesen ist, die die DDR-Wirtschaft zu torpedieren trachtete. „Wenn an der Mauer etwas tragisch ist, dann ist es, dass sie von uns errichtet worden ist“, so Charles. Sein Bewunderer, der neulinke PvdAler und Journalist Han Lammers, ging im Juni 1967 noch einen Schritt weiter, indem er sogar Verständnis für das Schießen auf Flüchtlinge an der Mauer aufbrachte. Obwohl das in der DDR weitverbreitete Schuldgefühl über die Nazi-Zeit ihn ansprach und selbst rührte, war Hendrikse nicht blind gegenüber der politischen Instrumentalisierung des Antifaschismus durch das SED-Regime. In der Verfolgung von Andersdenkenden zeigte sich ihm zufolge die Unaufrichtigkeit des durch Partei- und Staatsführung deklarierten Antifaschismus: „Das Befehl-ist-Befehl ist auch in der DDR das leitende Prinzip.“ Außerdem kritisierte Hendrikse die Bagatellisierung des nicht-kommunistischen Wiederstandes durch die führenden ostdeutschen Kommunisten und den Einsatz von Ex-Nazis, „glücklicherweise nicht viele, aber doch immer noch zu viele“, beim Wiederaufbau der DDR. Darüber hinaus tat der ostdeutsche Militarismus, hinter der Maske des Kampfes für den Frieden, dem Antifaschismus Gewalt an. Andere Kommentatoren, die die DDR etwas später „entdeckten“, wiesen gerade dem offiziellen Antifaschismus der DDR eine große Bedeutung bei.

Huib Hendrikse hat sich nach der großen Reportagereise nicht weiter ausführlich mit der DDR beschäftigt. Er entwickelte sich zum Sowjetologen und Russlandkenner und arbeitete bis zu seinem frühen Tod 1999 beim Niederländischen Institut für Internationale Beziehungen („Clingendael“) in Den Haag.


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004