XXII. DDR-Beobachter J.L. Heldring: scharfer Analytiker, der ’89 die Konsequenzen voraussah

Seit Mitte der 1950er Jahre kommentierte der niederländische Journalist J.L. (Jerôme) Heldring das internationale Weltgeschehen: erst im Nieuwe Rotterdamse Courant und später im NRC Handelsblad, dem Nachfolger der erstgenannten Zeitung. Von einem konservativen, manchmal konservativ-liberalen Standpunkt aus lieferte Heldring scharfsinnige Kommentare über die Ereignisse auf der internationalen Bühne. Seine Sichtweise auf die Welt wurde dabei keinen Moment lang durch den Wahnsinn der damaligen Tagesordnung verdüstert. Während ihres Bestehens war die DDR ein regelmäßig wiederkehrendes Thema in seinen Betrachtungen. Nach 1990 widmete er den früheren „DDR-Fans“ in den Niederlande einige Kolumnen. Heldrings Analysen sind nicht nur kritisch, aber zeugen auch oft von einer originellen Sichtweise. Das wird aus seinem Kommentar über den DDR-Besuch einer Delegation des PvdA-Vorstandes unter der Leitung von dem Parteivorsitzenden Ien van den Heuvel-de Blank im September 1975 deutlich. Dieser Besuch motivierte eine öffentliche Debatte aufgrund der positiven Haltung der Delegation nach der Rückkehr in die Niederlande. Ein Delegationsmitglied, Jan Nagel, hatte sogar die Mauer als „historisch richtig“ und „notwendig“ bezeichnet. Viele Politiker und Publizisten beschuldigten die Delegation und die PvdA daraufhin der „selektiven Entrüstung“: die PvdA entrüste sich zwar über das Spanien Francos, aber schlösse ihre Augen vor dem Unrecht hinter dem Eisernen Vorhang. Obwohl NRC-Kolumnist J.L. Heldring wie andere Kommentatoren an Kritik nicht sparte, setzte er sich von dieser Beschuldigung ab. Er betrachtete die Vorstellung von „selektiver Entrüstung“ als Bezeichnung für den Kontrast zwischen dem Protest gegen Spanien und der Haltung gegenüber der Berliner Mauer als unzutreffend. Diese unterstellte nämlich eine bewusste Wahl und eine bewusste Verdrängung, wovon seines Erachtens nicht die Rede sein konnte.

Größeres Erklärungspotential lag Heldring zufolge in der These, dass die Niederländer sich „wenn es darauf ankommt, lieber mit dem identifizieren, was sich als ‚the wave of the future’ präsentiert (auch wenn das mit Unterdrückung einhergeht), als mit einem Regime von unverblümt reaktionärer, ja mittelalterlicher Inspirations [wie das von Franco, JP]“. Dies ist eine bemerkenswerte Beobachtung, die sich beispielsweise anschließt an die Erklärung, die der amerikanische Autor David Caute für die Erscheinung der fellow-travellers gegeben hat. Ein wesentliches Motiv für die Akzeptanz der kommunistischen Regime durch westliche Intellektuelle war Caute zufolge die Identifitkation dieser Regime mit dem Fortschrittsgedanken der Aufklärung. Heldring scheint eine ähnliche Argumentation zu vertreten, wenn er schreibt: „Für Sozialisten ist es im Besonderen schwierig, nicht ständig auf die sogenannte Progressivität der osteuropäischen Regime hereinzufallen und den Aufforderungen zur sozialistischen Solidarität zu erliegen.“ Eine weitere Bemerkung des Parteivorsitzenden Van den Heuvel, dass die PvdAler und die SEDler über das Ziel einer sozialistischen Reform der Gesellschaft einig und allein über die Wahl der Mittel uneins gewesen seinen, weist in der Tat in diese Richtung. [1]

Natürlich kommentierte Heldring auch die stürmischen Entwicklungen in der DDR im Verlauf des Jahres 1989 umfassend. Wie andere niederländische Beobachter beschäftigte er sich mit dem Dilemma, mit welchem sich die DDR-Führung unter Erich Honecker und auch der russische Staatschef Michail Gorbatschow bei der Suche nach einer Lösung für die Krise in der DDR konfrontiert sahen. Heldring machte Beginn Oktober 1989 deutlich klar, dass auch ein Reformkurs große Risiken für die SED-Regierung und die DDR bergen würde. „Die Schwierigkeit ist, dass die DDR nicht reformieren kann, ohne ihre eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. Der einzige Grund für ihre Existenz ist schließlich ihre Ideologie. Würde sie da Zugeständnisse machen, ‚kapitalistische’ Elemente in ihrem wirtschaftlichen und ‚bürgerlich-demokratische’ Elemente in ihrem politischen System zulassen (...), dann gäbe es keinen prinzipiellen Grund mehr, zwei deutsche Staaten existieren zu lassen.“ Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 betonten viele niederländische Politiker, Publizisten und Wissenschaftler, dass die deutsche Einheit noch nicht auf der Agenda stünde. Einige waren einfach dagegen, während die meisten Beobachter der Auffassung waren, dass die Vereinigung der beiden deutschen Staaten so komplex war, dass sie nur in einem langwierigen Prozess Gestalt annehmen könne. Heldring war in dieser Frage viel bestimmter als die anderen. Er schrieb bereits am 14. November 1989: „Wann beide deutsche Staaten wieder vereinigt sein werden, wissen wir nicht, aber das deutsche Volk ist schon wieder vereinigt.“ Die ergreifenden Szenen von sich in die Arme fallenden Ost- und Westdeutschen, die auf die Öffnung der Mauer und der übrigen deutsch-deutschen Grenzen folgten, hatten das dem Kolumnist zufolge deutlich gezeigt. Und er fuhr fort: „Nun denn, wenn zwei Teile eines Volkes nicht länger getrennt sind, wird die staatliche Einheit nicht lange auf sich warten lassen.“

Auch Heldring nahm wohl wahr, dass nur einige wenige Deutsche das Wort Wiedervereinigung in den Mund nahmen – die Ostdeutschen, da sie vorläufig vor allen Dingen nach Freiheit und besseren Lebensumständen strebten und die Westdeutschen, da sie die Nachbarn im Osten und Westen nicht unnötig beunruhigen wollten. Vor diesem Hintergrund würden die beiden deutschen Staaten wohl noch einige Zeit neben einander bestehen oder erst eine Konföderation bilden. Doch auf Dauer sah Heldring nur die Perspektive einer staatlichen Einheit Deutschlands. Der weitere Verlauf der Ereignisse hat ihm natürlich Recht gegeben. Aus seinem Zimmer in der NRC-Redaktion hatte er wieder einmal eine nüchterne und folglich richtige Einschätzung geliefert.


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004