Die Niederlande und die DDR 1949 bis 1990

XXIX. Rezension

Graaf, Beatrice de: Over de Muur. De DDR, de Nederlandse kerken en de vredes-beweging, Utrecht 2004.

Bei der zu besprechenden Publikation handelt es sich um eine Dissertation, die an der Universität Utrecht im Dezember 2004 verteidigt wurde. Sie behandelt ein Thema von eminenter Bedeutung, nämlich die Beziehungen zwischen den niederländischen Kirchen und der DDR. Diese Beziehungen waren von großer Signifikanz, da es zahlreiche (fast 400) Partnerschaften zwischen niederländischen und ostdeutschen Kirchengemeinden gab. Für die Behörden der DDR waren die Niederlande ein interessanter möglicher Part-ner im Westen, von dem man sich einerseits politische Unterstützung in der Friedensfrage, andererseits größeres politisches Ansehen erhoffte. Die (evangelischen) Kirchen in der DDR waren an den Erfahrungen der niederländischen Kirchen interessiert, und sie erhofften sich durch diese internationalen Kontakte eine Stärkung ihrer Position im Staat. Für viele niederländische Christen war die DDR als das ‚andere‘ Deutschland in mehrfacher Hinsicht attraktiv.

Prägend für die zwischenkirchlichen Beziehungen war vor allem die Friedensfrage, so daß de Graaf ihre Arbeit unter diesen Fokus stellt. Dieses Gebiet war für die ostdeutschen Behörden aus ideologischen Gründen von Interesse; in den niederländischen Kirchen erlangte die Frage nach einem stabilen Frieden im Verlauf des Kalten Krieges – wie auch sonst in Westeuropa – immer größere Bedeutung.

Die vorliegende Arbeit ist – als historische Studie – chronologisch gegliedert, neben einleitenden und konkludierenden Kapiteln sind es sechs Abschnitte, in denen die Entwicklung des politischen Kontextes und die kirchlichen Geschehnisse dargestellt und analysiert werden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den achtziger Jahren. In den ersten Jahren nach dem Krieg waren die Kontakte zwischen den Niederlanden und der DDR fast ausschließlich solche mit kirchlichem Hintergrund. Seit 1956 spielte das (seit 1959 so ge-nannte) Hendrik-Kraemer-Haus in West-Berlin eine wichtige Rolle für die Begegnung zwischen niederländischen Christen und ihren Glaubensbrüdern und -schwestern in der DDR. Durch den einseitigen politischen Kurs der Hauses geriet es jedoch in die Kritik der Kirchenleitung und verlor an Bedeutung.

Seit den siebziger Jahren, im Kontext der Ostpolitik, nahm der Austausch zwischen Kirchengemeinden in beiden Staaten zu; zunächst beschränkte er sich vor allem auf offizielle Besuche und auf den Austausch von Druckerzeugnissen und Korrespondenz, später fanden auch zahlreiche persönliche Begegnungen statt. Die Zahl der Gemeindekontakte begann rasch rapide zu wachsen. Für die DDR-Behörden waren die Niederlande von großem Interesse, weil es wohl keinen anderen westeuropäischen Staat gab, in dem die Kirchen so eng mit der Friedensbewegung verbunden waren. Neben der niederländischen Sektion von Pax Christi spielte vor allem der Interkerkelijk Vredesberaad (IKV) eine zentrale Rolle. Für die kommunistischen Machtha-ber mußten die zahlreichen kirchlichen Aktivitäten, die im Widerstand gegen die Neutronenbombe ihren Höhepunkt fanden, als Erfolg ihrer Propaganda im Westen erscheinen. Daher interessierten sie sich mehr und mehr für die Kirchen und versuchten, auch die Kirchen im eigenen Machtbereich in diese Richtung zu manipulieren.
Allerdings zeigte sich, daß die Machthaber die Dynamik der Friedensbewegung unterschätzt hatten. Die Debatte um ungeteilten Frieden (die sich von der Forderung nach einem Rüstungsverzicht des Westens, wie sie die Ostblockstaaten aufstellten, unterschied) und die Demokratiedebatte kamen nun auch im eigenen Land auf, und zwar vor allem in den Kirchen. So machten sich kirchliche Kreise die Forderung nach einseitiger Abrüstung, die der IKV erhoben hatte, ebenfalls zu eigen. Zugleich verstärkten die westlichen Friedensorganisationen ihre Kontakte zu dissidentischen Gruppen in der DDR und brachten die Forderung nach bürgerlichen Freiheiten auch gegenüber den offiziellen staatlichen Friedensorganisationen vor. Daraufhin verloren die Behörden der DDR ihr Interesse an den Beziehungen zu diesen Organisationen und versuchten sie zu hintertreiben, etwa durch Einreiseverbote für niederländische kirchliche Aktivisten, die zuvor noch mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen worden waren. Innerhalb der ostdeutschen Kirchen kam es deswegen zu Spannungen, weil die Friedensthematik in Gruppen, Gemeinden und zum Teil auch in Synoden ihren Platz hatte, die Leitung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) aber die relative Bewegungsfreiheit nicht auf Spiel setzen wollte, die das Regime dem BEK eingeräumt hatte. Die Behörden verlangten ihrerseits eine Distanzierung der Kirchenleitung von solchen Bestrebungen, was die Beziehungen zwischen dem BEK und den niederländischen Kirchen, besonders dem IKV, belastete.

Doch auch in den Niederlanden gab es unterschiedliche Optionen, die sich daran festmachen lassen, wo die Ursache für den Kalten Krieg gesucht wurde: im Wettrüsten oder in der Unterdrückung der Menschenrechte. Der IKV, der letztere Position einnahm, wurde dadurch immer mehr zu einer Organisation, die das Vertrauen der ostdeutschen Christen hatte. Die Span-nung zwischen den verschiedenen Optionen steigerte sich in den achtziger Jahren in den westlichen Ländern noch, was das DDR-Regime, das seiner-seits mit Repressionen gegen die eigenen Bürger vorging, zum Anlaß für Bemühungen nahm, die Kirchenleitungen auf einen Kurs zu bringen, der dem des Staates entsprach.

Mit der Perestrojka in der UdSSR wurde die Situation für die unflexiblen Regierungen des Ostblocks immer schwieriger, doch verbesserten sich die Gemeindekontakte zwischen den Niederlanden und der DDR. Dies geschah einerseits angesichts des Besuchs von Erich Honecker in Den Haag, anderer-seits durch das gestiegene Selbstbewußtsein der ostdeutschen Gemeinden. Gerade die DDR hatte ja angesichts der Existenz eines zweiten deutschen Staates nur als Staat mit einer alternativen Staatsform, nämlich der sozialisti-schen, eine Daseinsberechtigung. Daher wurde es für das Regime immer wichtiger, die Demokratiebewegung zu unterdrücken. Doch wie wir wissen, sind all diese Bemühungen, bei denen der Staatssicherheitsdienst eine zentrale und unrühmliche Rolle spielte, nicht geglückt, und für die ‚Wende‘ von 1989 hatten kirchliche Aktivisten, Pastoren und Bischöfe große Bedeutung.

Die vorliegende Arbeit ist die erste größere Studie dieser Thematik. Sie betritt insofern Neuland, als bislang zwar die ostdeutsch-niederländischen Beziehungen in politischer, nicht aber in kirchlicher und kirchenpolitischer Hinsicht bearbeitet worden sind. Die Studie ist sehr sorgfältig gearbeitet; de Graaf hat nicht nur zahlreiche Archive konsultiert und die relevanten Materialien verwendet, sondern auch Interviews mit Zeitzeugen geführt, die in ihr Buch Eingang finden. In ihrer Darstellung berücksichtigt sie immer auch die politischen Kontexte. Damit stellt sie die kirchlichen und zwischenkirchlichen Ereignisse unter den Aspekt der Ereignisse in beiden Ländern und interpretiert sie auch im Fokus der größeren internationalen Beziehungen. Somit ergibt sich eine überzeugende, gut lesbare Geschichte der zwischenkirchlichen Beziehungen, die auch die Spannungen innerhalb der niederländischen Kirchen, die verschiedenen Erwägungen in den Kirchen der DDR und die Versuche der staatlichen Behörden der DDR aufzeigt, die niederländischen Kirchen zu instrumentalisieren. Es ist zu wünschen, daß diese Studie bald auch in deutscher Sprache erscheint, damit sie auch größeren Kreisen von Kirchenhistorikern, Zeitgeschichtlern und sonstigen Interessenten zugänglich wird.


[1]  Beitrag in: Zentrum für Niederlande-Studien, Jahrbuch 15 (2004), Münster 2005

Autor: Thomas Bremer
Erstellt: Februar 2007