XVIII. Fünf niederländische Blickwinkel auf die DDR

In den 1950er und frühen 1960er Jahren war in der niederländischen Bildformung über die DDR ein Bild vorherrschend, nämlich das von der DDR als „Sowjet-Deutschland“. Die Bezeichnung wurde in jener Zeit ab und zu verwendet, zum Beispiel durch die protestantische Zeitung Trouw kurz nach der Gründung der DDR im Oktober 1949. Aus Sicht der meisten niederländischen Beobachter in diesen Jahren war die DDR eine kleine, deutsche Version der Sowjetunion, eine „Sowjetkolonie“ in Deutschland, wie der damalige Ministerpräsident Willem Drees (PvdA) sagte. Die Aufmerksamkeit für spezifisch deutsche Charakterzüge der DDR wurde von der Fixierung auf die Überwucherung des gesellschaftlichen Lebens durch den Kommunismus überlagert. Die Furcht vor einer Herrschaft der Sowjetunion über Europa spielte hierbei natürlich eine große Rolle. Für die Bildformung war ferner kennzeichnend, dass der Sowjetkommunismus in der DDR und anderswo in Europa mit der Nazi-Diktatur gleichgestellt wurde. Dies war ein Ausdruck des Antitotalitarismus, der das westliche politische Denken in den Jahren des Kalten Krieges beherrschte.

Das andere Deutschland

In den 1960er Jahren verbreitete sich das Bild der DDR als Gestaltnahme des „anderen Deutschlands“. Die DDR war aus dieser Sicht das anti-faschistische Deutschland, das anders als die Bundesrepublik nicht in der nationalsozialistischen Tradition stand. Im Gegenteil hatte die DDR mit diesem Deutschland definitiv gebrochen. Das DDR-Regime war unaufhörlich damit beschäftigt, dieses Selbstbild sowohl an die eigene Bevölkerung als auch nach außen zu vermitteln. Der offiziell ausgerufene Antifaschismus musste den Mangel an demokratischer Legitimation der kommunistischen Herrschaft in der DDR kompensieren. Dies relativierte die wirkliche Bedeutung des Antifaschismus als Beitrag zu einer menschlichen Gesellschaft sehr, doch viele linksorientierte Niederländer sahen diese Nachteile nicht. Ihnen erschien der Antifaschismus der DDR selbstsprechend als eine gute Sache. Der neulinke PvdAler Han Lammers erklärte zum Beispiel in einem rückblickenden Vergleich von Führungspersönlichkeiten der DDR und westdeutschen Politikern: „Man vertraute ihnen politisch eher. Man hatte das Gefühl, man redet in jedem Fall mit einem Antifaschisten.“ Die Konfrontation mit dem Militarismus der DDR kontaminierte das Bild vom anderen Deutschland zwar etwas, aber im Vergleich mit der Bundesrepublik sorgte dieses Image doch dafür, dass die DDR bei vielen linken Niederländern bis zu ihrem Ende 1989 einen Stein im Brett hatte. [1]

Sozialistischer Modelstaat

Bereits seit Anbeginn ihrer Existenz war die DDR für manche Niederländer kein Schreckbild, sondern ein Vorbild. Das galt in erster Linie ausschließlich für niederländische Kommunisten. Doch war die Sowjetunion ihr einzig echtes Vorbild. Später, vor allem in den 1960er und 1970er Jahren, begannen auch linke Sozialisten und Gruppen niederländischer Protestanten das DDR-Model zu unterstützen. Die Argumentation lief darauf hinaus, dass sich die DDR trotz aller Schwächen bereits ein Stück weiter in die richtige Richtung entwickelt hatte als westliche Staaten wie die Niederlande. In der DDR waren die Produktionsverhältnisse unumkehrbar revolutioniert worden. Der Privatbesitz von Produktionsmitteln war so gut wie abgeschafft, wodurch der Weg für ein sozialistisches Zusammenleben freigemacht worden war. Dieses positive Bild der DDR wurde auch in Artikeln in den Vordergrund gestellt, die über das „zukunftsweisende“ ostdeutsche Bildungssystem, die große Rolle von Frauen in der Wirtschaft und Gesellschaft der DDR und den hohen Grad an Partizipation der arbeitenden und studierenden Bevölkerung in der Politik der DDR im Rahmen von engagierten Diskussionsveranstaltungen und Festivals berichteten. Die Blätter und Zeitschriften von linken protestantischen Studentenvereinen wie der Niederländischen Christen-Studentenvereinigung (NCSV) und der Vereniging Nederland-DDR, der Freundschafts-vereinigung, waren voll davon. Die Kehrseite entdeckten die meisten dieser Beobachter erst nach einigen Jahren, manche sogar gar nicht.

Zwei Deutschlands

In den 1960er Jahren wurde auch deutlich, dass manche Niederländer zwar nicht per se ein positives Bild von der DDR hatten, aber zumindest die Einstellung vertraten, dass sich die Existenz eines „zweiten deutschen Staates“ auf die Stabilität Europas günstig auswirkte. Dieses Bild war beispielsweise für viele neulinke PvdA-Vertreter, die sich für die Anerkennung der DDR einsetzten, entscheidend. Einige Repräsentanten der niederländischen Anerkennungsbewegung betrachteten die DDR möglicherweise als das „andere“ antifaschistische Deutschland oder als sozialistischen Modelstaat. Es scheint aber viel eher, dass sich viele „Anerkenner“ von der Idee angezogen fühlten, dass es für Europa das beste sein würde, wenn Deutschland geteilt bliebe. In zwei Teile geteilt würde das Land nie mehr so groß sein, dass es erneut eine Bedrohung für den Frieden hätte darstellen können. Dies war eine funktionale und im Grunde genommen zynische Sicht auf die DDR; zynisch, da sie die Teilung mit all ihren Folgen akzeptierte. Bereits 1961, kurz nach dem Fall der Mauer, äußerte sich der Pazifist Nico van der Veen in der Zweiten Kammer in dieser Art. Er erklärte, dass „die Teilung Deutschlands momentan nicht nur die einzige Lösung [wäre], sondern zugleich, vorausgesetzt, dass es nicht weiter bewaffnet wird genauso sicher wie ein großes ‚wirtschaftswunderliches’ Deutschland.“ Hinter dieser Meinung, die in den 1960er Jahren weite Verbreitung fand, stand auch die zunehmende Besorgnis über den wachsenden Wohlstand und die politische Macht der Bundesrepublik. Diese Sorge wurde durch die zunehmende Sensibilisierung für die Nazizeit in jenen Jahren und ein (zu) großes Misstrauen gegenüber dem westdeutschen politischen System genährt.

Das rote Preußen

In den 1970er Jahren kam in den Niederlanden das Bild des „roten Preußens“ auf. Zwar war die DDR ein kommunistischer Staat, aber wer gut hinsah, entdeckte doch auch zahlreiche spezifisch deutsche oder sogar preußische Züge. Nach der Anerkennung 1973 besuchten zunehmend mehr Niederländer die DDR als Touristen oder anderweitig. Dadurch wurde deutlich, dass das Bild, das sie sich auf der Grundlage von Presseberichten und Vorurteilen gemacht hatten, nicht ganz zutraf. Die DDR war keine Miniversion der Sowjetunion, sondern ein Gebiet, dass irgendwie wie aus der Zeit herausgefallen erschien und von regionaler Kultur und Tradition geprägt war. So beschrieb der erste niederländische Botschafter in der DDR, K.W. Reinink, seinen ersten kleinen Zug durch die DDR als „eine Reise durch die Geschichte“. Über die lokale Bevölkerung schrieb er: „Die Menschen sind ärmlich und altmodisch gekleidet. Eine Mütze, eventuell von einer Uniform, bedeckt den Kopf der Männer. Die Frauen sind häufig fantasielos gekleidet. Es ist keine lebhafte, sondern eine geduldig ergebene Bevölkerung. Der nach Uniformität und Kollektivität tendierende Charakter der Preußen trägt auch gerade zur Hervorhebung des Individuums bei.“

Aus einer ganz anderen Ecke, von dem linken protestantischen Journalisten Koos Koster, wurde 1976 die Beschuldigung laut, dass die DDR sich als eine „preußische Form der Diktatur mit einer unfehlbaren Partei“ entpuppt hätte. Die Reihe an Beispielen für dieses Bild der DDR als „rotes Preußen“ ist lang. Es scheint, dass diese Sichtweise durchgehend einen deutlichen Stempel auf die niederländische Bildformung über die DDR gedrückt hat. Das ostdeutsche Regime trug hierzu auch selbst bei, indem es sich ab den 1970er Jahren verstärkt der preußischen Vergangenheit zuwendete. So probierte die Regierung neben dem deutschen Nationalgefühl eine eigene nationale Identität in der Bevölkerung zu befördern. Die Wiederaufstellung des Reiterstandbildes Friedrichs des Großen stellte den symbolischen Höhepunkt dieser Kampagne dar. Als ein anderes Beispiel ist die Restaurierung des Holländerviertels in Potsdam zu nennen. Aufgrund des „Rote Preußen“-Bildes schätzten niederländische Beobachter die Situation in der DDR lange zu rosig ein. Im tüchtigen „roten Preußen“ musste die Wirtschaft doch gut funktionieren. Dass die disziplinierten Ostdeutschen gegen das Regime rebellieren würden, war undenkbar.


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004