IX. Der Aufstand 1953

Ab Mitte des Jahres 1952 war die DDR in eine akute gesellschaftliche und wirtschaftliche Krise geraten, der die DDR-Spitze nicht zu begegnen wusste. Erst nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 wurde ein Weg aus der Sackgasse gefunden. Unter dem Druck der neuen Machthaber in Moskau kündigte die SED am 11. Juni 1953 einen „Neuen Kurs“ an. In diesem Rahmen übte das Politbüro ausgedehnte Selbstkritik. In den niederländischen Pressekommentaren erklang einstimmig Schadenfreude über die „auf Befehl des Kreml“ öffentlich ausgerufene „Pleite (...) des Sowjetregimes in Ostdeutschland“ (de Volkskrant). Die Ankündigung des Neuen Kurses konnte nicht verhindern, dass die Krisensituation in der DDR am 17. Juni 1953 in einen großen Aufstand mündete, der das SED-Regime an den Rand des Abgrundes brachte. Tagelang waren die Entwicklungen in Ostdeutschland und vor allem in Berlin auf den Titelseiten der Niederländischen Zeitungen. Dass in einem totalitär reagierten Land wie der DDR Widerstand ausbrach, hatte auch niemand im Westen erwartet. Das NRC sprach deswegen auch ihre Bewunderung für den Mut der Ostberliner aus, „die sich gegen das System von Sklaverei und Aushungerung (...) erhoben [hatten].“ [1]

Prestigeverlust der Sowjetunion

Niederländische Politiker und Publizisten spekulierten ausführlich über die tiefergehende Bedeutung des Aufstandes für den Kampf zwischen der „freien Welt“ und dem Kommunismus. Die meisten Zeitungen sprachen explizit von einem „Prestigeverlust“ für die Sowjetunion. Es schien nun, dass gerade die Arbeiter, „für die sich der kommunistischen Propaganda zufolge dort das Paradies verwirklicht hätte“, das ostdeutsche Regime nicht als eine Regierung von und für Arbeiter betrachteten. Der Vorsitzende der PvdA-Fraktion in der Zweiten Kammer, Jaap Burger, bezeichnete den ostdeutschen Aufstand mit höhnischem Blick auf den Kommunismus als einen „proletarischen Aufstand, den die kühnsten Erwartungen von Karl Marx nicht hätten übertreffen können.“ Die Zerschlagung der Demonstrationen durch die russischen Truppen nannte er vernichtend „die x-te Demaskierung der großen Lüge unserer Zeit.“

Vergleiche mit der Nazizeit, so wie sie in den 50er Jahren stets an der Tagesordnung waren, wenn über die DDR gesprochen wurde, waren weiterhin präsent. In verschiedenen Artikeln und einer Karikatur in Het Parool wurde der Aufstand in Berlin, der aus Streiks hervorgegangen war, mit dem Amsterdamer Februarstreik von 1941 verglichen. Laut Burger (PvdA) hatte der Aufstand deutlich gemacht, dass die ostdeutschen Kommunisten nicht anders waren als die niederländischen Nazis, die während des Zweiten Weltkrieges mit den deutschen Besetzern kollaboriert hatten. Die SED-Funktionäre wären „Volksverräter“, „Handlanger und Spione der Massenschinder“. Ein anderes Mitglied der Zweiten Kammer, Frans Goedhart (PvdA), nannte die SED sogar „rote Nazis“.


[1]  Zitate aus: Jacco Pekelder, Die Niederlande und die DDR. Bildformung und Beziehungen, 1949-1989, AgendaVerlag, Münster: 2002

Autor: Dr. Jacco Pekelder
Erstellt: Mai 2004