IV. Reizende Nachbarn: Die Beziehungen zwischen Niederländern und Deutschen

Die negative Einstellung der Niederländer zu Deutschland und den Deutschen hat eine lange Tradition, auf jeden Fall reicht sie bis ins 19. Jahrhundert zurück. In diesem Zusammenhang gilt das Interesse dem Geschehen im Zweiten Weltkrieg, der Besatzungszeit und ihren Folgen. Krieg und Besatzungszeit haben in ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein eine Tradition gebildet, denn sie stehen immer noch nicht außerhalb der Diskussion, wenn es um das transnationale Verhältnis, also die Beziehungen zwischen den Gesellschaften, geht. Der Groninger Historiker Ernst H. Kossmann analysiert diese Jahre 1940 bis 1945 wie folgt: “Niemals zuvor in ihrer Geschichte haben die Niederlande, auf jeden Fall aber die Provinz Holland mit ihren 4½ Millionen Einwohnern, einer so ernsten Lage mit solcher Hilflosigkeit wie in den letzten Monaten vor dem Mai 1945 gegenübergestanden. Sie mussten mit dem Untergang ihrer Bevölkerung und gesamten Kultur rechnen.” Die Bevölkerung vor allem im Westen des Landes halb verhungert, in Lumpen gehüllt, zur Zwangsarbeit gepresst, Augenzeuge der Zerstörung von Häfen und Städten und einer von Meerwasser überschwemmten Wiesen- und Ackerlandschaft, Zeuge aber vor allem einer permanenten Unterdrückung und der Vernichtung niederländischer Juden, aber gewiss auch konfrontiert mit eigener Unzulänglichkeit, mit dem eigenen Unvermögen, sich zu widersetzen, auch wenn es Widerstand in den unterschiedlichsten Formen gegeben hat, aber eben auch Anpassung, Versuche, sich einzurichten.

In seinem Buch über das Deutschlandbild der Franzosen sagt der französische Politikwissenschaftler Henri Menudier: ”Wir reagieren nur in Funktion dessen, was wir schon ins uns tragen. Veränderung tritt dann ein, wenn ein auffälliger Widerspruch sichtbar wird zwischen unseren Bildern und der Wirklichkeit, oder auch wenn sich ein spektakuläres Phänomen zeigt. Viele Fachleute meinen, dass sich die Hälfte unserer Bilder nicht mehr ändert und die andere Hälfte ... nur sehr langsam.” Diese Aussage zur Stereotyp- und Klischeebildung verweist nicht nur auf die Schwierigkeit, einmal eingefräste Bilder zu beseitigen, sondern auch auf die Kraft der Tradition. Bei Bertolt Brecht liest sich dies so: “Was tun Sie”, wurde Herr K. gefragt, “wenn Sie einen Menschen lieben?” “Ich mache einen Entwurf von ihm”, sagte Herr K., “und sorge, dass er ihm ähnlich wird.” “Wer? Der Entwurf?” “Nein”, sagte Herr K., “der Mensch.” Wie Menudier auf die Langlebigkeit und den Traditionalismus von Stereotypen deutet, so weist Brecht auf die intellektuelle Trägheit und Bequemlichkeit hin, die aus der Wirklichkeit gleichsam eine “Welt als Wille und Vorstellung” machen.

Frühe Reaktionen

Dass sich auf dieser Grundlage kein positives Bild von Deutschland und den Deutschen entwickeln konnte, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Noch Mitte der siebziger Jahre hat der Sozialwissenschaftler Manfred Koch-Hillebrecht in Interviews mit Niederländern zur Anerkennung der Deutschen als vollwertige Mitglieder der Völkergemeinschaft Aussagen gesammelt, die insgesamt von der Unbußfertigkeit der Deutschen und ihrer geringen Moralität reden und offensichtlich vom Mangel an moralischer Sauberkeit auf Mangel an Hygiene im Alltag schließen. Die Deutschen befanden sich für viele Befragte im Zustand des “unclean life”, “gegen das sich”, nach Max Weber, “der Puritaner mit Händen und Füßen wehren muss”. Wenngleich die Zusammensetzung der befragten Gruppen nicht ganz durchsichtig ist, bleibt festzustellen, dass sich das Bild vom Deutschen mit wachsendem Abstand vom Geschehen 1940–1945 zwar aufgehellt hat, dieser Prozess im Vergleich zu anderen Nationen aber äußerst träge verlaufen ist. Und dies ganz im Unterschied zur Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Gerade die Niederländer setzten sich zu einer Zeit für den Wiederaufbau der deutschen Schwerindustrie ein, als etwa Großbritannien und Frankreich, von der Sowjetunion ganz zu schweigen, Industrieanlagen in Deutschland demontierten.

Beteiligung an Umerziehung der Deutschen

Auch im kulturellen Bereich äußerten niederländische Nachkriegskabinette relativ früh den Wunsch, beim geistig-kulturellen Wiederaufbau in den westlichen Besatzungszonen mitzuwirken. Es war zunächst der Ruf nach Beteiligung an der Umerziehung der Deutschen, hier sollten die Universitäten wesentliche Ansatzpunkte für niederländische Mitwirkung bieten. Britische Besatzungsbehörden, niederländische Behörden und private Initiativen organisierten niederländisch-deutsche Veranstaltungen oder niederländische Informationsreisen in die britische Besatzungszone, um Möglichkeiten der Umerziehung zu erkunden. In der das Kabinett Schermerhorn 1946 ablösenden Regierung Beel wurde in diesem Zusammenhang deutlich, dass zum einen die Wiederherstellung einer florierenden Wirtschaft in den Niederlanden und deutscher Wohlstand untrennbar miteinander verflochten waren, zum anderen eine rasche Integration Deutschlands in den europäischen Gesamtzusammenhang angestrebt werden sollte, was eine “Genesung” Deutschlands voraussetzte. Und hier sahen die Niederländer ihre Hauptaufgabe, die – laut Regierungspapier – daraus resultierte, dass die Deutschen spätestens seit 1866 einem geistigen und sittlichen Verfallsprozess unterlegen waren, der in den Jahren nach 1933 in einen wahren Nihilismus umgeschlagen war und ein geistiges Vakuum hinterlassen hatte. Fürwahr, eine selbst gestellte Aufgabe, die nur so formuliert werden konnte, wenn man von der Höherwertigkeit der eigenen politischen Kultur ausging. Tatsächlich wurde die Aufgabe einem Koordinierungsausschuss zur Pflege kultureller Beziehungen zu Deutschland übertragen, dem viele die niederländische Gesellschaft repräsentierende Gruppen angehörten. Jedoch blieben diese Aktivitäten relativ wirkungslos und konnten Verhandlungen über ein Kulturabkommen, das erst 1961 unterzeichnet wurde, nicht beschleunigen.

“Dürfen wir noch antideutsch sein?”

Nach dieser Euphorie der frühen Jahre, einer Mischung aus wirtschaftlicher Notwendigkeit und dozierendem Moralismus, hat das kollektive Gedächtnis für ein hohes Maß an Zähflüssigkeit in der Entwicklung der transnationalen Beziehungen gesorgt. Es lässt sich ein Bogen schlagen von der Instruktion für den zweiten Botschafter der Bundesrepublik in Den Haag, Hans Mühlenfeld, in der es 1953 hieß, der niederländische Regierungssitz sei “einer der schwierigsten Auslandsposten”, bis hin zu den in erster Linie in den Niederlanden selbst geführten Auseinandersetzungen über die Frage eines gemeinsamen Gedenkens – Auseinandersetzungen, die 1994 mit Blick auf den 50. Jahrestag des Kriegsendes geführt wurden. Insgesamt ist für die ersten zwei bis drei Jahrzehnte nach dem Ende von Krieg und Besatzung anzumerken, dass sich das Deutschland- und Deutschenbild der Niederländer zwar verbessert hat, von einer wirklichen Überwindung der Besatzungszeit jedoch keine Rede sein kann. Vielmehr scheint der Wunsch vorgeherrscht zu haben, Nähe zu vermeiden. Das Problem jener Jahre oder auch Jahrzehnte lag wohl in dem unterschiedlichen Tempo, das die Realisierung der europäischen Kooperation und die psychische Überwindung der Erfahrungen aus Krieg und Besatzung entwickelten. Dies veranschaulicht deutlich eine Diskussionsrunde, deren Inhalte 1965 unter dem Titel “Dürfen wir noch antideutsch sein?” veröffentlicht wurden: Die Beiträge wiesen auf die deutschen Verbrechen und die geringe demokratische Tradition des ehemaligen Gegners hin, empfahlen ein Zugangsverbot in die Niederlande, und gingen so weit, der DDR den Vorzug gegenüber der Bundesrepublik des Konrad Adenauer zu geben, sofern es sich um die Frage nach einer neuerlichen faschistischen Gefahr handelte. Lediglich zwei Diskussionsteilnehmer gingen auf das Unzeitgemäße einer antideutschen Haltung ein. Dies waren deutsche Emigranten, die noch vor dem Krieg geflüchtet waren und in den Niederlanden Zuflucht gefunden hatten. Einer von ihnen, der Psychoanalytiker Hans Keilson, schrieb: “Ganz gleich ob es sich um antiweiße, antischwarze, antijüdische oder antideutsche Haltungen handelt – jede Antihaltung muss überdacht werden. Die menschliche Neigung zur Verallgemeinerung, zur Simplifizierung und zur Arbeit mit Stereotypen – psychologische Mechanismen, die man beim Entstehen und Funktionieren von Vorurteilen ausgezeichnet beobachten kann – diese menschliche Neigung spielt immer eine Rolle, wo globale Urteile über Minderheiten, Völker oder ganze Nationen gefällt werden.”

Selektive Wahrnehmung

Zu welchen Auswüchsen dies in der niederländisch-deutschen Beziehung führen konnte, sei hier anhand von zwei Beispielen erläutert, die das niederländische Kabinett ebenso wie die veröffentlichte Meinung betreffen. Hingewiesen sei an erster Stelle auf die Hochzeit der Kronprinzessin Beatrix mit dem deutschen Diplomaten Claus von Amsberg im Jahr 1965. Dieses hochpolitische Ereignis fiel in eine Zeit des innenpolitischen Umbruchs und der Unruhen in den Niederlanden. Dort vollzog sich ein politischer und gesellschaftlicher Prozess der Umschichtung, in dem selbst Stimmen laut wurden, die in der Republik eine durchaus denkbare Alternative für die Monarchie sahen. Die Rauchbomben, die in der Amsterdamer Raadhuisstraat auf den Hochzeitszug geworfen wurden, waren zunächst einmal Äußerungen des Zorns über verfestigte politische Strukturen, zu denen auch die Monarchie zählte. Freilich, eine Verquickung mit antideutschen Emotionen ist nicht zu übersehen. Die eigentliche Diskussion um diese Heirat hatte allerdings schon in der Verlobungszeit stattgefunden. Da reagierten Teile der Presse empört über diesen Schritt des königlichen Hauses, ehemalige Widerstandskämpfer schlossen sich zu ad hoc-Ausschüssen zusammen, um zu protestieren, und das Koalitionskabinett unter Josef Cals zeigte sich unverhohlen negativ. Für die Tageszeitung Het Parool, ehemals Blatt des Widerstands, zählte der 1926 geborene von Amsberg noch zur Generation der „schuldigen Deutschen“, und auf Anregung des zu keiner Zeit übermäßig deutschfreundlichen Kabinettsmitglieds Josef Luns zogen die Minister in Erwägung, beim Königshaus um die Änderung des deutsch klingenden Vornamens Claus-Georg einzukommen und den Namen George vorzuschlagen. Erst die beim „Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie“ (RIOD, heute NIOD) vom Kabinett eigens in Auftrag gegebenen Nachforschungen zum Vorleben Claus von Amsbergs haben die empörten Gemüter ein wenig beschwichtigen können, da sich entgegen den Befürchtungen herausstellte, dass der Prinzgemahl im Krieg keinen einzigen Schuss abgegeben und schon gar nicht der SS angehört hatte. Ein Stück Aversion, auf jeden Fall Unbehagen blieb dennoch, was sich im Juni 1965 in einem Gespräch des von Amsberg mit niederländischen Journalisten zeigte – ein Gespräch, das die ganze Vergangenheit des Deutschen bis hin zur HJ-Mitgliedschaft aufgriff. Wirkliche Ruhe trat erst nach einigen Jahren ein, nachdem sich von Amsberg als eine angemessen zurückhaltende, sachkundige Persönlichkeit erwiesen und in kurzer Zeit gute Kenntnisse des Niederländischen angeeignet hatte – ein für die Öffentlichkeit wichtiger Faktor bei seiner Beurteilung.

In eben jenes innenpolitisch so aufgeregte Jahr fiel auch die Ernennung des deutschen Generals Johann Adolf Graf von Kielmansegg zum Befehlsaber der AFCENT (Allied Forces Central Europe), die noch dazu in der Provinz Limburg, in Brunssum, stationiert wurde. Die Ernennung schlug hohe Wellen in der Presse und führte zu emotionsgeladenen Diskussionen im Kabinett. Anlass der Empörung war ein Buch, das Kielmansegg 1941 unter dem Titel Panzer zwischen Warschau und Atlantik veröffentlicht hatte. Von Kielmansegg also als Hitler-General, der ein „abscheuliches“ Buch geschrieben hatte und daher nicht für eine so hohe NATO-Funktion geeignet sein konnte! Im Kabinett Cals entwickelte sich ein Konflikt, in dem sich die Katholische Volkspartei eher kompromissbereit gab, die Partei der Arbeit dagegen für totale Ablehnung plädierte. Sie stellte sogar einen Koalitionsbruch in Aussicht. Was hier zur Affäre hochstilisiert wurde, war ein Beleg dafür, dass auch eine gute Dekade der NATO-Partnerschaft das virulente Misstrauen nicht hatte beseitigen können – ein Beleg, der seine Beweiskraft zusätzlich daraus bezieht, dass Öffentlichkeit und Kabinett die Stationierung einer NATO-Zentrale in der Bundesrepublik mit zugleich einem deutschen Oberkommandierenden für ein noch größeres Übel hielten. Dass der General schon länger in NATO-Kommandostellen tätig und die inkriminierte Schrift von Beginn an bei der NATO bekannt war, hinderte nicht daran, von Kielmannsegg auf eben diese Schrift zu reduzieren. Ob aus Unkenntnis oder wider besseres Wissen, ist nicht zu ermitteln. Erst eine TV-Sendung, in der ein niederländischer Journalist die Verbindung des Generals zu den Widerständlern des 20. Juli 1944 nachwies, und Fürsprecher aus dem Kreis des Widerstands gegen Hitler ließen schließlich die Meinung umschlagen.

In diesem Zusammenhang sei kurz hingewiesen auf ein hochpolitisches Ereignis 1969: der Staatsbesuch des Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der in der niederländischen Öffentlichkeit als positiv erfahren wurde. Ob er freilich wesentlich zur Überwindung der niederländisch-deutschen Kluft beigetragen hat, ist einigermaßen fraglich, weil das positive Presse-Echo den Bundespräsidenten als den „guten Deutschen“ apostrophierte, nicht als den „typischen Deutschen“, wie die Rheinische Post feststellte. Da herrschte das Prinzip der selektiven Wahrnehmung, das die Distanzierung von den Deutschen aufrechterhielt und einen Mann wie Heinemann, ehemals Vertreter der Bekennenden Kirche und nachgewiesenermaßen von hoher Moralität, nicht anders als positiv einordnen konnte.

Königin Julianas Besuch in der Bundesrepublik zwei Jahre später mag dann unter beziehungspolitischem Aspekt weniger bedeutend gewesen sein, weil Besichtigungen im Dillenburger Stammschloss der Nassau-Oranier oder in Münster, dem Ort des niederländisch-spanischen Friedens von 1648, eher die Merkmale eines historisch orientierten Kulturtourismus trugen und die Kranzniederlegung im ehemaligen KZ Neuengamme erst spät ins Programm genommen wurde, immerhin sah sich die Fraktion von D’66 veranlasst festzustellen, man tue so, als ob es einen Zweiten Weltkrieg nie gegeben habe. Es fragt sich auch, ob die Nieuwe Rotterdamsche Courant, ohnehin eher auf Versöhnung eingestellt, Recht hatte, wenn sie den Besuch der Königin zum Anlass nahm, die Anwesenheit von zwei „guten Deutschen“ an der Spitze des neuen deutschen Staatswesens hervorzuheben und die breiteste Zustimmung der Niederländer zu behaupten. Es liegt mit Blick auf die Entwicklung in den achtziger bis Mitte der neunziger Jahre näher zu vermuten, dass gelungene, sorgsam bedachte Staatsaktionen von ihrem positiven Ergebnis her nicht unbedingt darauf schließen lassen, dass sich die Denkweisen in der Bevölkerung verändern.

Fortdauernder Argwohn und die Folgen

Angesichts der Ereignisse in den siebziger bis neunziger Jahren ist kaum anzunehmen, dass die Mahnung des schon genannten Hans Keilson Resonanz gefunden hat. Bernd Müller bemerkt zu der Entwicklung: ”Die kollektive Verinnerlichung des historischen Traumas aus dem Zweiten Weltkrieg in der niederländischen Kultur und der moralische Anspruch, der aus der Opferrolle gezogen wird, begleiten die Debatte um das Deutschlandbild bis heute.” Aus solcher Haltung ergab sich die für das transnationale Verhältnis nunmehr so typische niederländische Skepsis, ergaben sich Misstrauen und ein hohes Maß an Abwehr gegenüber den Deutschen. Das äußerte sich in den Medien und in einer Vielzahl von Ereignissen oder Reaktionen. Gewiss, die Presse drückt nicht in jedem Augenblick lärmendes Unbehagen über Deutschland aus und hat durchaus objektiv über Entwicklungen beim Nachbarn berichtet, aber bisherige Untersuchungen reichen nicht hin, um ein genaues Bild zu vermitteln. Es ist schon interessant, dass beim Radikalen-Erlass der Bundesregierung in den siebziger Jahren sogleich die Frage nach den Möglichkeiten einer faschistischen Renaissance in Deutschland auftauchte. Gleichsam stereotyp ist eine Verhaltensweise, die nicht erst nach Notwendigkeiten für einen solchen Erlass fragte, sondern die Kabinettsentscheidung auf politische Grundsatzfragen reduzierte, die mit Blick auf Deutschland eben nur auf Wiederholung des Faschismus zielen konnten.

Im Schatten Deutschlands

Zu den Manifestationen des Unbehagens, die nachdenklich stimmen, zählt das Fernsehgespräch, das der damalige CDU-Vorsitzende Helmut Kohl 1979 in den Niederlanden mit zwei niederländischen Zuschauergruppen führte, einer Gruppe politisch aktiver, eher links orientierter junger Leute und einer altersgemischten Gruppe mit Rentnern. Dass sich der Parteivorsitzende auf ein schwieriges Geschäft einlassen würde, hat ihm der Moderator der Sendung, Reinhard Appel, wohl vorher nicht gesagt. Denn dieses Frage- und Antwortspiel entwickelte sich insofern zu einer fast schon unanständigen Schau, als das Publikum hier ein Stück aufgeregter antideutscher Haltung zum Besten gab und Animositäten offenbarte. Das Gespräch, das nicht zu den angenehmsten politischen Erfahrungen des späteren Bundeskanzlers gehören dürfte, lieferte den Beweis dafür, dass die Gegenwart der Bundesrepublik im Vergleich zur deutschen Vergangenheit von geringer Relevanz war. Von einem vielgestaltigeren Deutschlandbild, wie es in eben jenem Jahr des Fernsehgesprächs unter dem Titel In de schaduw van Duitsland von Politikwissenschaftlern, Historikern und Vertretern der Politik vorgestellt worden war, schienen die Diskutierenden noch weit entfernt zu sein.

Lässt sich das Gespräch noch unter die Kategorie der mittleren Aufgeregtheit einordnen, dann hatten sportliche Vergleichskämpfe offensichtlich die Qualität einer emotionalen Eruption. Wenn in den siebziger Jahren bei einem Fußball-Großereignis, beim Europacup-Spiel zwischen Ajax Amsterdam und Bayern München, einer der renommiertesten Sportberichterstatter der Niederlande, Herman Kuiphof, von den Bayern-Spielern als den “deutschen Landsknechten” sprach, mag man das auf die Emphase des Augenblicks zurückführen, aber es war doch die Wiederaufnahme einer Begrifflichkeit, die eng mit dem vermuteten deutschen Hang zum Militarismus in Verbindung stand – eine Begrifflichkeit auch, deren Anwendung aus dem 19. Jahrhundert datierte und mit dem Zweiten Weltkrieg ihre Bestätigung gefunden zu haben schien. Einen Höhepunkt der sportlichen deutsch-niederländischen Auseinandersetzungen bildete dann das Endspiel um die Fußball-Europameisterschaft 1988, das auf Spruchbändern und in Kampfgesängen einen höchst politischen Charakter gewann: der Deutsche als “mof” und Dummkopf, Tölpel und Watschenfigur, aber auch als der ehemalige Besatzer, der seinerzeit der Oma das Fahrrad gestohlen hatte und es erst jetzt wieder zurückgeben musste. Der “Moffenhass” überschlug sich förmlich und wirkte einigermaßen peinlich. Der ruhige niederländische Beobachter konnte solchem Treiben nur Unverständnis entgegenbringen. Es würde zu weit führen, die Inhalte solcher Reaktion lediglich aus der leidvollen Erfahrung der Kriegs- und Besatzungsjahre abzuleiten, vielmehr spielt doch gerade im direkten – nicht kriegerischen – Vergleich die Frustration des Kleinstaats gegenüber dem Potential eines größeren Landes eine entscheidende Rolle.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Mitteilung aus dem Jahr 1987, erschienen im Reporter, einem Fachblatt für Publizistik; ihr zufolge wurden die Deutschland-Korrespondenten niederländischer Medien von den Heimat-Redaktionen immer wieder aufgefordert, ihre Berichte an den gängigen Klischees auszurichten. Beiträge, die solchen Vorstellungen nicht entsprachen, das heißt Inhalte differenziert darstellten, wurden schlicht zurechtgerückt. Der ehemalige Korrespondent der Volkskrant, Jos Klaassen, äußerte dazu, er habe den Eindruck, die Korrespondenten in Bonn seien nur dazu da, die niederländischen Vorurteile über Deutschland zu bestätigen. Diese Form der marktorientierten Redaktionspolitik wirft ein bezeichnendes Licht auf den niederländischen Markt der abwehrenden Denkweise. Eine weitere Eigenart des niederländisch-deutschen Verhältnisses besteht in dem seit etwa den siebziger Jahren doch auffälligen Gegensatz der Beziehungen zwischen den Amtsstuben von Bonn und Den Haag einerseits und dem Verhältnis der Völker andererseits. Der Anfang der neunziger Jahre aus Den Haag ausgeschiedene Botschafter der Bundesrepublik, Otto von der Gablentz, stellte in den achtziger Jahren fest, dass die Beziehungen zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik so gut seien, wie sie sich ein Diplomat nur wünschen könne. Fürwahr, dies war eine Aussage, die den an sich erfreulichen Schluss zulassen konnte, dass die Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten des Verhältnisses überwunden waren. Sie erfuhr ihre Bestätigung, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1991 die Ehrendoktorwürde der Erasmus-Universität von Rotterdam erhielt, nachdem ihm ein Jahr zuvor schon der Geuzenpenning, die höchste Auszeichnung, die die ehemaligen niederländischen Widerstandskämpfer zu vergeben haben, überreicht worden war – und dies in Anwesenheit der Königin, die ihrerseits schon früh nach der Vereinigung 1990 Teile der neuen Bundesländer mit niederländischer Vergangenheit besuchte.

Aussage und Ereignisse aber betrafen nur den politisch-diplomatischen Bereich oder spielten sich dort ab. Sie tangierten in keiner Weise jenes unterschwellige, unter bestimmten Voraussetzungen sich auch eruptiv äußernde Missbehagen, Misstrauen oder den Argwohn. Harry Mulisch hatte durchaus Recht, als er in den neunziger Jahren sagte, Deutsche und Niederländer ständen mit dem Rücken gegeneinander. Es scheint, als ob die Zeit noch nicht reif gewesen sei für Aussagen, wie sie der ehemalige Mitarbeiter des Nieuwe Rotterdamsche Courant und Publizist Jacobus A.A. van Doorn traf, der in der Einleitung zu dem anlässlich der deutschen Vereinigung herausgegebenen kleinen Sammelband Meningen over ... Duitse eenheid von einem deutschen Wunder schrieb: “Das größere Wunder war Entstehen und Aufbau einer stabilen Demokratie, die auf den Trümmern des Dritten Reiches entstand, als ob kein besserer Nährboden denkbar gewesen wäre. Auch in dieser Hinsicht war der Gegensatz zu den Siegermächten des Krieges frappierend (...)”. Anschließend vergleicht er die Entwicklungen in Frankreich und den USA mit der Demokratie der Bundesrepublik und zieht den Schluss: „Die Bundesrepublik zeigte sich untadelig demokratisch und politisch erfolgreich (...) Deutschland begründete in dieser Phase die stabilste parlamentarische Demokratie dieses Jahrhunderts.” Solche Anerkennung der neuen Qualität politischer Kultur in der Bundesrepublik war Anfang der neunziger Jahre noch nicht zum Allgemeingut politischen Denkens in den Niederlanden avanciert. Es ist in diesem Zusammenhang auch festzuhalten, dass die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erst seit 1993 zum Unterrichtsstoff für das zentrale Abschlussexamen niederländischer höherer Schulen gehört.

Dieser Hinweis soll kurz die Aufmerksamkeit auf Rolle und Charakter niederländischer Schulbücher lenken. Schon in den achtziger Jahren analysierte das Internationale Schulbuch-Institut in Braunschweig niederländische Unterrichtswerke für das Fach Geschichte. Die Analyse weist aus, dass “die Ereignisse und Prozesse in den Vordergrund” treten, “die sich auf das eigene Land am stärksten und unmittelbarsten ausgewirkt haben, sei es durch Einflüsse, die man positiv erarbeitet hat, sei es durch Reaktionen aus auswärtiger Herausforderung oder Bedrohung”. Das mag verständlich sein, birgt aber die Gefahr, dass die Geschichte etwa des Nachbarn nur im Sinne der Erfahrungen des eigenen Landes verstanden wird. Im Zusammenhang mit dem niederländisch-deutschen Verhältnis heißt dies, dass die Entstehung des deutschen Nationalstaats von vornherein mit dem Aufkommen des nationalsozialistischen Expansionsstaats verknüpft wird. Die Darstellung wird auf die zwölf Jahre Nationalsozialismus fixiert, als ob sie gleichsam Kristallisations- und Endpunkt deutscher Geschichte seien. Eine solche Betrachtungsweise lässt keinen Raum mehr für die Darstellung anderer, liberaler und demokratischer Bewegungen in der historischen Erfahrung der Deutschen. In der Konzentration auf den Nationalsozialismus oder das “Dritte Reich” liegt eine erhebliche Verengung des Blickwinkels, die bei ohnehin vorhandenem Misstrauen oder Unbehagen die Glaubwürdigkeit einer Neu-Entwicklung in Zweifel ziehen lässt.

Bei solchem Befund hat die nun schon berüchtigte sogenannte Clingendael-Untersuchung, die im März 1993 unter dem Titel “Bekannt und unbeliebt” veröffentlicht wurde und das Deutschland- und Deutschenbild niederländischer Jugendlicher von 15 bis 19 Jahren widerspiegeln sollte, kaum noch echte Überraschungen zu bieten. Es stellte sich heraus, dass die Vorstellungswelt der Jugendlichen gewissen Einschränkungen unterlag: die Deutschen also als Militaristen, expansionsfreudige Menschen, sicherlich tüchtig, aber disziplinbesessen, aggressiv und insgesamt unter den zwölf Mitgliederländern der Europäischen Gemeinschaft am wenigsten sympathisch. An der Methode, die Ergebnisse zu erzielen, wurden einige Zweifel geäußert, ohne dass das Ergebnis insgesamt in Zweifel gezogen worden wäre. Jene, die auf niederländischer Seite eher entsetzt als überrascht auf das Ergebnis reagierten, suchten die Ursachen für die herb negative Einstellung der Jugendlichen im Schulunterricht und im Elternhaus. Viele Erfahrungen von Deutschen, die in den Niederlanden leben, bestätigen das Ergebnis dieser sozialwissenschaftlichen Untersuchung.

"Ik ben woedend"

Auf deutscher Seite, vor allem bei den Medien, hat der Befund nachgerade ein Rauschen im Blätterwald verursacht. Die Aktion “Ik ben woedend” wurde mit Blick auf die Ereignisse von Solingen und Mölln von einem Disc-Jockey des Hilversumer Rundfunks (Radio 3) gestartet. Sein Aufruf, dem Bundeskanzleramt Postkarten mit dem Aufdruck “Ik ben woedend” als eine besondere Form des Protests zuzusenden, hatte durchschlagenden Erfolg. In Bonn gingen mehr als eine Million Karten ein. Die Aktion wurde auf deutscher Seite mit einigem Unbehagen registriert, nicht ad acta gelegt. Kritische Bemerkungen kamen zuerst von offizieller niederländischer Seite. Der damalige und bis 1998 in Bonn tätige niederländische Botschafter Arnold Peter van Walsum ging äußerst hart mit seinen Landsleuten ins Gericht. In einem recht umfangreichen Artikel in der Nieuwe Rotterdamsche Courant stellte er fest, dass es wohl zum guten Ton der Niederländer gehöre, “ein bisschen antideutsch zu sein”. Er ging noch ein Stück weiter, indem er diese antideutsche Haltung als die niederländische Form des Rassismus abqualifizierte. Wie die explosive Entladung eines schon länger aufgestauten Unmuts klang es dann, als er seine Landsleute aufforderte, sich doch einmal mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen und etwa die Polizei-Aktionen von 1947 und 1948 in der Zeit der Dekolonisierung in Indonesien genauer unter die Lupe zu nehmen. Es braucht nicht betont zu werden, dass die deutsche Presse diesen Beitrag in Übersetzung veröffentlichte.

Im ersten Jahrfünft der neunziger Jahre trat die Diskussion um ein mögliches gemeinsames Gedenken zum Tag des Waffenstillstands hinzu. Der 50. Jahrestag des Waffenstillstands nahte, und gerade in dieser Zeit erhielt die Europäische Gemeinschaft neue Impulse. Die deutsche Seite setzte sich für ein gemeinsames Gedenken ein, wobei sie auf die Rede des Bundespräsidenten von Weizsäcker von 1985 zurückgreifen und darauf hinweisen konnte, dass niederländische Gemeinden im Grenzbereich schon gemeinsame Veranstaltungen durchführten. Die Diskussion wurde in den Niederlanden hart geführt, was bewies, dass das Anliegen noch zur Unzeit in die Öffentlichkeit getragen worden war.

"Mof"

Dieses letztgenannte Beispiel mag als Hinweis darauf dienen, dass man durchaus in eine Phase der Nachdenklichkeit getreten war. Nachdenklichkeit etwa im Sinne einer Würdigung der jüngsten deutschen Vergangenheit, wie es der Publizist van Doorn tat, oder Nachdenklichkeit auch in der Anschauung des “Dritten Reiches” und seiner Lebensumstände für die deutsche Bevölkerung – eine Anschauung fernab von jeder Schuldfrage. Erwähnt sei hier der Roman von Tessa de Loo, De Tweeling, der 1993 erschien und als Die Zwillinge bald auch auf Deutsch herausgegeben wurde. Formal handelt es sich um eine Mischung aus Erzählung und einen im Hinblick auf die niederländisch-deutsche Beziehung hochpolitischen Diskurs. Im Unterschied zu vielen anderen Titeln der niederländischen Literatur, die sich mit der Besatzungszeit und dem Besatzer befassen, dringt Tessa de Loo über eine ihrer Protagonistinnen in die deutsche Entwicklung selbst ein. Die Auseinandersetzungen zwischen den Zwillingsschwestern lassen den Schluss auf ein gut entwickeltes Differenzierungsvermögen der Autorin zu. Sie versucht, das negative Modell vom “mof” der Nazi- und Kriegszeit aufzulösen und an seine Stelle die Zwiespältigkeit einer Zeit zu setzen, die die Erfahrung des Leidens auch in Deutschland kannte. Das erste Exemplar des Romans, der eben von Offenheit gegenüber Deutschland und den Deutschen zeugt und für Zeitgenossen jener Phase von durchaus hohem Realitätsgehalt ist, stellte Botschafter van Walsum im Oktober 1993 mit einer Rede vor, die deutlich für Offenheit und Differenzierungsvermögen plädierte.

Nachdenklichkeit scheint sich nach der Diskussion um das gemeinsame Gedenken insofern durchgesetzt zu haben, als offensichtlich die politischen Amtsträger meinten, an der Verbesserung der transnationalen Beziehungen mitarbeiten zu müssen. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hat diesen Bereich in Bewegung gebracht. Sowohl die Begegnung mit handverlesenen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft der Niederlande im Catshuis im Dezember 1994 als auch der offizielle Staatsbesuch 1995 mit der bemerkenswerten Rotterdamer Rede haben großen Eindruck gemacht. Aus diesen Begegnungen, die einem Treffen der beiden Außenminister anlässlich des Tages der deutschen Einheit folgten, ging die Bildung von je einem niederländischen und deutschen Lenkungsausschuss hervor. Ihnen gehören sechs Vertreter aus

Politik, Wirtschaft und Wissenschaft an, die jährlich deutsch-niederländische Konferenzen zu Themen, die beide Gesellschaften gleichermaßen betreffen, organisieren. Vielsagend und sicherlich auch von einem gesunden Optimismus getragen ist es, dass die niederländisch-deutschen transnationalen Beziehungen, die bis dahin zentral in der Öffentlichkeit standen, in diesem Kreis nicht mehr thematisiert werden. Und es scheint, als ob sich seit 1995 auch die veröffentlichte Meinung zurückhält und dieses Thema als einigermaßen obsolet betrachtet. Es sei noch darauf hingewiesen, dass kirchliche Organisationen von Nijmegen die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg 1996 unter das Motto stellten: “Freiheit teilt man mit den Nachbarn” und die Gedenkveranstaltungen zusammen mit Vertretern des benachbarten Kleve feierten – und dies mit Zustimmung des „Stedelijk Comité 4 en 5 mei“. Dass Tessa de Loo zum Totengedenken 1997 in Amsterdam auf Einladung des „Nationaal Comité 4 en 5 mei“ und in Anwesenheit der königlichen Familie eine Rede hielt, dürfte wohl als ein noch weiter reichendes Signal zu begreifen sein.

In der Gestaltung transnationaler Beziehungen ist somit weniger klischee-belastete Spontaneität als vielmehr Nachdenklichkeit erwünscht. Die jüngste Entwicklung weist Einsicht in die Untauglichkeit des Klischees und die Haltlosigkeit des Vorurteils nach. Solche Einsicht schafft die Voraussetzung, um die Fiktion zu einer über die nackte Institutionalisierung hinausgehenden Realität Europa umzuwandeln.[1]


[1] Lademacher, Horst: Reizende Nachbarn - Die Beziehungen zwischen Niederländern und Deutschen, in: Deutschland-Niederlande. Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstelung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2000, S. 60 bis 73.

Autor: Horst Lademacher
Erstellt: Januar 2004