I. Einführung: Niederländische Zuschauerrolle

Die weitgehend ungebrochene gesellschaftliche Kontinuität Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erfuhr durch den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung einen gewaltigen Schock, der tiefe Spuren hinterließ. Der Bruch zeigte sich unter anderm in der besonderen Sensitivität gegenüber Deutschland. Die traumatische Erfahrung sowie das davon ganz unabhängige, immer irritable Verhältnis eines kleinen zu einem großen Nachbarn kommen da zusammen. Während die deutsche Gesellschaft nach ungeheuren Katastrophen und Erschütterungen, gipfelnd im “Dritten Reich”, eine innere und äußere Metamorphose durchmachte wie kaum eine andere Nation, blieben in der niederländischen trotz jenes Schocks gewisse alte Linien deutlich sichtbar. Die Seeorientierung wurde zu einer ausgesprochen atlantischen Ausrichtung, und die Niederlande fühlten sich in ihrer politischen Kultur als Westeuropäer, von Haus aus – auch als parlamentarische Monarchie – England näher verwandt als ihren anderen Nachbarn. Neuerdings verändert sich die Situation im Zuge der Europäisierung und anderer großer Verschiebungen entscheidend, auch wenn die Jahrhunderte lange Zuschauerrolle noch deutlich die politische Mentalität prägt. Legitimiert durch das Bewusstsein, ein Kleinstaat zu sein, gilt den Niederländern Vorsicht als höchste Tugend, und in kritischen Situationen zeigt sich gelegentlich die lange Unerfahrenheit im Umgang mit massiver Gewalt. Wobei gleichzeitig in ihrem Selbstverständnis die Überzeugung fortdauert, zu den “Mittelgroßen” zu gehören. Ganz abwegig ist das nicht, bei einer Bevölkerungszahl, die mit 16 Millionen zwischen den vier Skandinavischen Staaten oder etwa Belgien und Ländern wie Rumänien, Polen oder Spanien liegt.

Unterschiedliche Entwicklungen

Die lange währende Zuschauerrolle wird auch erkennbar im Kulturellen, wo die Niederlande sich den drei großen Nachbarkulturen gegenüber immer als sehr aufnahmefähig erwiesen haben. Auch bestimmte diese beobachtende Rolle in nicht geringem Ausmaß das allgemeine Selbstbild als friedliches humanes Land, wobei eine gewisse moralische Überheblichkeit gedeihen konnte. Wie jede Gesellschaft kennt auch die niederländische ihre Tabus, etwa im Zusammenang mit der Dekolonisation Indonesiens. Zudem wird die Toleranz heute durch die massenhafte Zuwanderung von Fremden auf härtere Proben gestellt als je zuvor in der Geschichte. Dabei zeigt sich das pluralistische Erbe darin, dass Menschen anderer Herkunft oder Glaubens prinzipiell akzeptiert werden. Dies ist jedoch keineswegs schon zu verwechseln mit echter Integration und tatsächlicher Gleichstellung: Jeder bewegt sich nur innerhalb seiner eigenen etablierten oder einflusslosen Kreise, im Zentrum oder am Rande der Gesellschaft.

Zwar gleichen sich die großen Fragen und Probleme zwischen Deutschland und den Niederlanden heute immer mehr. Doch in den Reaktionen darauf und in den Verarbeitungsmechanismen scheint die unterschiedliche Vergangenheit immer wieder durch die täuschenden Ähnlichkeiten hindurch.[1]


[1] Hermann von der Dunk: Niederländische und deutsche Gesellschaft - ein historischer Vergleich, in: Deutschland-Niederlande. Heiter bis Wolkig. Begleitbuch zur Ausstelung im Haus der Geschiche der Bundesrepublik Deutschland in Bonn vom 22. November 2000 bis 16. April 2001 und im Rijksmuseum Amsterdam vom 26. Mai bis 16. September 2001, Bonn 2000, S. 18 bis 27.

Autor: Hermann von der Dunk
Erstellt: Februar 2004