III. Claus von Amsberg und die deutsch-niederländischen Beziehungen

Erste Begegnungen: Reaktionen auf die Verlobung mit Prinzessin Beatrix 1965

„Sehr beunruhigt wegen der Vergangenheit: Deutscher ...“, notierte der niederländische Ministerpräsident Jo Cals (KVP) Anfang Mai 1965 in seinem Tagebuch, nachdem Königin Juliana ihn darüber informiert hatte, dass Kronprinzessin Beatrix eine Romanze mit einem Deutschen habe. Namen und Hintergrund des Geliebten kannte Cals in diesem Moment noch nicht, doch allein die Nationalität ließ ihn das Schlimmste befürchten. Einige Tage später folgte die Enthüllung: Der Geliebte der Kronprinzessin hieß Claus von Amsberg und war ein deutscher Diplomat. Die ungute Vorahnung von Ministerpräsident Cals sollte sich bewahrheiten. Die linke Wochenzeitung De Groene Amsterdammer reagierte sofort und fand den Gedanken „unerträglich“, dass ein Deutscher Prinz der Niederlande werden sollte. Bei Het Parool war man der Ansicht, von Amsberg sei „gerade zu alt“, um der Nachkriegsgeneration „ohne Schuld“ zugerechnet werden zu können, und dies disqualifizierte ihn als Ehemann der zukünftigen Königin. Die Jugendprotestbewegung Provo verbreitete im Juli 1965 ein Flugblatt mit Abbildungen von Claus von Amsberg, Prinz Bernhard sowie Prinzessin Irenes Ehemann, Hugo Carlos, und der Frage: „Wer von den Dreien ist der größte Demokrat?“ Der Einfachheit halber war das Flugblatt mit einer kurzen Übersicht über die „faschistische Vergangenheit“ der Drei versehen. Auch auf der politischen Ebene gerieten manche auf Abwege. Im Sommer 1965 diskutierte der Ministerrat ausführlich darüber, ob der Rufname von Claus von Amsberg verändert werden sollte. Außenminister Joseph Luns trat energisch für eine Änderung des Rufnamens ein, weil der Name Claus so „typisch deutsch“ sei, und laut Protokoll des Ministerrates schlug er vor: „Man könnte statt dessen z.B. den Namen George wählen“. So weit sollte es dann doch nicht kommen: Claus blieb Claus, doch die Diskussion um seinen Namen zeigt erneut, wie schwierig die Einbürgerung von Amsbergs in die Niederlande verlief.

Harmlose Kriegsbiographie

Die wichtigste Frage, die im Mai und Juni 1965 die Gemüter bewegte, war die nach der Rolle Claus von Amsbergs im Dritten Reich. Im Auftrag der Regierung untersuchte der Direktor des niederländischen Instituts für Zeitgeschichte (Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie, RIOD), Prof. Dr. L. de Jong, die Biographie von Amsbergs. Wie viele andere deutsche Jugendliche war auch Claus von Amsberg am Ende des Krieges noch in der Kriegsmaschinerie eingesetzt worden. Im Alter von 18 Jahren hatte man ihn im März 1945 noch zu einer Panzerdivision der Wehrmacht nach Italien geschickt, aber von einer Kampffront konnte inzwischen keine Rede mehr sein. Von Amsberg hatte die Verwirrung unter den im Rückzug begriffenen deutschen Truppen genutzt und sich zusammen mit anderen jungen Leuten einige Wochen später bei den Amerikanern gemeldet, die ihn als Dolmetscher einsetzten.

Das war eine vergleichsweise harmlose Kriegsbiographie, doch die niederländischen Gemüter beruhigten sich auch nach der Präsentation dieser Fakten nur teilweise. Die Aufmerksamkeit richtete sich nunmehr auf die Frage, ob von Amsberg sich nach 1945 in Wort und Tat ausreichend vom Nationalsozialismus distanziert hatte, und so wurde von Amsberg in politisch-moralischer Hinsicht unter die Lupe genommen. Betrachtete er sich als ehemaliges Mitglied der Hitler-Jugend als antisemitisch beeinflusst? Wie stand er zu der Verurteilung von NS-Verbrechern? Hatte er schon einmal an einer Gedenkveranstaltung für NS-Opfer teilgenommen? Ähnliche Fragen wurden auch gestellt, als das Paar im Juni 1965 im Fernsehen interviewt wurde. Am Anfang der Sendung thematisierte der Moderator die Besatzungszeit 1940-1945 und ließ von Amsberg in einem Atemzug wissen: „Sie können ruhig in Ihrer Muttersprache antworten. Die verstehen wir schon noch“. Ein belgischer Journalist verfolgte die Sendung mit stellvertretender journalistischer Scham, und für ihn war sie „nicht weniger ... als ein moralischer Striptease des hochgepriesenen niederländischen Anstands“. wohl die Sendung von Amsberg viel Sympathie einbrachte und das Klima weniger feindselig wurde, fand im Herbst 1965 eine Unterschriftensammlung gegen die parlamentarische Zustimmung zu der Heirat statt. Insgesamt 60.000 Niederländer unterschrieben und vertraten damit die Ansicht, von Amsberg habe sich nach 1945 in Wort und Tat zu wenig von der NS-Zeit distanziert. Es ist bemerkenswert, dass diese 60.000 - darunter relativ viele aus den sogenannten meinungsbildenden Kreisen - sich nicht die Mühe gemacht hatten, nach den Tatsachen zu fragen, bevor sie in den Listen unterschrieben.

Alfred Mozer

Es war der ehemalige deutsche Emigrant Alfred Mozer, bereits 1933 vor Hitler in die Niederlande geflohen und nach 1945 lange Zeit internationaler Sekretär der niederländischen sozialdemokratischen Partei, der sich der Tatsachen annahm und im Oktober 1965 Kontakt zu Personen herstellte, die von Amsberg nach 1945 aus der Nähe erlebt hatten. Das Ergebnis der Suche Mozers ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Nach seinem Jurastudium hatte von Amsberg 1957 einige Monate in Hamburg bei dem jüdischen Rechtsanwalt Walter Lippmann gearbeitet und sich dort für die Wiedergutmachung zugunsten jüdischer NS-Opfer eingesetzt. Nicht weniger positiv berichtete von Amsbergs früherer Chef im Auswärtigen Amt, Rolf Pauls, der 1965 zum ersten deutschen Botschafter in Israel ernannt worden war. Von Amsberg habe ihn wissen lassen, dass er gerne mit nach Tel Aviv gehen würde, um zur Verbesserung der deutsch-israelischen Beziehungen beizutragen. Es tat Pauls sehr leid, dass sein früherer Mitarbeiter durch die Wende in seinem Privatleben nicht länger zur Verfügung stand. So gab es noch mehr, und ausschließlich positive Berichte über die ‚Nachkriegsvergangenheit’ des künftigen Prinzgemahls. Mit den Ergebnissen seiner Nachforschungen verwies Mozer alle Gerüchte und Verdächtigungen in das Reich der Fabel und dies zwang zweifellos zu mehr Sachlichkeit in einem emotional aufgeladenen Klima. Obwohl diese Emotionen allmählich abnahmen, blieben sie Teil der weiteren Vorgeschichte der Hochzeit, die am 10. März 1966 in einem unruhigen Amsterdam stattfand.

Ein sehr beliebter Niederländer

Als Prinz Claus im Oktober 2002 starb, war er schon lange zu einem der beliebtesten Niederländer geworden. Diese Entwicklung hatte bereits bald nach dem schwierigen Jahr 1965/66 eingesetzt. Sein gesellschaftliches Engagement, sein Humor, seine Offenheit und sein entwaffnendes Auftreten in der Öffentlichkeit, bei dem er nicht selten Konventionen und Protokoll zur Seite schob, kurzum: von Amsberg zeigte viele Eigenschaften, die sich Niederländer gerne selbst zuschreiben. Auch die offensichtlichen Schwierigkeiten, die Prinz Claus mit dem Korsett hatte, in das ihn sein Leben an der Seite der Königin der Niederlande zwängte, brachten ihm viel Sympathie ein. Das galt auch für sein Engagement für eine aktive und moderne Politik auf dem Gebiet der Entwicklungskooperation. Viele Niederländer fühlten dann auch aufrichtig mit ihm, als er sich ab den 80er Jahren in zunehmendem Maße mit gesundheitlichen Problemen konfrontiert sah.

Wichtig ist auch die positive Rolle, die Prinz Claus in den deutsch-niederländischen Beziehungen spielte. Der Empfang, der ihm Mitte der 60er Jahre in den Niederlanden bereitet wurde, hat ihn zweifellos geschmerzt, ohne dass hierüber jemals etwas an die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Was sehr wohl nach außen drang, war ein immerwährender starker Einsatz für die Verbesserung der Beziehung zwischen Niederländern und Deutschen. Gerne unterstützte er Initiativen auf diesem Gebiet, z.B. das Deutsch-Niederländische Journalistenstipendium, ein besonders erfolgreiches Austauschprogramm für junge Journalisten. Daneben war er Schirmherr der Deutsch-Niederländischen Konferenz, einem jährlich stattfindenden, groß angelegten Symposium über Probleme, die beide Länder betreffen. Weniger bekannt in der breiten Öffentlichkeit - aber deshalb nicht weniger wichtig - war die Initiative Prinz Claus’, die wegweisende Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker vom 8. Mai 1985 ins Niederländische übersetzen zu lassen und mit einem persönlichen Vorwort von seiner Hand in Buchform zu publizieren. So gäbe es noch viele Beispiele seines fortwährenden großen Engagements - vor und hinter den Kulissen - für den Normalisierungsprozess zwischen Niederländern und Deutschen. Bei seinem Tode wurde Prinz Claus zu Recht allseits für seine großen Verdienste auf vielen Gebieten gelobt. Auch der unfreundliche Empfang, der ihm 1965/66 zuteil geworden war, wurde wieder in Erinnerung gerufen. Peinlich hierbei war allerdings, dass nur wenige diese Erinnerung mit selbstkritischen Reflexionen über das damalige Verhalten vieler Niederländer verbanden. 

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: Januar 2007