IV. Buchrezension

Boterman, Frits/Vogel, Marianne (Hrsg.): Nederland en Duitsland in het interbellum. Wisselwerking en contacten - Van politiek tot literatuur, Hilversum 2003

Über die deutsch-niederländischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert sind inzwischen zahlreiche Untersuchungen erschienen. Die Periode des zweiten deutschen Kaiserreichs (1871–1918) und der Erste Weltkrieg sind in den ausgezeichneten Dissertationen von André Beening und Marc Frey beschrieben worden. Übersichten über die Beziehungen zwischen 1933 und 1940 gibt es aus verschiedenen Blickwinkeln,  und besonders über die Beziehungen nach 1945  ist inzwischen viel geforscht worden. Eine bemerkenswerte Forschungslücke stellt in diesem Bereich jedoch noch immer die Zeit der Weimarer Republik (1918–1933) dar. Auch Lademacher schenkt diesen Jahren in seinem Übersichtswerk über die deutsch-niederländischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert keine Aufmerksamkeit. Seine Betrachtungen setzen am Ende des Ersten Weltkrieges aus und werden mit der Bedrohung durch Nazi-Deutschland nach 1933 wieder fortgesetzt.  Ein Überblick über die umfangreiche Menge an Literatur über die deutsch-niederländischen Beziehungen seit dem späten 19. Jahrhundert bestätigt im übrigen, was Frits Boterman 1998 bei seiner Antrittsvorlesung an der Rijksuniversiteit Groningen anmerkte: Der Zweite Weltkrieg hat unseren Blick auf die langfristigeren Linien und Muster im bilateralen Verhältnis getrübt. Die Vorkriegsjahre wurden zur Vorgeschichte für die Zeit von 1940–1945, und die Nachkriegsjahrzehnte standen auch in der Forschung lange Zeit unter dem Zeichen der Normalisierung nach dem Tiefpunkt der Besatzungsjahre. So war Botermans Antrittsrede sowohl eine erfrischende Argumentation gegen den Finalismus und gegen das einseitige Interesse an den Nachwirkungen der Kriegszeit, als auch ein Plädoyer für eine historisierende Erforschung der Jahre vor 1940. Boterman setzte anschließend als außerordentlicher Professor in Groningen selbst das Wort in die Tat um, und so ist der vorliegende Band das Ergebnis zweier Konferenzen, die er 2001 und 2002 mit seiner Mitherausgeberin Marianne Vogel zum Thema deutsch-niederländische Beziehungen zwischen 1918 und 1940 organisiert hat.

Interessant an diesen Beziehungen ist, daß die Niederlande in den zwanziger Jahren auf verschiedenen Gebieten für Deutschland eine nicht unwichtige Rolle spielten. So halfen die Niederlande im Bereich der Wirtschaft der ökonomisch äußerst schwachen Weimarer Republik mit Krediten. In politischer Hinsicht waren die Niederlande zwar neutral, aber sie waren dessen ungeachtet ein willkommener Gegner des Versailler Vertrages, und auch auf kulturellem Gebiet gab es in Deutschland ein deutliches Interesse an den Niederlanden. Vor diesem Hintergrund präsentieren Boterman und Vogel ihren Band. Es handelte sich innerhalb der bilateralen Beziehung – wie Boterman in seiner Einleitung darlegt – nicht um ein einseitiges Übergewicht Deutschlands, sondern die Niederlande wurden vielmehr von Deutschland als eine Wiege der Modernität, Demokratie und der kleinen Maßstäbe entdeckt. Damit wird bei Boterman ein zweiter Aspekt seines Forschungsziels sichtbar. Er strebt nicht nur einen anderen Blickwinkel in der Erforschung der deutsch-niederländischen Beziehungen an, sondern er hat auch einen neuen Blick auf die Niederlande im Interbellum vor Augen: weg vom Bild der Niederlande als einem „Mädcheninternat“ (H.W. von der Dunk), in dem angeblich Bravheit, Behäbigkeit, kultureller Provinzialismus und Konservativismus dominiert haben, und hin zu einem differenzierteren Blick mit einer größeren Aufmerksamkeit für die modernen Niederlande und ihre Verdienste in einem aktiven Prozeß der Wechselwirkungen mit Deutschland.

Gemessen an diesem Ziel handelt es sich beim vorliegenden Band um nicht mehr als einen ersten Ansatz. In 16 recht kurzen Artikeln wird ein breites Spektrum von Themen behandelt, das von den politischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik bis zum Berlin-Bild in der niederländischen Literatur der Zwischenkriegszeit, der frühen Rezeption des Theologen Karl Barth in den Niederlanden, den Erfahrungen von Erika und Klaus Mann in den Niederlanden, der Nederlandsch-Duitsche Vereeniging, dem wissenschaftlichen Austausch, der Rezeption deutscher Literatur in den Niederlanden und noch einigen weiteren Themen reicht. Das Niveau der Beiträge ist sehr unterschiedlich. Manche Artikel, wie der von Thomas Gijswijt über die politischen Beziehungen während des Ersten Weltkrieges, fügen dem bereits bekannten Bild – hier die niederländische Neutralität und Abhängigkeit – nicht viel Neues hinzu. Auch Alexandra Paffen liefert in ihrem Beitrag über Erika und Klaus Mann nicht viel Neues, und der sicherlich informative Text von Ismee Tames über die Nederlandsch-Duitsche Vereeniging, die seit 1919 kulturelle Beziehungen und deutsch-niederländische Stammverwandtschaft propagierte, entkommt der ‚Vorgeschichten‘-Perspektive nicht ganz, der dieser Band doch gerade entgegentreten möchte. Der Artikel von Gregor Langfeld über einige Kunsthändler für moderne Kunst in den Niederlanden ist fragmentarisch, und Christiaan Janssens Beschreibung der Rezeption deutscher Literatur in den Zeitschriften Het Duitse Boek und De Weegschaal ist rundheraus schwach zu nennen. Janssen hat sich inzwischen mit einer guten Dissertation zu diesem Thema revanchiert,  und es ist zu hoffen, daß man dies in Zukunft auch von den anderen, zumeist noch jungen Autoren dieses Bandes sagen kann. Viele Beiträge haben einen noch sehr vorläufigen Charakter, und obgleich man in dem Band vergeblich nach derartigen Hinweisen sucht, handelt es sich in einer Reihe von Fällen um Zusammenfassungen laufender Promotions- oder Post-Doc-Forschungsvorhaben.

Andere Beiträge sind dagegen sehr lesenswert. So erläutert Leon Hanssen überzeugend, daß die Niederlande für Thomas Mann in einer Reihe von Punkten eine Vorbildfunktion erfüllten, und daß Manns eigene Worte anläßlich einer Tischrede 1924 in Den Haag mehr als nur Höflichkeit waren. Mann sprach sich damals lobend über „die Freiheitssphäre des modernen, des lebensfreundlich-, lebenswillig-demokratischen Gedankens“ in den Niederlanden aus. Mit seinem Beitrag liegt Hanssen ganz und gar auf der Linie Botermans: Die Niederlande waren mehr als ein stilles Wasser, in dem nichts geschah, und sie nahmen durchaus in ausländischen Reflexionen zur politischen und kulturellen Modernität einen eigenen Platz ein.

Zu den herausragenden Beiträgen des Bandes gehört auch der Artikel von Ute Schürings über die Reputation Berlins in der niederländischen Literatur des Interbellums. Anhand von Texten von Ter Braak, Marsman, Lehning, Gans und anderen verdeutlicht sie, daß das bekannte positive Bild Berlins in dieser Zeit als bewunderter „kosmopolitischer Weltstadt“ und „Zentrum der Avantgarde“ relativiert werden muß und vor allem in der Retrospektive entstanden ist.  Gewiß, es gab in den Niederlanden in den zwanziger Jahren solche Bilder, aber parallel dazu existierten auch negative Beschreibungen über Aussichtslosigkeit, Desillusionierung und Untergang, die ebenfalls mit dieser Stadt in Verbindung gebracht wurden. Berlin wurde Schürings zufolge viel ambivalenter wahrgenommen, als es das bekannte Klischeebild der Nachkriegszeit von der rauschenden, attraktiven Weltmetropole glauben machen will. Dieses positive Nachkriegsbild ist, so Schürings, vor allem vor dem Hintergrund des negativen Images entstanden, das nach 1945 in den Niederlanden selbst über das eigene Land in der Zwischenkriegszeit existierte. Berlin wurde der nach dem Krieg als provinziell empfundenen niederländischen Zwischenkriegszeit als leuchtendes Vorbild gegenübergestellt, und so verschwanden die ambivalenten Aspekte, die es in den zwanziger Jahren noch gegeben hatte, aus dem Blickfeld. Damit paßt auch Schürings Beitrag in Botermans Blickwinkel, daß nämlich das in den Niederlanden herrschende Bild über die Geschichte des eigenen Landes im Interbellum simplifiziert ist und der Nuancierung bedarf.

Es ist schade, daß nur wenige Beiträge das Niveau der Texte von Hanssen, Schürings und der Einleitung von Boterman selbst erreichen und daß die Mehrzahl der Beiträge enttäuschend flach bleibt. So ist der Band nicht mehr als ein Programm mit noch vielen unzureichend ausgearbeiteten Bestandteilen. Bleibt nur, auf Botermans eigene Monographie zum Thema zu warten, sowie auf die hoffentlich überzeugenden Untersuchungen der Historiker, Kunsthistoriker und Germanisten, die in diesem Band ihre eigene Forschung in begrenztem Rahmen erläutern.

Autor: Prof. Dr. Friso Wielenga
Erstellt: Februar 2007