I. Einführung: 1914-1918 - Im Auge des Orkans

Im Juni 1904 schrieb Alfred von Schlieffen, Chef des preußischen Generalstabes, die erste Version des Vorhabens, das als Schlieffenplan bekannt geworden ist. Der Schlieffenplan ging von einem Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland aus. Der Kern des Planes bezog sich auf das Zeitfenster zwischen der deutschen und französischen Mobilmachung einerseits und der russischen andererseits. Deutschland und Frankreich würden ihre Armeen in wenigen Tagen einsatzbereit haben; Russland könnte schätzungsweise sechs Wochen nötig haben, um seine Armee richtig aufgestellt zu haben. Sollte es Deutschland gelingen, Frankreich innerhalb von sechs Wochen zu besiegen, würde es Zeit haben, die Armee in den Osten zu verlegen und anschließend Russland zu schlagen. Um Frankreich schnell zu besiegen, hielt Von Schlieffen eine Umzingelung der französischen Armee für notwendig; dies sollte gelingen, indem die deutsche Armee durch Belgien marschierte. Dies implizierte zwar eine Missachtung der belgischen Neutralität, doch hielt Von Schlieffen diese in Anbetracht der Angelegenheit für gerechtfertigt. In den ersten Versionen des Planes hatte Von Schlieffen noch vorgesehen, die Armee durch den Süden der niederländischen Provinz Limburg marschieren zu lassen. Er ging davon aus, dass die Niederlande nur protestieren würden, sich in der Praxis aber mit diesem Durchzug abfinden würden.

Patrouille a/d IJzer (Belgien)
Patrouille a/d IJzer (Belgien)
© gemeinfrei, NA, 158-1763

Sein Nachfolger Kuno von Moltke Jr. passte die Pläne Von Schlieffens in diesem Punkt an. Er beseitigte in dem Plan 1907 oder 1908 die Überlegung von einem Durchmarsch durch die Niederlande und entwickelte als Alternative eine schnelle Überrumpelung der Lütticher Festung. Die neutralen Niederlande waren somit auf der abgesicherten Rechtsflanke ein Feind weniger. Von Moltke rechnete außerdem mit einer britischen Blockade der deutschen Küste; in diesem Fall könnten die Niederlande als Durchfahrtsland für Deutschland von großem Wert sein.

Die Britten hatten tatsächlich den Plan für eine Blockade gefasst, waren aber 1912 zu der Erkenntnis gekommen, dass eine Blockade nah der deutschen Küste in Anbetracht der starken deutschen Flotte militärischer Selbstmord gewesen wäre. Stattdessen wurde eine Blockade mit ausreichendem Abstand beschlossen. Der Kanal wurde mit Seeminen abgeriegelt und der Home Fleet sollte auf die Meerenge zwischen Norwegen und Schottland konzentriert werden. Damit wäre die gesamte Nordsee, inklusive der neutralen Länder wie die Niederlande und Dänemark, abgeschnitten gewesen.

Niederländische Neutralitätspolitik

Am 25. Juli 1914 brach Österreich-Ungarn die Beziehungen mit Serbien ab und es wurde deutlich, dass Europa auf eine neue internationale Krise zusteuerte. Drei Tage später erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 30. Juli reagierte Russland mit einem Beschluss zur Bereitstellung. Deutschland sandte Russland am 31. Juli ein Ultimatum und machte seine Armee am 1. August einsatzbereit, nachdem Russland nicht reagiert hatte. Das führte unvermeidlich zu einem europäischen Krieg, da der Schlieffenplan nun in die Tat umgesetzt wurde und ein Angriff auf Frankreich vor der Tür stand.

Die Niederlande hatten ihre Armee schon am 31. Juli in Einsatzbereitschaft gehalten. Ungefähr 200.000 Soldaten wurden aufgerufen, sich innerhalb von zwei Tagen an ihre Positionen zu begeben. Am 2. August versicherte der deutsche Gesandte der niederländischen Regierung in Den Haag, dass Deutschland die niederländische Neutralität akzeptieren würde. Zugleich wurde in Brüssel ein Ultimatum übergeben. Am 4. August marschierte die deutsche Armee in Belgien ein. Die Niederlande konnten nicht mehr tun als abzuwarten, wie der Krieg verlaufen würde und in der Zwischenzeit versuchen zu überleben.

Niederländische Übersee-Treuhandgesellschaft (NOT)

Schon im August 1914 wurden die Niederlande mit der britischen Blockade konfrontiert. Dutzende niederländische Schiffe wurden festgehalten und manchmal gar nicht, manchmal mit Verspätung durchgelassen. Die britische Regierung forderte von den Niederländern die Garantie, dass die Güter, die durchgelassen würden, nicht nach Deutschland geliefert werden. Die niederländische Regierung wollte diese Garantie nicht geben, weil sie dies in Auseinandersetzung mit ihrer Neutralität brachte und sie große Probleme mit Deutschland erwartete. Die Lösung war die Einrichtung der Niederländische Übersee-Treuhandgesellschaft (NOT) im November 1914. Diese Privatgesellschaft garantierte, dass die Güter, die die Britten für niederländische Häfen passieren ließen, nicht nach Deutschland geliefert wurden. Obwohl das System nie wasserdicht war, wurde auf diese Weise die Durchfahrt auf ein Minimum heruntergefahren.

Akute Lebensmittelknappheit

Die Britten waren in der Lage, die Durchfahrt still zu legen, eine Kontrolle über den bilateralen Handel zwischen Deutschland und den Niederlanden aber besaßen sie nicht. Insbesondere der Export von niederländischen Landwirtschaftprodukten nahm spektakulär zu. Zwischen 1913 und 1915 wuchs der Export von Rind- und Schweinefleisch von 18.000 auf 56.000 Tonnen, von Butter von 18.000 auf 30.000 Tonnen, von Käse von 17.000 auf 51.000 Tonnen und von Eiern von 8.000 auf 22.000 Tonnen.

Zu Beginn des Jahres 1917 wussten sich die Niederlande, balancierend zwischen Deutschland und Großbritannien, zu behaupten. Am 1. Februar 1917 begann Deutschland allerdings mit dem unbeschränkten U-Boot-Krieg. Die Einfuhr in die Niederlande wurde dadurch behindert und der Mangel nahm zu. Der U-Boot-Krieg führte dazu, dass die Vereinigten Staaten Deutschland im April 1917 den Krieg erklärten. Die USA verhängten im Juli 1917 ein Exportverbot für alle neutralen Länder. Einen Monat später wurde beschlossen, die niederländischen Schiffe in den amerikanischen Häfen festzusetzen. Dadurch kam der niederländische Überseehandel fast zum Erliegen. Es drohte eine akute Lebensmittelknappheit. Unter dem Druck der Umstände stimmten die Niederlande im April 1918 einer Beschlagnahmung aller niederländischer Handelsschiffe in alliierten Häfen im Tausch gegen Getreide zu.

Weltmacht: ein großer Scherbenhaufen

Im März 1918 begannen die Deutschen mit ihrer letzten Offensive an der Westfront, allerdings lief diese Offensive im Juli fest, zu einem Zeitpunkt, von dem an die deutsche Armee allmählich zurückgedrängt wurde. Die Niederlage war unvermeidlich. Deutschland war wirtschaftlich und militärisch erschöpft, während in Frankreich täglich Tausende von amerikanischen Soldaten ankamen. Am 3. Oktober bat Deutschland um einen Waffenstillstand. Während die Verhandlungen liefen, fielen noch täglich Soldaten. Es kam zu revolutionären Unruhen in Deutschland. Am 18. November 1918 flüchtete Wilhelm II. in die Niederlande. Einen Tag später wurde der Waffenstillstand unterzeichnet. Der Traum von einer deutschen Weltmacht lag in Scherben.

Autor: André Beening
Erstellt: Januar 2007