III. Weimarer Republik - Emsgebiet

Eine von Deutschland und den Niederlanden anerkannte Grenze hat es im Ems-Gebiet, einer breiten Flussmündung im Norden beider Länder, nie gegeben, was bis ungefähr 1900 kein Problem dargestellt hatte. Als das deutsche Kaiserreich jedoch um die Jahrhundertwende im Zeichen der so genannten Weltpolitik eine große Kriegsmarine baute und im Emsgebiet militärische Verstärkungen einrichtete, wollte das niederländische Außenministerium 1909 wegen der immer angespannteren internationalen Lage die Angelegenheit regeln, um nicht unabsichtlich in militärische Vorfälle verwickelt zu werden und somit die eigene Neutralität zu gefährden. Die deutsche Regierung war einer endgültigen Regelung nicht abgeneigt, vertrat aber andere Vorstellungen vom Verlauf der Grenze als die Niederländer: Für sie war die ganze Ems deutsch. Die niederländische Seite bezweifelte die Authentizität der von den Deutschen zum Beleg überreichten, aus dem Spätmittelalter stammenden Dokumente. In Den Haag meinte man, das Völkerrecht sei entscheidend; demnach bilde der Talweg, die Mitte der Fahrrinne, die Grenze. Nach einigen Jahren von Verhandlungen blieben den Niederlanden kaum noch Möglichkeiten, dem immer massiver werdenden deutschen Druck zu entkommen, doch durch den Ersten Weltkrieg verlor Deutschland schlagartig alle Interessen an dieser Angelegenheit.

Scheitern einer gemeinsamen Kommission

Erst in den zwanziger Jahren wurde die Grenzfrage wieder aktuell. Im Juni 1921 einigten sich das deutsche und das niederländische Außenministerium auf die Gründung einer gemeinsamen Kommission, die die Emsfrage lösen sollte. Diese Kommission tagte vom 15. bis zum 20. August in Berlin, aber auch nach der fünften Sitzung war keine Einigkeit über die Grenze entstanden, geschweige denn eine Entscheidung getroffen. Am 21. August wurden die Verhandlungen auf Wunsch der niederländischen Delegation abgebrochen. Sie wollte zunächst einmal nach Den Haag abreisen, um, wie es in einer deutschen Aufzeichnung hieß, „verschiedene Punkte mit ihren heimischen Behörden zu besprechen und ihre Vorschläge auszuarbeiten.“

Die Verhandlungen wurden danach nicht mehr fortgesetzt, im Grunde genommen weil die niederländische sowie die deutsche Regierung hierbei wenig gewinnen konnten. Die deutsche Schlachtflotte gehörte nach dem Ersten Weltkrieg der Geschichte an, so daß sich die niederländische Seite kaum Sorgen um mögliche negative Folgen der unklaren Rechtslage machen mußte. Umgekehrt hätte die deutsche Regierung wenig bei einer definitiven Regelung gewinnen können. Erst 1960 sollte ein Vertrag abgeschlossen worden, mit dem jedoch die Grenzfrage nicht gelöst wurde. Denn hier wurden nur Regelungen für praktische Angelegenheiten festgelegt. Dies war die ‚entente practique‘, die in der Zwischenkriegszeit angestrebt worden war. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Hoheitsfrage ausgeklammert; eine endgültige Entscheidung in diesem Bereich steht selbst heute noch aus, wenngleich sie durch den europäischen Einigungsprozess und die Schaffung von Euregios ohnehin weitgehend überflüssig geworden ist.

Autor: Ries Roowaan
Erstellt: Januar 2007