III. Diplomatische Zurückhaltung und demokratische Meinungsfreiheit

Die niederländische Deutschlandpolitik der 1930er Jahre glich dagegen einem Drahtseilakt, der von Vorsicht und der Vermeidung jeglicher Provokationen gekennzeichnet war. So wurde Ende 1937 van Limburg Stirum nach London versetzt, da ihn seine offen NS-kritische Haltung – z.B. weigerte er sich im Gegensatz zu vielen anderen Diplomaten beharrlich, an den Nürnberger Reichsparteitagen der NSDAP teilzunehmen – in Berlin in eine zunehmend unhaltbare Position gebracht hatte. Sein Nachfolger, C. Ridder van Rappard, galt dagegen als regimefreundlich. Bei Konflikten, die ihren Ursprung außerhalb der Diplomatie hatten, konnte die Regierung aber nur bedingt Einfluss nehmen. Bei kritischen Presseartikeln, Veranstaltungen niederländischer oder exilierter deutscher Gegner des Nationalsozialismus oder sonstigen Zwischenfällen blieb in der Regel nichts anderes übrig, als auf die deutschen Proteste mit Bedauern zu reagieren und auf die Meinungs- und Pressefreiheit zu verweisen.

So war es schon im April 1933 zu einem Konflikt an der Leidener Universität gekommen: Johan Huizinga hatte in seiner Eigenschaft als Rektor den deutschen Nationalsozialisten Johann von Leers, damals Leiter einer Studentendelegation bei einem internationalen Kongress, der Universität verwiesen, nachdem er über eine von ihm verfasste antisemitische Hetzbroschüre informiert worden war. Der Vorgang schlug in der Öffentlichkeit Wellen und führte selbstverständlich zu einem Protest der Reichsregierung in Den Haag, der für Huizinga und die Universität aber folgenlos blieb. Allerdings wurden danach Vorträge des bekannten Historikers in Deutschland „wegen seiner deutschfeindlichen Gesinnung“, wie es in einem Rundschreiben an alle Universitäten hieß, verboten.

Als der deutsche Druck auf die niederländische Regierung in dem Krisenjahr 1938 noch einmal zunahm, ermahnte Ministerpräsident Colijn im Dezember des Jahres 14 Chefredakteure großer Zeitungen in einem persönlichen Gespräch, zurückhaltend über das „Dritte Reich“ zu berichten. Das Treffen illustrierte den schleichenden Prozess der Anpassung auf Regierungsseite, der seit 1933 stattgefunden hatte, brachte aber die kritischen Stimmen nicht wirklich zum Verstummen.

Dass sich Colijn bei aller Rücksichtnahme keineswegs einfach deutschen Vorstellungen unterordnete, zeigte sich übrigens auch in dem Auftreten gegen offen nationalsozialistische Propaganda auf niederländischem Boden. Teil der deutschen Werbeoffensive gegenüber dem Ausland waren nämlich in den 1930er Jahren die Aktivitäten der Auslandsorganisation der NSDAP. Ihre Mitglieder – in den Niederlanden schätzungsweise 2.000 – sollten das Verständnis für das „Dritte Reich“ fördern und eigentlich die offiziellen Beziehungen nicht belasten. Die niederländische Regierung sah in ihren Agenten aber zu Recht den Versuch einer unzulässigen Infiltration des Landes. 1933 wies man die ersten Nationalsozialisten aus und verfügte zugleich ein Verbot politischer Betätigung für alle Ausländer, also auch für aus dem Reich geflüchtete Gegner des NS-Regimes.

Mit Blick auf die NS-Aktivisten ließ sich dies zwar nicht durchhalten und wurde auf deutschen Druck zum Jahresende zurückgenommen. Die NS-Auslandsorganisation benannte sich in „Reichsdeutsche Gemeinschaft“ um und wurde schließlich nur in losem organisatorischem Rahmen geduldet. Ihre Propagandaanstrengungen blieben eine Quelle für Spannungen, die sich nach den ersten Wahlerfolgen der „Nationaal-Socialistische Beweging“ des Utrechter Ingenieurs Anton Mussert ab 1935 wieder verstärkten.

Deutlich entspannter verliefen dagegen Kontakte auf anderen institutionellen Ebenen, die teilweise noch in die Weimarer Republik zurückreichten. So gab es seit den 1920er Jahren die besonders in Den Haag aktive Niederländisch-Deutsche Vereinigung, die zwar dezidiert deutschfreundlich auftrat, aber in den frühen 1930er Jahren zunächst Distanz zum Nationalsozialismus gewahrt hatte. In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre gab sie allerdings bei der Zusammenarbeit mit zunehmend nazifizierten deutschen Vereinen und der eindeutig völkisch orientierten „Nederlandsch-Duitsche Werkgemeenschap“, der Auswahl problematischer Vortragsreferenten oder auch der Ablehnung deutscher Exilliteratur ein wenig glückliches Bild ab. Auf die am 15. Dezember 1936 mit Unterstützung deutscher Ministerien gegründete Deutsch-Niederländische Gesellschaft (DNG) wird in den folgenden beiden Kapiteln im Zusammenhang mit ihren Wirtschafts- und Kulturaktivitäten näher eingegangen. Ihr traten bis Ende 1938 531 Mitglieder bei, darunter große Unternehmen, Handelskammern, Kommunalverwaltungen, Konsuln und Professoren. Deutscherseits erhoffte man sich von ihr, das Verständnis für die Politik des „Dritten Reiches“ in der niederländischen Öffentlichkeit zu fördern und deutschfreundliche Kräfte in den führenden Kreisen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu stärken.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010