XI. „Westforschung“

Deutlich abgehoben von Stedings Verachtung der Kultur des westlichen Nachbarstaates, aber für die Identität der Niederlande ebenso problematisch waren Strömungen in Geschichtswissenschaft, Geographie, Volkskunde, Vor- und Frühgeschichte und Kunstgeschichte, die seit den frühen zwanziger Jahren in Deutschland mit interdisziplinären Ansätzen eine neuartige Form von „Kulturraumforschung“ betrieben und dabei auf die Suche nach dem Gemeinsamen beiderseits der Grenzen gingen. Ihre Vertreter neigten dazu, den germanisch-deutschen „Kulturraum“ weit über die politischen Grenzen hinaus auszudehnen. Nun war gegen die Erforschung historischer, sprachlicher und allgemein-kultureller Beziehungen und Wechselwirkungen in Europa grundsätzlich nichts einzuwenden. In Verbindung mit dem „großgermanischen“ Herrschaftsanspruch der Nationalsozialisten und den konkreten revisionistischen Ansprüchen des „Dritten Reiches“ konnten diese Forschungen aber schnell ein bedrohliches Potential entwickeln.

Die völkische „Kulturraumforschung“ im Westen nahm das gesamte Gebiet von Elsaß-Lothringen über Luxemburg und Belgien bis zu den Niederlanden in den Blick. Institutionelle Schwerpunkte hatte sie im Institut für rheinische Landeskunde in Bonn, an der RWTH Aachen, der Universität in Münster, dem Deutsch-Niederländischen Forschungsinstitut, das 1931 mit staatlichen Geldern aus Deutschland und den Niederlanden sowie Mitteln aus der Wirtschaft an der Universität zu Köln gegründet worden war, sowie in verschiedenen Forschungsgemeinschaften. Geschickt warb man um Partner in den jeweiligen Ländern und konnte dabei auch mit finanziellen Fördermöglichkeiten locken. Der Historiker Franz Petri, in den 1930er Jahren der führende Niederlande-Experte, erklärte zwar, für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit „das Niederländische als ein vollkommen gleichberechtigtes germanisches Brudervolk anzuerkennen, während seinerseits der Niederländer es verstehen und würdigen sollte, wenn der Deutsche der früheren Gemeinschaft mit einem ihm selber vielleicht überflüssig erscheinendem Eifer“ nachspüre.[8]  Dabei fasste Petri aber unter den Niederlanden auch Belgien und versah damit den territorialen Status quo bereits mit einem Fragezeichen. Ansonsten agierte er vorsichtig und betonte, dass die Jahrhunderte zurückreichende staatliche Selbstständigkeit der nördlichen Niederlande keinesfalls in Frage gestellt werden solle.

Obwohl es auch auf niederländischer Seite in den 1930er Jahren ein verstärktes Interesse an Forschungen zur Volkskultur gab, gingen die Wissenschaftler dort nur vereinzelt auf die deutschen Avancen ein. Bei den prominenten Fachvertretern überwogen Skepsis und Misstrauen gegenüber den Absichten der „Kulturraumforscher“ und den möglichen politischen Implikationen ihrer Arbeit. Dass dies berechtigt war, zeigte sich nach 1940, als Forschungsergebnisse und Forscher für die deutsche Besatzungsherrschaft in Westeuropa herangezogen wurden – so Franz Petri als Kulturreferent der Militärverwaltung für Belgien und Nordfrankreich.

Asymmetrische Wahrnehmungen

Angesichts des weitreichenden Herrschaftsanspruchs des Nationalsozialismus mit seinen massiven Auswirkungen auch auf das kulturelle Leben standen die Niederländer hier ebenso wie in Politik und Wirtschaft ab 1933 vor der Frage, wie sie darauf reagieren sollten. Konnte man sich unter den veränderten Rahmenbedingungen noch auf deutsche Kultur einlassen und wenn ja, auf welche? Sollte man sich nur auf die Klassiker konzentrieren – Johan Huizinga hatte kurz zuvor 1932 die Niederländische Akademie der Wissenschaften bei der großen Goethe-Gedenkfeier in Weimar vertreten –, konnte und sollte man sich mit der „gleichgeschalteten“ und vom Reichspropagandaministerium kontrollierten offiziellen Kultur befassen oder repräsentierten nun die ins Exil vertriebenen Künstler, Intellektuellen und Wissenschaftler die deutsche Kultur? Schließlich reichte der Einfluss deutscher Kultur und Wissenschaft in den Niederlanden weit ins 19. Jahrhundert zurück und war breit fundiert. Der Erste Weltkrieg hatte dies nicht grundlegend erschüttern können, obwohl auch in den Niederlanden die Verteidigung der deutschen Kriegführung in dem „Aufruf an die Kulturwelt“ zahlreicher prominenter Wissenschaftler und Intellektueller im Herbst 1914 auf Einspruch gestoßen war.

Auf deutscher Seite hatte der Kontakt zur niederländischen Kultur dagegen stets einen distanzierteren Charakter gehabt, auch wenn sich gerade in den 1920er Jahren deutsche Stimmen wie etwa Thomas Mann fanden, die das kulturelle Klima des Landes lobten. Dagegen hatten nationalistische Publizisten des 19. Jahrhunderts und ihre Nachfolger sogar wiederholt die Grundsatzfrage nach der kulturellen Eigenständigkeit des kleinen Landes gestellt.


[8] Franz Petri, Die Volksgeschichte der Niederlande als germanisch-deutsche Forschungsaufgabe, zitiert nach Wilfried Maxim, „Frontabschnitte“ der „Westforschung“ in der Publizistik der Bonner Schule, in: Dietz / Gabel / Tiedau (Hg.), Griff nach dem Westen, S. 730.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010