V. Selektive Wahrnehmung der Wirklichkeit des „Dritten Reichs“

So sehr die offizielle niederländische Außenpolitik auf Neutralität und Zurückhaltung bedacht war, so genau sahen Diplomaten, niederländische Parlamentsabgeordnete oder die Korrespondenten der großen Tageszeitungen, wie sich Deutschland veränderte. Das galt schon für die ersten Wochen und Monate nach der Machtübernahme Hitlers. So schrieb van  Limburg Stirum am 5. April nach einem Abendessen beim preußischen Kronprinzen: „Sie werden verstehen, dass man auch als Fremder, als Nachbar, hier unter dem Druck und dem Kummer dessen lebt, was kommen wird. Auch auf kirchlichem Gebiet sehe ich Not für diejenigen voraus, die meinen, dass man zwischen Hakenkreuz und Kreuz wählen muss. Manche meiner Bekannten haben dieses Problem nicht, für sie ist Hitler der Messias, aber ich halte es für möglich, dass der wahrscheinlich geringe Anteil Pfarrer, die ihre Überzeugung über das tägliche Brot stellen, gezwungen sein werden, in Sälen statt in Kirchen zu predigen und abhängig von freiwilligen Beiträgen ihrer Gemeinde werden. Die Anzahl feststehender Misshandlungen und unbewiesener Morde durch Nazis – auf der Flucht niedergeschossen, im Krankenhaus oder Gefängnis gestorben, heißt es dann – nimmt täglich zu.“ Der Antisemitismus stieß bei van Limburg Stirum dagegen nicht auf uneingeschränkte Ablehnung: „Ich verstehe vollkommen, dass man die Ostjuden loswerden will, und auch die [Finanz-]Haie, auch dass man gegen den unverhältnismäßig großen Anteil vorgeht, den Israel überall erobert hat, aber es gibt Grenzen.“[4]

Auch in der Presse der Niederlande fanden sich vor allem im protestantisch-christlichen Lager Sympathiebekundungen für den Kampf Hitlers gegen die Kommunisten, die angebliche Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung oder das konservative nationalsozialistische Kulturverständnis. Den Kampf gegen den Versailler Vertrag konnte man nachvollziehen und verschloss dabei die Augen vor den Gefahren der deutschen Wiederaufrüstung, die noch im Frühjahr 1933 einsetzte. Zugleich lehnte man aber die nationalsozialistische Ideologie als Ganzes ab, da sie mit ihrem Absolutheitsanspruch in Konkurrenz zur Religion trat und sich zumindest teilweise aus antichristlichen philosophischen Traditionen speiste. Der im Sommer 1933 im Reich sichtbar werdende „Kirchenkampf“ und die Abspaltung der „Deutschen Christen“ in den protestantischen Landeskirchen verstärkten diese Trennungslinie.

Die Angriffe auf die Kirchen spielten auch in der katholischen Presse eine wichtige Rolle, die sich zudem ebenso wie liberale und linksgerichtete Kreise auch offen über die nationalsozialistische Gewalt und den Terror der Straße, den man mit den Zuständen im bolschewistischen Russland verglich, über Pressezensur und über das Ausmaß der Judenverfolgung, die mit dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 einen frühen Höhepunkt gefunden hatte, empörte. Im Lauf der Jahre waren es vor allem die katholische und die sozialdemokratische bzw. kommunistische Presse und Organisationen in ihrem Umfeld wie der niederländische Gewerkschaftsbund, die diese Aspekte offen ansprachen und regelmäßig deutsche Proteste beim Haager Außenministerium hervorriefen. Insgesamt war die niederländische Reaktion auf die Machtübernahme Hitlers und die nationalsozialistische Politik in den folgenden Jahren aber bis hinauf zu Ministerpräsident Colijn durch ein „sowohl als auch“ gekennzeichnet, das viel mit eigenen politischen und gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen zu tun hatte, wie der Historiker Horst Lademacher treffend herausgestellt hat.


[4] Van Limburg Stirum an Außenminister Beelaerts van Blokland, 5. April 1933, in: Documenten betreffende de buitenlandse politiek van Nederland 1919-1945, periode B 1931-1940, deel II: 1 april 1932-30 mei 1933, hg. von W. J. M. Klaassen / J. Woltring, ‘s-Gravenhage 1987, S. 581f.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010