XII. Ein niederländischer Star in Berlin

„Ich danke Ihnen für diesen schönen Abend. Die ‚Lustige Witwe‘ ist meine Lieblingsoperette, und Sie sind für mich der beste Danilo, den ich kenne!“ Der hier persönlich Beglückwünschte war der niederländische Operettentenor Johannes Heesters. Er hatte im September 1934 in Wien erste Erfolge im deutschen Sprachraum gefeiert, war Ende Dezember 1935 nach Berlin gegangen und brillierte seit Silvester 1938 in München in einer Neuinszenierung von Franz Léhars erfolgreichster Operette in der Rolle des Grafen Danilo. Der begeisterte Gratulant war Adolf Hitler. [9]

Wenn man in den dreißiger Jahren in Deutschland nach bekannten Niederländern aus dem Kultur- und Unterhaltungsbereich gefragt hätte, wäre Heesters wohl mit großem Abstand als erster genannt worden. Von 1934 bis zum Kriegsende stand er in Berlin, München, Wien, Hamburg und Bremen auf der Bühne und drehte dazu rund 20 große Kinofilme für die Berliner UFA. Das Klischee des gutaussehenden und eleganten Charmeurs, für das der Graf Danilo wie kein anderer stand, sollte Heesters‘ Image in der Öffentlichkeit und seinen weiteren Lebensweg ebenso prägen wie die besondere Wertschätzung der Nationalsozialisten, die er genoss. Obwohl Heesters mit der Ideologie des „Dritten Reiches“ nicht sympathisierte, wurde ihm nach 1945 seine Bereitschaft, sich dem Regime als Künstler zur Verfügung zu stellen und dafür auch Institutionen wie der Reichsfilmkammer beizutreten, in Teilen der niederländischen Öffentlichkeit für Jahrzehnte übelgenommen und verhinderte eine Fortsetzung seiner Karriere in den Niederlanden.

Die meisten Deutschen dürften außer Heesters kaum andere niederländische Stars gekannt haben – und ganz sicher keine, die sich nicht wie der Sänger ein gutes Deutsch angeeignet hatten –, während in den Niederlanden Namen wie Hans Albers, Heinz Rühmann oder Marika Rökk geläufig waren und man ihre Filme in den Originalfassungen ansah. Im populären Massenmedium des Films genossen deutsche Produktionen seit den Glanzzeiten der UFA in der Weimarer Republik einen guten Ruf. Nach der Einführung des Tonfilms hatte sich ihr Marktanteil in den Niederlanden zunächst noch erhöht, weil nicht synchronisierte Filme aus Deutschland beim Publikum als leichter vermarktbar galten als angloamerikanische Filme. Zwar sank der Anteil deutscher Filmimporte bis 1939 auf 15 Prozent ab, und die niederländische Zensur und die Filmkritik taten sich schwer mit den offen propagandistischen Machwerken, die nun aus Deutschland kamen. So wurde etwa Leni Riefenstahls Film über die Olympischen Spiele von 1936 zugelassen, ihr „Triumph des Willens“ über den Nürnberger Reichsparteitag von 1935 aber verboten. Die gleichzeitig angebotenen „unpolitischen“ Unterhaltungsfilme  der UFA wurden aber z.B. von dem einflussreichen Amsterdamer Filmkritiker Leo Jordaan weiterhin durchaus wohlwollend besprochen und fanden in den Niederlanden ihr Publikum.


[9] Zitat nach Heesters‘ 1978 erschienenen Memoiren in: Jürgen Trimborn, Johannes Heesters. Der Herr im Frack. Biographie, Berlin 2003, S. 262.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010