II. Abnehmende Handlungsspielräume: Diplomatie, Politik und Öffentlichkeit in den deutsch-niederländischen Beziehungen

Die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden hatten sich im ersten Jahrzehnt der Weimarer Republik recht günstig entwickelt, da die niederländische Regierung an einem politisch und wirtschaftlich wiedererstarkten Reich interessiert war und die Deutschen durch die Pflege der Beziehungen zu dem kleinen neutralen Nachbarn im Westen ihre anfängliche außenpolitische Isolation durchbrechen konnten. Ab 1929 überschatteten die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in beiden Ländern die weitere Entwicklung. Die Niederlande beobachteten mit Sorge die Destabilisierung in Berlin und fürchteten politisches Chaos und eine Machtübernahme der Kommunisten, die man ernster als die Nationalsozialisten nahm. Die Prognosen für die Zukunft der Demokratie waren nicht günstig. Auf deutscher Seite wurde weniger Rücksicht auf die niederländischen Handelsinteressen genommen: So setzten sich einflussreiche Kreise in Politik und Agrarwirtschaft für Importzölle auf landwirtschaftliche Produkte ein und auch im Programm der aufstrebenden NSDAP fanden sich solche protektionistische Forderungen. Der Blick des erfahrenen niederländischen Gesandten in Berlin, Johan Paul van Limburg Stirum, auf die deutsche Politik und die Interessen der Empfänger seiner Berichte im Haager Außenministerium waren in der Endphase der Weimarer Republik ganz von dieser Problematik bestimmt.

Unsicherheit und Erleichterung

Unmittelbar nach dem Regierungswechsel setzte sich diese Linie fort. Am 30. Januar 1933 schrieb van Limburg Stirum: „Sowohl von Hitler als auch von Hugenberg haben wir noch größere Schwierigkeiten zu befürchten als von Schleicher [...]. Soeben wird das neue Kabinett bekannt. Dass Hugenberg beide Ministerien [Wirtschaft und Ernährung] bekommt, also die Wirtschaftsdiktatur, die er wollte, ist höchst bedenklich; dass [Außenminister] Neurath und [Finanzminister] Krosigk bleiben, gibt etwas Hoffnung, dass es nicht ganz so wahnsinnig werden wird, wie man von den beiden H.‘s befürchten muss.“ [2] Die niederländische Regierung und ihre Diplomaten hatten vor Hitler vor allem deshalb Angst, weil sie den „Sozialismus“ der NSDAP überschätzten, registrierten später aber mit Erleichterung, dass der neue Reichskanzler sich in der Außenpolitik zunächst durchaus staatsmännisch gab. Eher noch mehr als Hitler fürchtete man den deutschnationalen Alfred Hugenberg als neuen Wirtschaftsminister, denn von ihm erwartete man die rücksichtslose Durchsetzung einer protektionistischen Agrarpolitik. Auch hier war nach einigen Wochen die Erleichterung groß, als sich die politische Schwäche Hugenbergs herausstellte und die Niederländer weiter mit den vertrauten, im Amt verbliebenen konservativen Ministerialbeamten verhandeln konnten.

Vier Monate später gab es auch in den Niederlanden einen Regierungswechsel: Vom 26. Mai 1933 bis Ende Juni 1939 sollte Hendrik Colijn von der Antirevolutionären Partei als Ministerpräsident amtieren und den politischen Kurs des Landes bestimmen. Der deutsche Gesandte in Den Haag, Julius Zech von Burkersroda, schätzte ihn als verhalten deutschfreundlich, aber aufgrund seiner Kolonialvergangenheit auch stark anglophil ein. Er sei entschiedener Antikommunist, trete aber zugleich für Glaubens- und Gewissensfreiheit ein und habe kein Verständnis für die deutsche Rassenpolitik. Außerdem regierte er in einer Koalition mit der Katholischen Staatspartei, die sich öffentlich gegen den Nationalsozialismus positionierte. Ein zentraler Gegensatz führte auch hier wieder auf das Feld der Wirtschaftspolitik, denn Colijn war im Prinzip für freien Handel und gegen Zollschranken.

Trotz der politischen und wirtschaftspolitischen Gegensätze zwischen Deutschland und den Niederlanden waren die beiden Nachbarländer in den Jahren bis zum Kriegsbeginn aus unterschiedlichen Motiven daran interessiert, die offiziellen Beziehungen nicht irreparabel zu beschädigen – die Niederlande vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, worauf im zweiten Teil des Dossiers noch näher eingegangen wird, die Deutschen, weil sie sich in der Phase der Aufrüstung und der Kette wohlkalkulierter Verstöße gegen den Versailler Vertrag wie der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935, der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands 1936 und dem „Anschluss“ Österreichs und des Sudetenlandes 1938 in Europa nicht stärker als notwendig isolieren wollten. Während aber für die Niederlande Deutschland neben Großbritannien im Zentrum außenpolitischer Überlegungen stand, hatten die Niederlande für die Deutschen einen geringeren Stellenwert. Dementsprechend nahm man auf niederländische Empfindlichkeiten wenig Rücksicht.


[2] Van Limburg Stirum an Generaldirektor Hirschfeld, Handelsministerium, 30. Januar 1933, in: Documenten betreffende de buitenlandse politiek van Nederland 1919-1945, periode B 1931-1940, deel II: 1 april 1932-30 mei 1933, hg. von W. J. M. Klaassen / J. Woltring, ‘s-Gravenhage 1987, S. 472.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010