VII. Ein deutscher Prinz für die Niederlande

Die kritische Haltung eines erheblichen Teils der niederländischen Öffentlichkeit gegenüber dem „Dritten Reich“ und auch die Distanz Königin Wilhelminas gegenüber Deutschland trat im September 1936 in den Hintergrund, als die Regierung bekanntgab, dass die niederländische Thronfolgerin Juliana bestehenden Traditionen gefolgt war und sich mit einem deutschen Hochadeligen, Bernhard zur Lippe-Biesterfeld, verlobt hatte. Die Suche nach einem geeigneten Ehemann hatte mehrere Jahre gedauert. Dabei waren auch Deutsche in Erwägung gezogen worden, aber Bernhard hatte auf keiner der zirkulierenden Listen gestanden. Der studierte Jurist, der in Paris für den I.G. Farben-Konzern tätig war, hatte Anfang 1936 selbst den Kontakt zum Hof gesucht, sich der Königsfamilie bei deren Besuch der Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen vorgestellt und einen guten Eindruck hinterlassen. Vor der glanzvollen Hochzeit am 7. Januar 1937 nahm Bernhard verfassungsgemäß die niederländische Staatsbürgerschaft an.

Ob die erforderliche Zustimmung des Parlaments genauso einstimmig und die Begeisterung der Bevölkerung genauso groß ausgefallen wäre, wenn damals schon bekannt gewesen wäre, dass Bernhard während seines Studiums in Unterabteilungen der SA und der SS eingetreten war, ist fraglich. Allerdings hatte er sich dort nur für Motorsport und Fliegerei interessiert und sich politisch in keiner Weise exponiert. In Paris hatte er sich geweigert, Mitglied der NSDAP-Auslandsorganisation zu werden. Bei öffentlichen Auftritten der Verlobten im Herbst 1936 wurde die deutsche Nationalität des Prinzen so wenig wie möglich herausgestellt. Man verwendete Lipper Familiensymbole statt Deutschlandlied und Hakenkreuzfahne, und Bernhard winkte mit der linken Hand, damit seine Geste sich vom Hitler-Gruß abhob, wie deutsche Diplomaten empört nach Berlin berichteten. In den Wochen vor der Hochzeit hatten sich nach einer Reihe kleinerer Zwischenfälle in den Niederlanden und einer deutschen Pressekampagne gegen Bernhard die Spannungen verschärft. Die deutschen Behörden zogen vorübergehend die Reisepässe von Hochzeitsgästen ein, und einige nationalsozialistisch orientierte Familienangehörige des Prinzen sagten ihre Teilnahme an der Feier an.

Obwohl Regierung und Königsfamilie alles taten, um die Hochzeit von Bernhard und Juliana als einen unpolitischen Akt darzustellen und aus den Konflikten der deutsch-niederländischen Beziehungen herauszuhalten – und der Bräutigam unterstützte dies durch sein zurückhaltendes und sympathisches Auftreten im Herbst 1936 nach Kräften –, zeigten diese Vorgänge, wie angespannt die Lage in Wirklichkeit in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre war.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010