X. Die deutsch-niederländische Grenze: Nahtstelle „stammverwandter“ Kulturen oder geistige Scheidelinie zwischen dem freiheitlichen Westen und einem totalitären Mitteleuropa?

Im Jahr 1934 veröffentlichte der Leidener Historiker Johan Huizinga einen Vortrag mit dem Titel „Nederlands geestesmerk“ über den Charakter und die geistige Einheit der niederländischen Nation, der in eine energische Verteidigung der bis in die Frühe Neuzeit zurückreichenden freiheitlichen Tradition des Landes mündete. Außerdem betonte Huizinga die niederländische Zugehörigkeit zu Westeuropa: „In unserer Zugehörigkeit zum Westen liegt unsere Stärke und der Grund für unsere Existenz.“ Das Land sei nach Übersee orientiert und gehöre zur Gemeinschaft der westlichen, freiheitlich-demokratischen Völker. Schließlich brachte Huizinga dies auf die seither oft zitierte Formel, die Grenze zwischen West- und Mitteleuropa verlaufe „über Delfzijl und Vaals“. [7] Gemeint war damit nicht eine geographische Unterscheidung, sondern eine geistige Scheidelinie zu nationalistischen und autoritären Staats- und Gesellschaftsvorstellungen, die für Huizinga mit der bürgerlich-demokratischen Kultur der Niederlande unvereinbar waren. Für den Erhalt dieser Kultur und ihrer Eigenständigkeit setzte er sich in den 1930er und frühen 1940er Jahren ein und wandte sich in Veröffentlichungen, Vorträgen und Vorlesungen dabei auch konkreter gegen den Nationalsozialismus, die deutsche Rassenpolitik und ihre pseudowissenschaftliche Legitimation.

Historiker Johan Huizinga
Historiker Johan Huizinga
© NA, 139-0715

Östlich der von Huizinga skizzierten Linie waren in den dreißigerJahren über die Niederlande unterschiedliche Deutungen ihrer Geschichte und Kultur zu vernehmen. 1938 erschien ein umfangreiches Buch des nationalsozialistischen Historikers Christoph Steding über „das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur“, in dem Steding einen ideellen Gegensatz zwischen dem „Reich“ und den „Randstaaten“, vor allem der Schweiz und den Niederlanden, feststellte und in drei Phasen den Aufstieg Deutschlands seit 1871, seinen Abstieg seit 1890 durch „Verschweizerung und Verniederländerung“ und den Wiederaufstieg seit 1933 beschrieb. Huizingas Kulturgeschichtsschreibung wurde dabei ebenso wie moderne Strömungen in Literatur, Psychologie und Kunstgeschichte als Einbruch außerdeutscher Wissenschaftskonzepte mit dem angeblichen Ziel der Schwächung der deutschen Reichsidee diffamiert. Stedings Buch war eine undifferenzierte Apologie des deutschen Machtstaates, für den die kulturelle und politische Expansion lebensnotwendig und dessen geistige Verfassung durch Rassismus und die Verherrlichung des Irrationalismus gekennzeichnet war.  Ähnlich wie Huizinga, nur mit grundlegend anderen Wertungen, hatte Steding damit ideelle Gegensätze zwischen den beiden Ländern betont.


[7] Johan Huizinga, Nederland‘s geestesmerk, in: ders., Verzamelde Werken, Bd. VII, Haarlem 1950, S. 311f.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010