XIII. Literatur

Zwei deutsche Literaturen

Dasselbe galt für die deutsche Belletristik und sonstige Publizistik. Seit 1930 existierte dafür in den Niederlanden sogar ein eigenes Rezensionsorgan, „Het Duitsche Boek“ (ab 1934: „De Weegschaal“), das von niederländischen Germanisten herausgegeben wurde und sich der Bekanntmachung der „Erzeugnisse deutschen Geisteslebens“ widmete. In der Zeitschrift wurden unpolitische Unterhaltungsliteratur und Sachbücher ebenso besprochen wie „völkische“ Texte überzeugter Nationalsozialisten und – allerdings bis Ende der dreißiger Jahre in abnehmendem Maße – Exilliteratur der vielen aus „rassischen“ oder politischen Gründen vertriebenen Schriftsteller. Die Zeitschrift bot zwar nationalsozialistischer Propaganda keine offene Bühne, vertrat aber einen problematischen Objektivitätsanspruch auch gegenüber dem „neuen“ Deutschland, der wiederum auf die professionell wohlwollende Einstellung zumindest eines Teils ihrer Herausgeber zurückging. Zu ihnen gehörte u.a. der prominente Amsterdamer Germanist Jan van Dam, der in der Besatzungszeit als Kulturstaatssekretär amtieren sollte.

Die Vorstellung, die traditionell in den Niederlanden intensiv rezipierte deutsche Literatur nach 1933 nicht auf die Schriften der Exilanten einzuengen, sondern auch den in Deutschland verbliebenen und sogar erst im „Dritten Reich“ zum Durchbruch gelangten Autoren gerecht werden zu müssen, spielte in der germanophilen Germanistik ebenso wie bei Teilen des literarisch interessierten Publikums eine wichtige Rolle. Zudem war auch in den Jahren zuvor die nun vertriebene deutsche Avantgarde keineswegs vorbehaltlos anerkannt und weit verbreitet gewesen. Schließlich wollten offizielle Stellen auch im Kulturbereich alles vermeiden, was von deutscher Seite als Provokation ausgelegt werden konnte.

Dagegen standen viele niederländische Künstler und Intellektuelle, die sich gegen den Nationalsozialismus engagierten und in der Literatur des Exils Verbündete suchten und fanden. Jeweils durch persönliche Vermittlung waren die beiden Amsterdamer Verleger Emanuel Querido und Gerard de Lange auf das enorme künstlerische Potential  der vertriebenen Deutschen aufmerksam geworden und veröffentlichten in ihren Verlagen, Querido und Allert de Lange, bis 1940 über 200 deutsche Bücher. Unter ihren Autoren fanden sich mit Heinrich Mann, Alfred Döblin, Joseph Roth, Emil Ludwig und anderen viele, die das kulturelle Leben der Weimarer Republik geprägt hatten. Der 1933 in Berlin vorübergehend internierte und dann ausgewiesene Kritiker des „Groene Amsterdammer“, Nico Rost, der sich seit den 1920er Jahren für die modernen deutschen Schriftsteller eingesetzt hatte, übersetzte nun Werke von Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Erich Maria Remarque oder Hans Fallada. In der sozialdemokratischen Tageszeitung „Het Volk“ wurden der Exilliteratur und der Auseinandersetzung mit der offiziellen deutschen Kulturpolitik breiter Raum gewährt, und selbst bei der eher konservativen Tageszeitung „Het Vaderland“ beschäftigten sich Menno ter Braak und der bereits 1931 aus Deutschland emigrierte Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen ausführlich mit der Exilliteratur.

Geflohene bzw. vertriebene deutsche Künstler wirkten in den Niederlanden aber nicht nur als Buchautoren, sondern in eingeschränktem Maß fanden sie auch als Theaterschriftsteller, Regisseure oder im Rundfunk ein neues Betätigungsfeld. Noch im Mai 1933 hatte in Amsterdam das Emigrantenkabarett „Ping Pong“ Premiere, und von von 1934 bis 1936 feierte die legendäre „Pfeffermühle“ Erika Manns, der Tochter des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, in den Niederlanden beachtliche Erfolge. Gerade dezidiert politische Äußerungen emigrierter Künstler stießen aber bei den Behörden und auch in Teilen der niederländischen Presse auf Kritik, wurden als Missbrauch der Gastfreiheit ausgelegt und 1936 offiziell unterbunden.

„Stammverwandte“ Schriftsteller Belgiens und der Niederlande

Während sich niederländische Germanisten, Kritiker und das allgemeine Publikum nach 1933 mit zwei deutschen Literaturen konfrontiert sahen – einer im „Dritten Reich“ offiziell geförderten oder zumindest geduldeten und einer ins Ausland vertriebenen –, sich in der Rezeption Fragen künstlerischer Qualität mit allgemeineren politischen Einstellungen und Rücksichtnahmen mischten, aber dabei insgesamt doch eine große Bandbreite literarischer Äußerungen wahrgenommen wurde, war der deutsche Umgang mit der zeitgenössischen niederländischen Literatur selektiver. Aus der niederländischen Belletristik waren schon in den 1920er Jahren vor allem Unterhaltungsliteratur, Frauenromane, Kinderbücher oder Krimis übersetzt und rezipiert worden. Dagegen blieben künstlerisch bedeutende jüngere Autoren wie Martinus Nijhoff, Hendrik Marsmann  oder Menno ter Braak in Deutschland unbekannt. Nach 1933 profitierten einige niederländischsprachige Schriftsteller davon, dass die deutschen Verlage nun für die vielen verfemten deutschen Schriftsteller der Weimarer Jahre Ersatz finden mussten und die deutschen Kulturbehörden deshalb einen „Einfuhrüberschuss“ an Übersetzungen tolerierten. Dabei waren Bücher aus dem niederländisch-skandinavischen Sprachraum bei der Zensur leichter durchzusetzen als angloamerikanische oder französische Autoren.

Schriftsteller wie der bereits seit Beginn des Ersten Weltkriegs hochgeschätzte Felix Timmermans oder die in den 1930er Jahren in Deutschland geförderten Stijn Streuvels und Gerard Walschap wurden von der nationalsozialistischen Literaturkritik gleichermaßen im Sinne der offiziell propagierten „völkischen“ Heimat- und „Blut und Boden“-Literatur vereinnahmt – angesichts ihrer Herkunft aus dem flämisch-katholischen Milieu eine Vereinfachung. Die Vorstellung, durch die Förderung von Übersetzungen angeblich „stammverwandter“ bzw. „großgermanischer“ Literatur aus dem Ausland die Produktion und die Nachfrage nach „völkischen“ Texten in Deutschland zu steigern, erwies sich als Illusion. In Wirklichkeit konnten die Verlage mit flämischen und niederländischen Schriftstellern sogar eher vorsichtige Kontrapunkte zu der offiziell propagierten Verengung der literarischen Perspektive setzen, und ihre höchsten Auflagen erzielten sie ohnehin mit „neutraler“ Unterhaltungsliteratur wie z.B. den weiterhin beliebten Frauenromanen von Jo van Ammers-Küller.

Institutionalisierte Kulturbeziehungen

Auch im Bereich institutionalisierter deutsch-niederländischer Kulturbeziehungen spielte ab 1936 wieder die Deutsch-Niederländische Gesellschaft (DNG) eine wichtige Rolle. Ihr Kulturausschuss setzte u.a. die Arbeit der 1934 gegründeten „Nederlandsch-Duitsche Werkgemeenschap“ fort, in der Dozenten und Studenten beiderseits der Grenze aktiv gewesen waren, wobei von deutscher Seite der großgermanisch-völkische Unterton und die propagandistische Funktion kaum zu übersehen gewesen war. Einen Höhepunkt des kulturpolitischen Wirkens der DNG stellte der mit großem Aufwand in Köln inszenierte 350. Geburtstag des Barock-Dichters Joost van den Vondel dar. Die Stadt Köln organisierte mit dem Deutsch-Niederländischen Institut, dem Wallraf-Richartz-Museum und der DNG eine Ausstellung und am 29. und 30. Mai 1937 eine große Feier. Von niederländischer Seite wirkten u.a. Kultusminister Slotemaker de Bruine als Ehrenvorsitzender, Generalkonsul Scheibler und weitere Diplomaten, der Amsterdamer Oberbürgermeister sowie Professoren aus Nimwegen und Amsterdam mit. In seinem Geleitwort zu dem Katalog der Ausstellung wies der Vorsitzende der Gesellschaft, Emil Helfferich, darauf hin, der „nationale Dichter der Niederlande“ sei zugleich auch „einer der größten Söhne der Stadt Köln“ gewesen.  In den verbleibenden Jahren bis zum Kriegsbeginn förderte die DNG auch wissenschaftspolitisch relevant erscheinende Projekte und Konferenzen im Umfeld der „Westforschung“.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010