VIII. Währungskrise, Protektionismus und Exportkontrolle: Deutsch-niederländische Handelsbeziehungen

Für die deutsch-niederländischen Wirtschaftsbeziehungen der 1930er Jahre war in vieler Hinsicht das Jahr 1931 prägender als der politische Einschnitt 1933. 1931 führte die Wirtschaftskrise in Deutschland dazu, dass die Reichsregierung die freie Konvertibilität der Reichsmark aufhob, internationale Schulden nicht mehr bediente und strikte Devisenbeschränkungen einführte. Im darauffolgenden Jahr standen für Importe gerade einmal die Hälfte der 1929 ausgegebenen Devisen zur Verfügung. Für die Niederlande, die nicht nur über die allgemeinen Handelsbeziehungen, sondern auch über die wichtigen Funktionen Rotterdams als Seehafen des Ruhrgebiets und Amsterdam als internationaler Finanzplatz eng mit der deutschen Wirtschaft verbunden waren, waren die Folgen dieser Maßnahmen viel katastrophaler als der Börsenkrach an der Wall Street 1929.

Ministerpräsident Colijn war prinzipiell ein Anhänger des Freihandels, aber angesichts der Verwerfungen in den internationalen Handelsbeziehungen durch die Währungsturbulenzen und die protektionistischen Maßnahmen der anderen Staaten blieb ihm 1933 nichts anderes übrig als seinerseits Importe einer strikten staatlichen Kontrolle zu unterwerfen. Sie lief darauf hinaus, dass andere Länder nur dann Waren liefern konnten, wenn sie ihrerseits bereit waren, niederländische Exporte aufzunehmen. So waren die außenwirtschaftlichen Beziehungen bis zum Kriegsbeginn gekennzeichnet durch eine Kette komplizierter bilateraler Handelsgespräche und Verträge über Warengruppen, Liefermengen und Preise, die insgesamt aber zu einem deutlich geringeren Handelsvolumen als in den 1920er Jahren führten und in den Niederlanden die Arbeitslosigkeit in Landwirtschaft und Industrie hochtrieben.

Für die Niederlande war Deutschland der mit Abstand wichtigste Handelspartner. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre hatte der Warenaustausch zwischen den beiden Nachbarn durchschnittlich jedes Jahr um über 20 Prozent zugenommen, wobei ungefähr die Hälfte des niederländischen Exportanteils davon auf landwirtschaftliche Produkte – Gartenbauerzeugnisse, Milchprodukte und Eier – entfiel. Zwischen 1929 und 1936 sanken die niederländischen Exporte nach Deutschland dagegen um die Hälfte ab. Der niederländische Exportsektor schrumpfte insgesamt von 34 auf 21 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Hans Max Hirschfeld

In den Niederlanden an zentraler Stelle verantwortlich für die Aufrechterhaltung der internationalen Handelsbeziehungen und die Lösung der damit verbundenen Probleme war bis zum Kriegsbeginn Hans Max Hirschfeld, der Generaldirektor für Handel und Gewerbe im Haager Wirtschaftsministerium. Dass er in der Besatzungszeit nach 1940 als Generalsekretär weiteramtierte, verdunkelte sein Bild in der Nachkriegszeit. Hirschfeld war in Rotterdam aufgewachsen, hatte an der TU Delft studiert und von 1925 bis 1931 bei einer Bank in Niederländisch-Indien gearbeitet. In dieser Zeit entstanden erste Kontakte zu deutschen Kaufleuten und Reedern. 1931 kehrte Hirschfeld in die Niederlande zurück und übernahm im Alter von nur 32 Jahren die Position eines Generaldirektors im Wirtschaftsministerium.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise die Niederlande in Form der Währungsproblemen, des teuren Guldens und der (Agrar-)Exportabhängigkeit voll erfasst. In Deutschland verschärfte die neue Regierung die Devisenkontrolle und dazu verstärkten sich die protektionistischen Tendenzen. Unter diesen Bedingungen verblieb der seit 1929 dramatisch eingebrochene deutsche Außenhandel bis zum Kriegsbeginn im wesentlichen auf dem niedrigen Niveau von 1932/33. War es bei den Beschränkungen zunächst nur um Rohstoffe und Kolonialwaren gegangen, erweiterte der Neue Plan vom September 1934 die Außenhandelskontrolle auf alle Waren. Zwar waren Rohstoffe und Nahrungsmittel bei den Importen begünstigt, aber dennoch sanken im Lauf der dreißiger Jahre die niederländischen Agrarexporte ins Reich, die einmal rund ein Drittel der gesamten Agrarexporte des Landes umfasst hatten, um die Hälfte, und der niederländische Anteil an den deutschen Agrarimporten betrug 1938 nur noch 5 Prozent. Zwar hatte Hirschfeld im Dezember 1933 den Abschluss eines neuen deutsch-niederländischen Handelsvertrages erreicht, den deutschen Autarkiebestrebungen und der Umorientierung deutscher Handelswege nach Süd- und Südosteuropa, dessen Anteil an der Gesamteinfuhr sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelte, hatten die Niederlande aber wenig entgegenzusetzen.

Durch das Ungleichgewicht in der Handelsbilanz hatten sich bis 1933 in den Niederlanden über anderthalb Milliarden Gulden deutsche Schulden aufgebaut – eine Summe, die für die niederländischen Produzenten und Lieferanten als Gläubiger ein mindestens so großes Problem darstellte wie für die Deutschen als Schuldner. Ihre Bedienung war wie die Schulden anderer Länder auch durch einseitige deutsche Moratorien auf den Kapitaldienst 1933/34 vorübergehend ganz in Frage gestellt worden. In dieser Frage einigte man sich Ende 1934 mit dem devisenknappen Reich aber auf eine Regulierung. Für die Zukunft wurde vereinbart, dass Zahlungen im bilateralen Handel über ein Clearing-Verfahren erfolgen sollten, bei dem die wechselseitigen Ansprüche verrechnet wurden. Der Wert der niederländischen Exporte ins Reich durfte aber den der Importe aus Deutschland nicht übersteigen, um die deutschen Devisenreserven nicht zu belasten. Damit waren die Niederlande den deutschen Forderungen weit entgegenkommen. Da das Reich sein Exportvolumen in den 1930er Jahren aus einer Reihe von Gründen stark verringerte, waren nun umgekehrt auch den niederländischen Exporten enge Grenzen gesetzt, obwohl nach der wirtschaftlichen Erholung in Deutschland in den letzten Jahren vor dem Krieg dort mehr Bedarf an Gütern vorhanden gewesen wäre.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010