Deutsch-niederländische Beziehungen der 1930er Jahre

I. Einleitung: „Ungleiche Nachbarn“

Die deutsch-niederländischen Beziehungen waren in den 1930er Jahren wie schon in den Jahrzehnten zuvor geprägt von Asymmetrie. Auf der einen Seite stand das Deutsche Reich: ein Staat, der ab 1933 rücksichtslos nach der Vormacht in Europa strebte, dabei jahrelang ein Doppelspiel diplomatischer Friedensofferten und aggressiver Aufrüstung betrieb und sich auch wirtschaftlich durch das Streben nach Autarkie auf einen Krieg vorbereitete. Auf der anderen Seite standen die Niederlande: ein europäischer Kleinstaat, den Grundsätzen der Demokratie und einer moralisch überhöhten politischen Neutralität verpflichtet, durch seinen Kolonialbesitz auf gute Beziehungen zu Großbritannien angewiesen und wirtschaftlich vom deutschen Markt abhängig. Während weite Teile der Bevölkerung in Deutschland unter dem Trauma der Niederlage im Ersten Weltkrieg und des Versailler Friedensvertrags litten und sich auch über ein Jahrzehnt nach Kriegsende nicht mit der Struktur der europäischen Nachkriegsordnung abgefunden hatten, standen in den Niederlanden Politik und Öffentlichkeit vorbehaltlos hinter dem Völkerbund und  traten für eine friedliche, verhandlungsorientierte Außenpolitik und die völkerrechtliche Regelung von Konflikten ein.

Nach 1933 hätte auch der Charakter der jeweiligen Gesellschaft kaum gegensätzlicher sein können: Das nationalsozialistische „Dritte Reich“ war geprägt durch den totalitären Herrschaftsanspruch einer Partei und die Unterordnung des Einzelnen unter das ideologisch bestimmte Wohl der „Volksgemeinschaft“. Dagegen war die niederländische Gesellschaft eher staatsfern und zivilgesellschaftlich organisiert und beruhte auf einem konsensualen Interessenausgleich zwischen den vier weltanschaulichen „Säulen“ der Katholiken, Protestanten, Liberalen und Sozialisten. Der christlich-konservative ehemalige Ministerpräsident Dirk Jan de Geer formulierte dies im November 1933 im niederländischen Parlament so: „Ich gebe dem Faschismus in unserem Land keine Chance. Die drei Länder unter den Großmächten, in denen eine Diktatur herrscht, Russland, Deutschland und Italien, haben eine völlig andere staatliche Struktur und eine ganz andere Geschichte als wir. [...] Wir sind in mancherlei Hinsicht mit der deutschen Kultur verwandt, aber wir haben eine völlig andere politische Entwicklung.“ [1] Deutschland und die Niederlande waren in den 1930er Jahren tatsächlich stärker als jemals zuvor „ungleiche Nachbarn“ (Horst Lademacher).

Die Rückkehr zu einer nationalistischen und militärisch fundierten Machtpolitik in Europa engte die Handlungsspielräume der niederländischen Regierung im Lauf der 1930er Jahre immer weiter ein. Da das Land von den deutschen Forderungen nach der Revision des Versailler Vertrags aber nicht betroffen war, blieben die politischen Beziehungen 1933 zunächst noch vergleichsweise entspannt. Allerdings protestierten die Deutschen regelmäßig gegen kritische Äußerungen über das „Dritte Reich“ in den niederländischen Medien und die Niederlande wandten sich gegen provokative Aktivitäten der nationalsozialistischen Auslandsorganisation auf ihrem Territorium. Die internen Berichte der Berliner Gesandtschaft und ihrer Konsulate lieferten, abgesehen von gewissen Sympathien für den Kampf gegen den Kommunismus, von Anfang an ein klares Bild der Verhältnisse, aber offizielle Kritik an der nationalsozialistischen Innenpolitik – der Verfolgung politischer Gegner, dem Antisemitismus, dem Kirchenkampf usw. – wurde sorgfältig vermieden. Dabei wurden die Niederlande mit deren Folgen seit dem Frühjahr 1933 durch die Flüchtlinge aus dem Osten auch im eigenen Land konfrontiert.  Der erste Teil des Dossiers beleuchtet die verschiedenen  politischen Dimensionen der Beziehungen und geht dabei sowohl auf die niederländische Regierungspolitik und ihre Motive als auch auf öffentliche Reaktionen darauf ein. (siehe Kapitel 1)

Im zweiten Teil des Dossiers stehen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden im Mittelpunkt. Beide Länder litten in den 1930er Jahren unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise, wobei in den Niederlanden aufgrund der deutschen Devisenbeschränkungen, der exportlastigen Wirtschaftsstruktur und einer konservativen Wirtschafts- und Finanzpolitik die Krise länger anhielt und das Land darauf angewiesen war, die Handelsbeziehungen zu Deutschland als seinem wichtigsten Handelspartner so weit wie möglich aufrecht zu erhalten. Die Wirtschaftspolitik wurde dabei nicht nur von den Regierungsvertretern bestimmt, sondern Interessengruppen und personelle Netzwerke spielten in diesem Bereich ebenfalls eine herausgehobene Rolle. (siehe Kapitel 2)

Der dritte Teil des Dossiers beleuchtet schließlich die kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Auch hier lässt sich auf den verschiedensten Gebieten ein Ungleichgewicht beobachten, denn deutsche Literatur oder Filme wurden in den Niederlanden intensiver rezipiert als umgekehrt niederländische Kultur in Deutschland. Ebenso interessant und von grundlegender Bedeutung sind aber in diesem Zusammenhang intellektuelle Konfliktfelder, die in zeitgenössischen wissenschaftlichen und kulturphilosophischen Auseinandersetzungen über den Charakter der Niederlande zum Ausdruck kamen. In ihnen vereinnahmten deutsche „Westforscher“ die Niederländer als germanischen „Bruderstamm“ und arbeiteten damit einer Aufhebung der politischen Grenzen vor, während auf der anderen Seite prominente Intellektuelle wie der Historiker Johan Huizinga energisch die kulturelle Eigenständigkeit des Landes verteidigten. (siehe Kapitel 3)

An den wirtschaftlichen Netzwerken und den kulturpolitischen Debatten, die in Politik und Gesellschaft zurückwirkten, lässt sich verdeutlichen, wie komplex die deutsch-niederländischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit waren und wie viele unterschiedliche Interessenlagen und Wahrnehmungsstränge sich in ihnen überlagerten. Die Beziehungen in dieser Phase waren mehr als nur Vorgeschichte zum 10. Mai 1940, auch wenn die Niederlande am Ende der seit 1933 in wachsendem Maße befürchteten deutschen Aggression nichts entgegenzusetzen hatten und sich die Vorstellung, durch eigene Neutralität und Unabhängigkeit ein Entgegenkommen auf der Gegenseite erreichen zu können, als Illusion erwies.


[1] Handelingen van de Staten-Generaal, Tweede Kamer, 1933/34, 11. Sitzung, 9.11.1933, S. 245 (alle Übersetzungen aus dem Niederländischen vom Verfasser).

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010