VI. Niederländische Flüchtlingspolitik

Regierung und Öffentlichkeit konnten bestimmte Aspekte des Herrschaftssystems des „Dritten Reichs“ ausblenden oder davon absehen, sie breit zu thematisieren. Mit den Folgen wurden sie von Anfang an aber dennoch konfrontiert, denn da der Grenzübertritt für Deutsche zu Beginn noch leicht möglich war und nur die dauerhafte Ansiedlung in den Niederlanden einer polizeilichen Genehmigung bedurfte, nutzen schon im Frühjahr 1933 viele deutsche Juden und politisch Verfolgte diesen Ausweg. Insgesamt flohen allein 1933 vermutlich rund 5.000 Menschen, davon 4.000 Juden, dauerhaft und weit mehr vorübergehend in die Niederlande – deutlich mehr als nach Belgien oder in die Schweiz. Dabei spielten zweifellos die kulturelle und sprachliche Nähe zu den Niederlanden und die weit zurückreichende Tradition des Landes in der Aufnahme von Flüchtlingen eine Rolle.

Auch hier zeigte sich aber relativ bald „Ambivalenz in Reinkultur“ (Horst Lademacher): Für Unterstützungsleistungen wurden die Flüchtlinge an private politische oder kirchliche Hilfsorganisationen verwiesen, die innerhalb ihrer jeweiligen „Säule“ agierten. Die Regierung verhielt sich bis zum Frühjahr 1934 noch abwartend, bemühte sich schon ab dem Sommer 1933 mit ersten Einzelmaßnahmen, darunter z.B. Zugangsbeschränkungen für Ausländer an den Universitäten, die Zahl der Flüchtlinge zu drosseln. Von 1934 bis 1938 folgte eine Serie von Regelungen und Verordnungen, die die Erlangung von Aufenthaltsgenehmigungen, den Zugang zum Arbeitsmarkt und Unternehmensgründungen von Ausländern erschwerten. Immerhin wurde darüber aber in der niederländischen Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Entschieden für eine großzügige Haltung trat nur die linksgerichtete Presse ein, während bei den anderen das Bewusstsein für die Tradition der Aufnahme von Verfolgten und Motive christlicher Nächstenliebe mit politischen Vorbehalten und antijüdischen Vorurteilen rivalisierten.

Regierung und Öffentlichkeit bis hin zu den niederländischen jüdischen Gemeinden fürchteten angesichts der hohen Arbeitslosigkeit die wirtschaftlichen Folgen eines ungehemmten Zustroms, hatten Bedenken gegen eine kulturelle „Überfremdung“ durch osteuropäische Juden und wollten wie stets Provokationen der Deutschen vermeiden. Es bestehe „für Fremde praktisch keine Möglichkeit, sich in den Niederlanden eine dauerhafte Existenz zu schaffen“, ließ Außenminister de Graeff über das Berliner Generalkonsulat einem der vielen auswanderungswilligen Juden mitteilen. [5] Dabei war intern ihr Schicksal in allen Einzelheiten bekannt: Es drohe zwar keine unmittelbare Lebensgefahr, aber es gebe kaum noch berufliche Möglichkeiten für Juden, sie würden auf alle mögliche Weisen schikaniert, und dieser Zustand werde sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, informierte die Gesandtschaft den Außenminister im April 1934 in einer längeren Stellungnahme. [6]

Im Frühjahr 1938 ging man sogar zu einer Politik der geschlossenen Grenzen über, erlaubte aber nach dem Novemberpogrom 1938, als die jüdische Auswanderungsbereitschaft in Deutschland einen neuen Höhepunkt erreichte, nicht zuletzt auf Druck des Parlaments die Zuwanderung von rund 8.000 Juden. Mehr als 1.5000 weitere überschritten nach der antijüdischen Welle der Gewalt ohne Genehmigung die Grenze.

Neben den jüdischen kamen auch sozialdemokratische und kommunistische  Flüchtlinge, die vor der politischen Verfolgung geflohen waren. Sie wurden besonders kritisch beobachtet und riskierten, wenn sie sich weiter politisch bzw. publizistisch engagierten, ausgewiesen zu werden. In der grenznahen Provinz Limburg sahen sie sich zudem Nachstellungen deutscher Spitzel und der Aachener und Düsseldorfer Gestapo ausgesetzt. Anfang September 1939 wurde die Aufnahme von deutschen Flüchtlingen beendet. Im Mai 1940 lebten ungefähr 20.000 von ihnen, darunter 16.000 Juden, in den Niederlanden.


[5] Außenminister de Graeff an Generalkonsul Wolff, 1.6.1933, in: Documenten betreffende de buitenlandse politiek van Nederland 1919-1945, periode B 1931-1940, deel III: 1 juni 1932-26 juni 1934, hg. von W. J. M. Klaassen, ‘s-Gravenhage 1990, S. 1.
[6] Geschäftsträger de Vos van Steenwijk an Außenminister de Graeff, 7.4.1934, in: in: Documenten betreffende de buitenlandse politiek van Nederland 1919-1945, periode B 1931-1940, deel III: 1 juni 1932-26 juni 1934, hg. von W. J. M. Klaassen, ‘s-Gravenhage 1990, S. 425f.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010