IX. „Sachliche“ Außenhandelspolitik und deutsch-niederländische Netzwerke

Nachdem Großbritannien und die USA ihre Währungen schon vor Jahren abgewertet hatten, entschloss sich auch Ministerpräsident Colijn im September 1936 zur Aufgabe des Goldstandards für den Gulden. Dies beflügelte die niederländische Industrie, aber die Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit drängte deutsche Importe weiter zurück. Für die so wichtige Agrarwirtschaft hatte die Abwertung damit keine positiven Auswirkungen. Auch die im Mai 1937 formalisierte Zusammenarbeit der Beneluxländer mit den skandinavischen Staaten (Oslo-Gruppe) brachte nicht die von Colijn erhofften wirtschaftlichen Vorteile.

Gute Wirtschaftsbeziehungen zu dem großen Nachbarland im Osten blieben unverzichtbar, und Hirschfeld gehörte zu denjenigen, die sich nachdrücklich dafür einsetzten. Dabei enthielt er sich jeglicher Kritik an den politischen Verhältnissen und betrachtete auch Kritik in der niederländischen Öffentlichkeit als hinderlich und wenig erwünscht. Bei seinen Verhandlungen hatte Hirschfeld es mit klassisch-konservativen Wirtschaftsführern und Ministerialbeamten zu tun, die es ihm auch auf der persönlichen Ebene erleichterten, den Charakter des nationalsozialistischen Staates auszublenden und sich auf den scheinbar unpolitischen, „sachlichen“ Bereich der Handelsbeziehungen zu konzentrieren. Die zunehmend strikter auf Neutralität und Zurückhaltung ausgerichtete niederländische Außenpolitik fand ihr Pendant in einer pragmatischen, am eigenen Vorteil orientierten niederländischen Wirtschaftspolitik, deren Handlungsspielräume aber ähnlich wie in der Politik stark beschränkt waren.

Diese Politik wurde nicht nur vom niederländischen Wirtschaftsministerium getragen, sondern stützte sich auf ein dichtes Netzwerk traditioneller Beziehungen zwischen Städten, Handelskammern und individuellen Firmen beiderseits der Grenze. Hinzu kam als neue Organisation die bereits erwähnte Deutsch-Niederländische Gesellschaft (DNG) von 1936, deren Wirtschaftsausschuss zahllose prominente Vertreter aus der deutschen und niederländischen Wirtschafts- und Finanzwelt angehörten, die die halbjährlichen Fachtagungen zur Kontaktpflege nutzen konnten. Auf niederländischer Seite war der schwerreiche Industrielle Frits Fentener van Vlissingen, der an führenden niederländischen Unternehmen wie der Steenkolen Handelsvereeniging, der 1919 gegründeten Fluggesellschaft KLM und der Algemene Kunstzijde Unie (AKU) beteiligt war, eine der treibenden Kräfte. Dafür wurde er vor dem Krieg sogar mit einem deutschen Orden ausgezeichnet. Auf deutscher Seite lag die Führung bei Emil Helfferich, einem Hamburger Großkaufmann mit engen Verbindungen nach Niederländisch-Indien, der u.a. seit 1927 auch als Aufsichtsratsvorsitzender der HAPAG-Reederei amtierte und engagierter Nationalsozialist war. Bei den Treffen der DNG mischten sich wiederum niederländische wirtschaftliche Interessen und deutsche Bemühungen, für ein besseres Image des „Dritten Reiches“ im Nachbarland zu sorgen und konkrete politische Forderungen durchzusetzen, in problematischer Weise. Nicht wenige der Tischreden überschritten die Grenzen reiner Höflichkeit, wenn etwa von niederländischer Seite Ordnung, wirtschaftlicher Aufschwung und Arbeitsbeziehungen im „Dritten Reich“ gelobt wurden. Sie widerlegten immer wieder Hirschfelds Vorstellung einer strikten Trennung von Wirtschaft und Politik. Dennoch versuchten Hirschfeld und seine Mitarbeiter selbst nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939, ihre Position zu behaupten und den verbliebenen Handel sowohl zu Deutschland als auch zu Großbritannien aufrecht zu erhalten.

Niederländische Arbeitskräfte für das Reich

Der „sachlich“-technokratische Charakter niederländischer Politik kam schließlich noch in einem Nebenaspekt der Wirtschaftsbeziehungen zum Ausdruck: dem Einsatz niederländischer Arbeitsloser in deutschen Landwirtschafts- und Baubetrieben. Während in den Niederlanden die Arbeitslosigkeit 1936 mit über 17 Prozent einen Höhepunkt erreicht hatte, sorgten Wehrpflicht und Aufrüstung in Deutschland ab 1937 für einen zunehmend spürbaren Arbeitskräftemangel. Die niederländischen Arbeitsämter sahen keinen Grund, auf deutsche Anfragen nicht einzugehen und dadurch Ausgaben im Sozialbereich zu sparen. Sie verfügten bei Ablehnung eines Arbeitsangebotes aus Deutschland die Streichung der ohnehin kargen staatlichen Unterstützung. So arbeiteten bis 1939 rund 30.000 Niederländer in Deutschland.

Autor: Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2010