III. 1815-1840: Untergrabene Ambitionen und der Vormarsch Preußens

Die Zusammenfügung der nördlichen und südlichen Niederlande brachte keinen Erfolg. In Belgien bestand ein wachsender Widerstand gegenüber der Politik König Wilhelm I. Die belgischen Katholiken verteidigten ihre traditionellen Machtspositionen gegenüber dem protestantischen Monarchen und die Liberalen widersetzten sich dem autoritären Charakter des Königs. Im Sommer des Jahres 1830 brach überall in Europa eine revolutionäre Unruhe aus. Diese schwappte nach Brüssel herüber, wo es zu einem Aufstand gegen die Obrigkeit Wilhelm I. kam. Der niederländische König war nicht imstande, seine Macht schnell wiederherzustellen. Dies führte zu einer Intervention der Großmächte. Im November des Jahres 1830 kamen fünf europäische Großmächte in London zusammen. Sie beschlossen, den König nicht bei seinem Vorhaben zu unterstützen, die Macht im Süden wiederherzustellen; jedoch war man bereit, das belgische Ansinnen nach Unabhängigkeit zu fördern. Wilhelm I. war über dieser Haltung wütend. Die Halsstarrigkeit des Königs war der entscheidende Grund, dass sich die Verhandlungen über die Teilung jahrelang verschleppten. Die belgische Frage sorgte über Jahre für eine Stagnation der Innen- und Außenpolitik und führte infolge der jahrelangen Mobilmachung zu großen Schulden. Schließlich kam es im Jahre 1839 zu einer Regelung. Kurze Zeit später verzichtete König Wilhelm I. verbittert auf seinen Thron.

Julirevolution 1830 in Frankreich
Julirevolution 1830 in Frankreich
© Eugène Delacroix, gemeinfrei

Die Trennung zwischen den Niederlanden und Belgien bedeutete für die Niederlande ein traumatisches Ereignis, das zu einer Identitätskrise führte. Es dauerte Jahre, ehe man in Den Haager Regierungskreisen akzeptierte, dass die Niederlande nur eine kleine Macht waren. Als man dies akzeptiert hatte, wurden die Ambitionen korrigiert und die Niederlande gingen zu einer strikten Neutralitätspolitik über.

Das Königreich der Niederlande war eine Konstruktion von Diplomaten. Im Nachhinein erscheint es logisch, dass das Land auseinander fiel. Vertragskreationen passten nicht mehr in eine Zeit der Demokratisierung und des Nationalismus. Allerdings war Preußen mindestens so heterogen wie das Königreich der Niederlande, aber Preußen fiel nicht auseinander. Sowohl Preußen als auch das Königreich der Niederlande verfügten über einen autoritären Fürsten, beide Länder befanden sich in einer Phase des wirtschaftlichen Wachstums, beide Länder hatten mit politischen, sozialwirtschaftlichen und kulturellen Spannungen zu tun. Die beste Erklärung für den unterschiedlichen Ablauf der Ereignisse ist die Tatsache, dass Preußen über so wenig nationales Profil verfügte, dass es neue Gebiete nicht abstieß, wie ein Körper ein fremdes Organ abstoßen kann. Im Gegenteil: Der Preußische Staat hatte gerade eine große Erfahrung mit dem Einverleiben neuer Gebiete.

In den Jahren nach dem Wiener Kongress sollte Preußen seine Position stetig ausbauen. Das bekannteste Beispiel ist die Bildung der deutschen Zollunion unter preußischer Leitung 1834. Mit diesem Schritt wurde ein großer zusammenhängender Markt entwickelt, der von Köln nach München und von München nach Königsberg reichte. Die politische Bedeutung der deutschen Zollunion wurde oft überschätzt, aber die wirtschaftliche Bedeutung der Zollunion war von enormem Wert.

Auch gegenüber den Niederlanden verbuchte Preußen einen Erfolg. Im Jahre 1831 wurde durch die Anrainerstaaten des Rheins das Abkommen von Mainz über die Schifffahrt unterzeichnet. Preußen gehörte immer zu den glühendsten Anhängern einer Liberalisierung des Schifffahrtsverkehrs auf dem Rhein. Die Niederlande leisteten Widerstand gegen die Liberalisierung, weil man durch die Zollerhebung auf dem Rhein Einkünfte verlieren konnte. Allerdings befanden sich die Niederlande 1831 durch die Schwierigkeiten mit Belgien in einer schwachen Position und sahen sich gezwungen, den preußischen Vorschlägen zuzustimmen. In dem Abkommen wurden die alten Stapelrechte abgeschafft, die Gilden der Schiffleute entmachtet und die Möglichkeiten, Zölle zu erheben, begrenzt. Das Abkommen von Mainz bildete die Grundlage für den liberalen Handels- und Schifffahrtsvertrag von 1851 und den Vertrag von Mannheim von 1868, in dem das Verbot auf die (Wieder-)Einführung von Zöllen auf dem Rhein festgelegt wurde. Sowohl Delta als auch Hinterland haben von dieser Liberalisierung des Schifffahrtsverkehrs auf dem Rhein enorm profitiert.

Autor: André Beening
Erstellt: Januar 2007