II. 1815: Kollektive Sicherheit

Im September 1814 trafen die europäischen Diplomaten in Wien zusammen, um eine Entscheidung über das Gebilde des zukünftigen Europas herbeizuführen. Die herausragende Person des Kongresses war der österreichische Staatsmann Clemens von Metternich. Die Ordnung von Metternichs wurde oft als Restauration bezeichnet, was eine falsche Charakterisierung darstellt. Es handelte sich um eine konservative und autoritäre Ordnung, jedoch nicht um eine Restauration.

Den Kern der neuen Machtbalance bildete anstelle des deutschen Reiches nun der deutsche Bund. Der deutsche Bund war eine Konföderation von 39 souveränen Staaten: 35 Monarchien und vier freie Städte. Das Ziel dieser Konföderation – festgelegt in der Bundesakte – war die Erhaltung der internen und externen Sicherheit des Deutschen Bundes und der Staaten, die sich angeschlossen hatten.

König Wilhelm I
König Wilhelm I
© Joseph Paelinck, gemeinfrei

An der nördlichen Grenze Frankreichs wurden die frühere Republik und die österreichischen Niederlande zum Königreich der Niederlande zusammengefügt. Das Großherzogtum Luxemburg wurde Mitglied des deutschen Bundes und außerdem in Personalunion mit dem Königreich der Niederlande verbunden. Das luxemburgische Fort erhielt eine starke Garnison bestehend aus preußischen und niederländischen Soldaten. Preußen bekam außerdem das Recht, Soldaten in eine Reihe weiterer Forts in den südlichen Niederlanden zu stationieren, falls eine erneute Konfrontation mit Frankreich drohte. Auf diese Art und Weise wurde das Königreich der Niederlande mit dem deutschen Bund verbunden und spielte eine wichtige Rolle in der neuen Sicherheitsarchitektur.

Die Machtposition der Oranier hatte sich nach 1815 wesentlich verstärkt. Die Statthalter waren zu Königen erhoben worden. Kraft der Gesetze von 1813-1815 verfügten sie über eine große persönliche Macht. Das Königreich der Niederlande war mehr als doppelt so groß wie die alte Republik. Wilhelm I. war jedoch nicht zufrieden. Er hatte gehofft, dass der Verlust des großelterlichen Besitzes von Nassau mit Teilen des Rheinlands ausgeglichen werden würde. Es ärgerte ihn, dass das Königreich der Niederlande nicht der Status einer Großmacht bekommen hatte. Deswegen konnte er nicht an den internationalen Kongressen teilnehmen, auf denen über die europäische Ordnung entschieden wurde.

Wirkliche Möglichkeiten, seine Ambitionen umzusetzen, hatte Wilhelm I. nie. Das Königreich der Niederlande blieb eine Macht des zweiten Ranges und damit ein Objekt der Politik der großen Mächte, wie sich einige Jahrezehnte später herausstellen sollte.

Auch für Preußen brachte der Wiener Kongress große Veränderungen mit sich. Ziel des geografisch stark zerbröselten Preußens war von jeher ein abgerundetes Grundgebiet. In Wien hoffte man, dies durch die Annektierung Sachsens zu erreichen. Dies war allerdings für Österreich unvertretbar und Preußen erhielt am Ende einen Ausgleich mit dem Rheinland und Westfalen. Trotz des starken Gebietszuwachses war dies für Preußen kein vollkommenes Vergnügen. Das Rheinland und Westfalen waren geografisch vom Machtszentrum im Osten getrennt. Sie wichen sozial, wirtschaftlich und religiös von den Gebieten im Osten ab, was Preußen zu einem schwierigen Integrationsprozess veranlasste. Letztendlich wurde Preußen hinsichtlich der Lage zu Frankreich zu einem klassischen Pufferstaat - durch den Besitz des Rheinlandes. Dies zwang Preußen zu erheblichen Verteidigungsausgaben und beschränkte die politische Bewegungsfreiheit gegenüber Frankreich auf ein Minimum. Im Gegensatz zum Königreich der Niederlande gehörte Preußen allerdings zu den europäischen Großmächten.

Autor: André Beening
Erstellt: Januar 2007