IV. 1848: Der Gordische Knoten

Zu den Verlierern des Wiener Kongresses gehörten die deutschen Nationalisten. Sie hatten von einem deutschen Einheitsstaat geträumt. Ihre Erwartungen traten nicht ein. Deutschland wurde in 39 souveräne Staaten aufgelöst, die zum größten Teil autoritär regiert wurden. Die bürgerliche Opposition gegen diese autoritären Staaten war anfänglich machtlos. Zensur, Entlassungen und Gefängnisstrafen gehörten zu den Mitteln, mit denen die deutschen Fürsten die liberalen Nationalisten bekämpften. Mancher Freidenker war gezwungen, ins Exil zu gehen. Heinrich Heine und Karl Marx gehörten zu den bekanntesten Exilanten. Dennoch wurde die Opposition gegen das System Von Metternichs immer breiter. Im Februar 1848 brach in Paris eine Revolution aus. Diese schwappte in einigen Wochen auf große Teile Zentraleuropas über. Die deutschen Fürsten verloren die Kontrolle über die Straße. Der preußische König zog seine Truppen aus Berlin zurück und versprach, einer Verfassung zuzustimmen; der König von Bayern dankte zu Gunsten seines Sohnes ab und Von Metternich sah sich gezwungen, von Wien nach England zu flüchten.

Gemälde des Wiener Kongress (1814/15)
Gemälde des Wiener Kongress (1814/15)
© J. B. Isaben, Wiener Kongress

Die deutschen Nationalliberalen schienen die Oberhand gewonnen zu haben und riefen zu einer konstituierenden Nationalversammlung in Frankfurt auf. Es wurden Wahlen abgehalten und das Parlament kam im Mai 1848 in Frankfurt zusammen. Fast sofort wurde deutlich, dass große Meinungsverschiedenheiten bestanden: das Wahlrecht, die Rolle des Parlaments, Föderalismus oder Unitarismus, Monarchie oder Republik. Eine entscheidende Frage lautete, wo die Grenzen des neuen deutschen Staates verliefen. Die deutschen Nationalisten waren überwiegend der Meinung, dass die Sprache den Ausschlag in der Frage geben musste, wer und was zu Deutschland gerechnet werden musste. Dieser eigentlich einfache Ausgangspunkt brachte große Probleme mit sich. Es war längst nicht immer deutlich, wer genau deutschsprachig war.

Die Niederlande stellten kein aktuelles Problem dar. Nichtsdestotrotz dient das niederländische Beispiel zur Veranschaulichung der komplexen Problematik. Deutsche Nationalisten wie Ernst Moritz Arndt waren der Meinung, dass die Niederlande zu Deutschland gehörten. Niederländer, so argumentierte Arndt, sprächen niederdeutsch und dies sei eine regionale Variante der Sprache, die in ganz Norddeutschland gesprochen würde. Also sprächen die Niederländer deutsch und gehörten aus diesem Grund zu Deutschland. Darüber hinaus wurden wirtschaftliche und historische Argumente angeführt, um einen Anschluss der Niederlande an Deutschland zu rechtfertigen. Der bekannte Ökonom Friedrich List forderte eine Einverleibung der Niederlande in den künftigen deutschen Nationalstaat. Ohne die Niederlande, so List, gleiche Deutschland einem Haus, bei dem die Eingangstür einem anderen gehöre. Der Historiker Heinrich Leo rief die Niederländer dazu auf, den Fehler von 1648 zu berichtigen und ins elterliche Haus zurückzukehren.

Die Frage, ob die Niederlande zu einem deutschen Nationalstaat gehören sollten, wurde vom Parlament in Frankfurt vorläufig auf die lange Bank geschoben. Ein akutes Problem war jedoch die Position Limburgs. Das Grundgebiet Limburgs stellte zwischen 1648 und 1795 eine Flickendecke von Territorien dar. 1815 war östlich der alten Festungen der Republik eine Grenze gezogen worden: Venlo, Roermond und Maastricht. Das Gebiet westlich dieser Grenze fiel an das Königreich der Niederlande, das Gebiet Richtung Osten an Preußen. Als 1839 die Trennung zwischen den Niederlanden und Belgien vollzogen wurde, erhielt Belgien den östlichen Teil des Großherzogtums Luxemburg zugewiesen. Durch diese Überlassung verlor der deutsche Bund einen Teil seines Territoriums; um dies zu kompensieren wurde der größte Teil der niederländischen Provinz Limburg als Herzogtum Limburg zugleich Mitglied des deutschen Bundes. Als im März 1848 in Deutschland die Revolution ausbrach, hatte man in Den Haag kein Interesse an einer Konfrontation mit den Umstürzlern und ließ in Limburg Wahlen für das Parlament in Frankfurt abhalten. Zwei Vertreter Limburgs waren in Frankfurt vertreten. Beide waren Befürworter einer Abtrennung von den Niederlanden. Auf ihr Anraten hin wurde ein Bericht über die Frage Limburgs angefertigt, in dem festgestellt wurde, dass die Einwohner Limburgs Deutsche seien, dass sie den Wunsch geäußert hätten, zu Deutschland zu gehören und dass der Fluss Maas obendrein die natürliche Grenze Deutschlands darstelle. Das Parlament befand den Bericht am 19. Juli 1848 für gut und beauftragte die vorläufige Regierung, diese Frage so schnell wie möglich zu klären. Aber dies gelang nicht. Die Niederlande ließen das Thema mit Erfolg verschleppen. Am 1. September wurde im Parlament eine Anfrage gestellt. Der radikale Abgeordnete Carl Vogt machte seinem Ärger mit dem folgenden Wort Luft:

„Auf solche Art befördert man den Partikularismus; denn Holland ist in Beziehungen zu uns (...) ein kleiner Partikularstaat. Man zieht dieses Unkraut des Partikularismus langsam auf, man gibt ihn den Dünger, den es braucht, um als Schlingpflanze auf unserm politischen Felde zu wachsen, statt dass man durch kräftiges Auftreten diesen Partikularismus vernichtete.“

Die vorläufige Regierung trat für ein behutsames Auftreten ein, wie der Minister Hermann von Beckerath mitteilte:

„Und in diesem Augenblicke, meine Herren, werden Sie darüber entscheiden (...), ob wir durch ein heftiges drohendes Verfahren Deutschland einführen wollen in die europäische Völkerfamilie, oder ob wir in dem Bewusstsein unserer Kraft, deren Beweis ja die Mäßigung ist, unsere gerechte Forderungen zunächst auf friedlichem Wege geltend machen wollen.“

Die vorläufige Regierung überlebte einen Misstrauensantrag nur mit Mühe: 213 gegen 197 Stimmen. Diese Debatte zeigt in Kurzfassung die Probleme, mit denen sich die deutschen Nationalisten konfrontiert sahen, als sie ihr Ideal in die Tat umsetzen wollten.
Die Position des Parlaments in Frankfurt wurde in dem Maße, wie die Monate verstrichen, schwächer. Als die liberale Verfassung in den Niederlanden im November 1848 im gesamten Königreich, Limburg eingeschlossen, in Kraft trat, protestierte das Parlament in Frankfurt zwar noch wegen dieser Einmischung in innere Angelegenheiten Deutschlands, verband damit aber weiter keine Konsequenzen. Man schaute machtlos zu, wie die deutschen Fürsten ihre Macht wiederherstellten. Im Dezember billigte das Parlament in Frankfurt die Reichsverfassung. Für den Versuch, die Machthaber auf seine Seite zu ziehen, bot das Parlament im März 1849 König Fredrik Wilhelm IV. von Preußen die deutsche Kaiserkrone an. Fredrik Wilhelm IV. wies das Angebot hochmütig ab. Diese vom Parlament und damit indirekt vom Volk stammende Krone sei „ein Hundehalsband, mit dem man mich an die Revolution von `48 ketten will“. Damit war die Revolution faktisch missglückt. Das Auseinanderjagen des Parlaments im Juni 1849 durch Soldaten des Königs von Württemberg war nur noch das traurige Nachspiel.

In den Niederlanden führte die Revolution von 1848 ohne allzu große Schwierigkeiten zu einer wichtigen Verfassungsänderung. Der unterschiedliche Ablauf der Revolution von 1848 in den Niederlanden und Deutschland hat oft den Anlass für eine philosophische Betrachtung über den niederländischen Pragmatismus und den Mangel an Realitätssinn sowie dem Hang zum Theoretisieren im deutschen Bürgertum gegeben. Allerdings gibt es eine viel einfachere und plausiblere Erklärung: Im Vergleich zu den Problemen, mit denen die Parlamentarier in Frankfurt konfrontiert wurden, waren die Schwierigkeiten, mit denen sich die niederländischen Liberalen konfrontiert sahen, übersichtlich und überwindbar.

Im März 1848 war es auch in Amsterdam und Den Haag zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Als Reaktion auf die deutschen Fürsten war König Wilhelm II. zu weitgehenden Konzessionen gegenüber den Liberalen bereit. Am 17. März berief der König eine Kommission, die die Verfassung im liberalen Sinn überarbeiten sollte. Zum Vorsitzenden dieser Kommission wurde der liberale Staatsrechtler Johan Rudolf Thorbecke gewählt. Schon am 11. April konnte Thorbecke einen Entwurf für die neue Verfassung vorlegen. Zwar wurde in den darauffolgenden Monaten noch weiter an diesem Entwurf gefeilt, vom Grundsatz blieb er aber erhalten. Der Erfolg Thorbeckes war auch deshalb möglich geworden, weil die niederländischen Liberalen zwei wichtige Verbündete hatten. Die große katholische Minderheit unterstütze die Verfassungsänderung und König Wilhelm II. hat, anders als viele deutsche Fürsten, nie versucht, verlorenes Terrain zurückzugewinnen und die Situation zurückzudrehen. Im August wurde die Verfassungsänderung durch das Parlament gebilligt und trat im November in Kraft. Die Niederlande wurden durch diese Verfassungsänderung ein parlamentarischer Staat: Ein Staat, in dem das Parlament und nicht mehr der Fürst die höchste Autorität war.

Autor: André Beening
Erstellt: Januar 2007