VII. 1870-1914: Deutschland und Niederländisch-Indien

Die Niederlande waren ein kleines Königreich in Europa, aber eine koloniale Großmacht in Asien. Niederländisch-Indien, das heutige Indonesien, galt nach Britisch-Indien als der reichste Kolonialbesitz der Welt.

„Politik der offenen Tür“

Im Jahre 1885 legte die deutsche Regierung für den nordöstlichen Teil Neuguineas ein Protektorat fest. Weiter reichte das politische Engagement Deutschlands in Asien allerdings nicht. Deutschland war zufrieden mit der niederländischen Verwaltung, die den deutschen Unternehmen wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten anbot. Das Vermeiden von Missgunst in größeren Ländern war für die Niederlande eines ihrer wichtigsten Motive für die Einführung ihrer Politik der offenen Tür. Aus der Sicht Bismarcks war die Politik also erfolgreich, doch mit der Weltpolitik veränderte sich die Situation. Deutschland zeigte Interesse für Asien. Im November 1897 wurde Kiautsjou, eine Küstenstadt in China, besetzt. Deutschland stationierte ein Geschwader von Marineschiffen in Kiautsjou. In militärischer Hinsicht ein wichtiger Schritt, allerdings handelte es sich um ein politisches Signal, mit dem sich Deutschland Asien annäherte. Deutschland ging aktiv auf die Suche nach mehreren Stützpunkten in Asien. 1898 wurde der Kauf einer Insel Siams (dem heutigen Thailand) in Erwägung gezogen. Im Februar 1899 kaufte Deutschland Spanien die Carolinerinseln ab. Darüber hinaus wurde mit Großbritannien über die Verteilung des portugiesischen Kolonialbesitzes verhandelt, falls es zu einem Staatsbankrott Portugals kommen sollte. In diesem Fall wollte Deutschland Portugiesisch-Timor übernehmen.

Diese Aktivitäten fanden in der unmittelbaren Umgebung Niederländisch-Indiens statt. Das war kein Zufall. In Berlin ging man davon aus, dass sich die Niederlande auf lange Sicht nicht in Niederländisch-Indien würden behaupten können. Dafür waren die Niederlande zu klein und Niederländisch-Indien trotz der Politik der offenen Tür ein zu begehrenswerter Besitz. Sollten die Niederlande im Rahmen der Weltpolitik einen engeren Anschluss an Deutschland suchen, dann könnte Deutschland im Tausch für eine politische Rolle auf dem Archipel die niederländische Autorität unterstützen. Aber sollte Niederländisch-Indien für die Niederlande verloren gehen, war es für Deutschland von Bedeutung, in direkter Umgebung territorial und wirtschaftlich anwesend zu sein, um auf diese Weise einen Anspruch auf das indonesische Archipel zu erheben.

Aber die Weltpolitik war in Asien genauso wenig erfolgreich wie in Europa. Während sich Japan und die Vereinigten politisch und militärisch immer stärker in Asien und Ozeanien festsetzten, blieb der deutsche Kolonialbesitz auf eine chinesische Stadt, den Nordosten Neuguineas und einige Inseln im Stillen Ozean begrenzt.

Wirtschaftlicher Erfolg in Asien

Wirtschaftlich war Deutschland jedoch in Asien und Niederländisch-Indien sehr erfolgreich. Zwischen 1896 und 1913 stiegen die Ausfuhren von Deutschland nach Niederländisch-Indien von 14 auf 99 Millionen Mark an und die Einfuhren von 77 auf 228 Millionen Mark. Im Jahre 1913 verzeichnete man einen größeren Handel mit Niederländisch-Indien als mit Japan und China; er war dreimal so groß wie der Handel mit allen deutschen Kolonien zusammen. Deutschland importierte unter anderem Tabak, Zinn, Kautschuk, Erdöl und Kaffee aus Niederländisch-Indien. Nach Niederländisch-Indien wurden insbesondere Industrieprodukte geliefert.

Autor: André Beening
Erstellt: Januar 2007