I. 1789-1815: Umwertung aller Werte

Die französische Revolution läutete sowohl für die Republik, als auch für das deutsche Reich das Ende ein und bildete den Anfang einer neuen Epoche mit tiefgreifenden staatlichen Reformen.

Für die Republik begann dieser Prozess im Dezember 1794, als die Truppen der französischen Revolutionäre den gefrorenen Rhein überquerten und die Republik in ihre Gewalt brachten. Die Statthalterfamilie von Oranien, die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts eine zentrale Rolle in der Geschichte der Republik gespielt hatte, floh nach England.

Ludwig Napoleon Bonaparte
Ludwig Napoleon Bonaparte
© NA, 134-0551

An die Stelle der traditionell föderalen statthalterlichen Republik trat nun eine konstitutionelle und zentralisierte batavische Republik. Vom Namen her war die batavische Republik selbständig, de facto aber wurde diese Republik immer mehr zu einem Satellitenstaat Frankreichs und ein Objekt der napoleonischen Politik. Im Jahre 1806 wurde die Republik in das Königreich Holland umgewandelt. Der Bruder Napoleons, Ludwig–Napoleon, wurde zum König gekrönt. Auch das Königreich Holland sollte nicht lange existieren. 1810 wurde das Königreich zusammen mit Gebieten Nordwestdeutschlands vom französischen Kaiserreich annektiert.

Die französischen Revolutionäre wurden in ihrer Außenpolitik von zwei Motiven geleitet. Erstens wollten sie die Gedanken der französischen Revolution ins Ausland vermitteln, um auch dort Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einzuführen.

Eine moderne Verwaltung galt als wesentliche Bedingung. Die Abschaffung der Stände und Privilegien, die Einführung von Grundrechten, die Kodifizierung des Rechts, der Aufbau eines modernen Verwaltungsapparats und Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur und der Bildung wurden in hoher Geschwindigkeit durchgeführt. Gleichzeitig wollten die Franzosen jedoch die Kontrollgewalt behalten. Daher richteten sie ihr Reformbestreben auf die mittelgroßen Staaten, die keine Bedrohung für die französische Hegemonie auf dem europäischen Kontinent darstellten. Vor allem ein deutscher Einheitsstaat wäre ein potentieller Konkurrent gewesen, weswegen viel Energie in die Vergrößerung und Modernisierung von Staaten wie Baden, Bayern, Württemberg gesteckt wurde. Preußen und Österreich, die beiden Großmächte im Zentrum Europas, wurden von den Franzosen mit einer Mischung aus Achtung und Misstrauen behandelt. Umgekehrt war die Beziehung kaum anders. Bündnisse und Konfrontationen wechselten sich gegenseitig ab.

Die napoleonische Politik wurde eine zunehmend schwerere Belastung für die Satellitenstaaten. Abgesehen von den Steuern, der zunehmenden Störung des Wirtschaftslebens als Folge der Absperrung des europäischen Kontinents und der Kampfhandlungen bestanden große menschliche Verluste. 1812 mussten ungefähr 200.000 deutsche und 30.000 niederländische Soldaten zusammen mit der Grande Armee nach Moskau marschieren. Nur ein kleiner Prozentsatz kehrte zurück.

Autor: André Beening
Erstellt: Januar 2007