IV. Rückblick auf die niederländische Geschichte

Schon rein geografisch lagen die Niederlande seeorientiert am Rande Europas. Sie hatten deshalb bereits im mittelalterlichen Reich eine Außenposition und entzogen sich dank ihrer wasserreichen Landschaft leichter einer Zentralherrschaft. Entscheidend für das, was dann der niederländische Staat wurde, war die Föderation einer Anzahl eigenständiger Provinzen, die sich gemeinsam im 16. Jahrhundert gegen den spanischen Absolutismus verbanden, um ihre alten Freiheiten zu verteidigen. Der selbstständige Staat, der aus diesem 80-jährigen Abwehrkampf, fast einem Bürgerkrieg, hervorging, blieb bis zur Französischen Revolution eine Föderation mit beschränkter Zentralgewalt – die “Generalstaaten”. Es wurde als Einheit zusammengehalten durch das enorme Übergewicht der mächtigen und reichen Provinz Holland mit den Oraniern als Statthaltern, die unter anderm als Befehlshaber der vereinten Streitkräfte eine führende Rolle spielten. Natürlich glichen sich die Provinzen auch innerlich an, und Hollands reiche Kultur färbte ab auf die anderen (Zeeland, Groningen, Friesland, Gelderland, Overijssel und Drenthe), daher der im Ausland gebräuchliche Name “Holland” für die gesamte Republik. Im späten 18. Jahrhundert kann dann von einem beginnenden überregionalen Nationalbewusstein gesprochen werden. Dank dem Handel und Reichtum Hollands war diese föderale Republik im 17. Jahrhundert eine Art europäischer Großmacht geworden, wozu auch der Umstand beitrug, dass nicht nur das Deutsche Reich, sondern auch Frankreich wie England zeitweilig durch große innere Wirren gelähmt waren.

Ausfahrt der Ostindiensegler
Ausfahrt der Ostindiensegler
© Hendrik Cornelisz. Vroom, Public Domain

Geografische Randlage

Entscheidend auch für die politische Kultur der heutigen Niederlande bleibt die geografische Randlage, die es nach den machtpolitischen Einbußen im 18. Jahrhundert ermöglichte, die Außenposition zur Zuschauerposition umzubauen und sich so bis 1940 meist außerhalb der Stürme und Umwälzungen zu halten, die den Kontinent und vor allem die Zentralmacht Deutschland erschütterten. Das führte zu einer relativ friedlichen Entwicklung und sorgte für Kontinuität. Der Aufstand gegen den Absolutimus und die spanische Inquisition hatten eine traumatische Aversion gegen Tyrannei und unbeschränkte Personalherrschaft hinterlassen. Nicht “Einheit und Ordnung”, sondern “Freiheit und Kooperation” hieß – vereinfachend gesagt – das politisch-moralische Primat. Eine föderative Republik garantierte die partikularistischen Rechte und Freiheiten, zu denen auch die Glaubensfreiheit zählte, wenn auch mit Einschränkungen. Immerhin lief das auf eine pluralistische Gesellschaft hinaus und bedeutete damals eine weitgehende Toleranz. Diese pragmatische Toleranz, die sich aus der Vielfalt von konfessionellen Gemeinschaften von selbst ergab, zählt seitdem zum gesellschaftlichen Moralkodex. Sie trug dem Land den Ruf ein, ein Hort der Freiheit und des Asyls für Verfolgte zu sein. Sowohl der Pluralismus einer im Kern bürgerlichen Gesellschaft, als auch die föderative Struktur der alten Republik verhinderten das Aufkommen von fürstlichem Absolutismus. Sie zwangen zu einem System der Abstimmungen und pragmatischen Kompromisse. Das ergab sich auch aus dem Charakter der Oligarchie, der Vorherrschaft eines bürgerlichen Patriziats, namentlich in Holland, wobei eine Elite gemeinsam die Führung ausübte.

Es kann von einer proto-demokratischen Struktur gesprochen werden, welche den kontinuierlichen Übergang zur modernen Demokratie zweifellos erleichtert hat. Auch das moderne Parteiensystem, war bereits – anders als in Deutschland – in der pluralistischen und sektenreichen kleinen Landschaft der Republik vorgegeben. Dieses komplizierte System mit seiner oft umständlichen Handlungsmaschinerie musste allerdings in Kriegs- und Krisenzeiten einer starken Führung weichen, sei es dem holländischen “Raadspensionaris”, einer Art Kanzler, sei es dem oranischen Statthalter. Nach außen war es deshalb auf Frieden und nach innen auf Kompromisse angewiesen. Voraussetzung dafür war die Zuschauerposition, während gerade die Zentrallage die deutschen Länder immer leicht in kriegerische Konflikte verwickelte und eher ein Herrschaftssystem erforderte, bei dem rasche durchgreifende Entscheidungen möglich waren. Dies sind Umstände und Reaktionsformen, die in den beiden Gesellschaften auch unterhalb der staatlich-politischen Ebene als Selbstverständlichkeiten im alltäglichen Reagieren und Handeln galten.

Autor: Hermann von der Dunk
Erstellt: Januar 2007