III. Oranier und Regentendemokratie

Die Oranier

Neben Hollands Vormachtstellung garantierte der oranische Statthalter, der sich als Pseudomonarch einen Hof hielt, eine gewisse überregionale Einheit. Für einen großen Teil des Volkes verkörperte er die Führer- und Vaterfigur. Weil Wilhelm von Oranien (1533–1584) die führende Persönlichkeit der Rebellion in ihrer ersten Phase gewesen war und die großen militärischen Leistungen seiner beiden Söhne Maurits und Frederik Hendrik der Föderation schließlich ihre Selbstständigkeit garantierten, sicherte das auch den Oraniern ihre besondere Position und ihren Nimbus, von Gott gesandte Schirmherren der Freiheit und der reformierten Kirche zu sein. So konnte namentlich bei den strenggläubigen Kalvinisten der Glaube an die mythische Dreieinigkeit “Gott, Niederlande, Oranien” entstehen. Und dennoch bewirkte die traumatische Erinnerung an den spanischen Absolutismus und den Befreiungskampf, dass die echte Monarchie lange Zeit tabu war und nur die Republik als wahre freiheitliche Staatsform galt. “Halbmonarchale Republik” oder “republikanische Halbmonarchie” – beide Qualifikationen lassen sich verteidigen. Schon 1798 war der Einheitsstaat gegründet worden, doch erst nachdem Napoleon seinen Bruder Louis als König von Holland eingesetzt hatte, schien der Bann gebrochen, und nach dessen Sturz wurde der Weg frei für die Monarchie.

Öffentlichen Konsens nicht gefährden

Mit der Dynastie der Oranier ist es eine eigene Sache. Ihre engen Verbindungen zu anderen europäischen Herrscherhäusern wie den Stuarts und den Hohenzollen, verliehen ihr in den Augen Europas den Rang einer Monarchie. Ihre Hofkultur und die Ambitionen der großen Oranier des 17. Jahrhunderts zeigen, dass sie sich selber eigentlich als Monarchen fühlten. Der Mythos ihrer Auserkorenheit als Schirmherren des wahren protestantischen Glaubens und die Anhänglichkeit des Volkes, also das, was als “Orangismus” in die niederländische Geschichte eingegangen ist, läuft ebenfalls auf einen kaum verhüllten Monarchismus hinaus und zeigt das Bedürfnis nach einer Vaterfigur. Weil sich jedoch ihr Gegenspieler, die Oligarchie des Patriziats, ebenfalls als Vertreter des ganzen Volkes verstand, hat sich die Grundauffassung erhalten, dass Entscheidungen auf breiter Basis nach intensiven Beratungen gefasst werden. Wo heutzutage dieses Prinzip nicht durchführbar ist, wird wenigstens der Schein nach außen tunlichst gewahrt. Während in der politischen Kultur Deutschlands dem Kompromiss das Attribut “faul” anhängt, galt und gilt er in den Niederlanden als Beweis für einen demokratischen Entscheidungsvorgang, in dem keiner seinen Willen durchgesetzt hat. Da wirken noch immer der alte konfessionelle Pluralismus und die theologischen Zwiste und Debatten in säkularisierter Form weiter. Nachdem man Zeugnis abgelegt hat für seine Überzeugung, muss man in der Praxis miteinander auskommen. Es bleibt einem der innere Rückzug in die eigene Gesinnungsgemeinschaft.

Eine Konsequenz ist die “Versäulung”, die Aufspaltung in weltanschauliche Segmente und Parteien. Gleichzeitig verlangt das eine gewisse Toleranz: Man hat den anderen “als anderen” und als Verhandlungspartner zu respektieren. In der heutigen, auf kleinem Raum zusmmengedrängten Massengesellschaft, wo sich die alten Säulen weitgehend aufgelöst haben, erfordert dies eine gewisse Zurückhaltung, um den öffentlichen Konsens nicht zu gefährden. Die Schattenseite ist eine Neigung – ebenfalls Erbe der Oligarchie –, Peinliches womöglich nicht zur Kenntnis zu nehmen. Hierbei zeigt die lange Gewöhnung der Bevölkerung und auch der Medien an eine im Prinzip demokratische und tolerante Obrigkeit ebenfalls die Tendenz, sich die Zufriedenheit mit dem eigenen System nicht nehmen zu lassen um den harmonischen Konsens nicht zu zerstören.

“Regentendemokratie”

Einerseits lagen also in der alten Oligarchie die Keime der späteren Demokratie, die sich entfalteten, sobald sich die Eliten nach unten öffneten, wie es nach der Französischen Revolution und im 19. Jahrhundert geschah. Andererseits aber blieben dank dieser Kontinuität Relikte der alten Oligarchie erkennbar, zum Beispiel die Gewohnheit, dass es kleinere Gremien waren, die im Namen ihrer Anhänger als gleichrangige Regenten die Dinge in die Hand nahmen. Man spricht deshalb im 19. und 20. Jahrhundert von “Regentendemokratie”. Dieser Regentendemokratie entsprach ein weitgehendes Vertrauen in das Kolleg, einen Zusammenschluss der politischen Eliten. “Prinzipiell in rein theoretischen Diskussionen, kompromissbereit im Handeln” lautet noch immer die Devise. Wo in Deutschland prinzipielles Handeln den Vorrang hat, scheuen die Niederländer harte Konfrontationen und begnügen sich am liebsten mit dem Vorläufigen, weil das immer die Chance für das Bessere offen hält. Man fürchtet weniger das Chaos als den Zwang.

Daher entstand keine Tradition von Staatsgläubigkeit wie in Deutschand, vor allem in Preußen – dieses säkularisierte Erbe des Gottesgnadentums –, sondern Regentengläubigkeit und ein entschiedener Legalismus: Man legte sein Schicksal nicht in die Hände eines “großen Mannes”, sondern in die der Obrigkeit. Dies förderte auch der Kalvinismus, der menschliche Macht und Größe nicht gelten lässt, da er nur einen Herrscher kennt. Mit einer Ausnahme: der gottesfürchtige Führer im alttestamentarischen Sinn; so passte auch der erwähnte Oranien-Mythos in diese Theologie. Abgesehen von dieser Ausnahme aber förderte der Kalvinismus eine egalitäre Einstellung und somit ebenfalls die Errichtung einer Demokratie. Auch das völlig säkularisierte Denken greift dabei auf theologische Muster zurück, was bis in die intellektuellen Debatten hinein wirkt. Dieser Kalvinismus gehört zum bekannten Bild der Niederlande, und wie bei allen Klischees wird auch hier vereinfacht. Prozentual bildeteten die orthodoxen Protestanten – die eigentlichen Kalvinisten – immer eine Minderheit. Doch das kalvinistische Ethos hat viel weiter gewirkt, wobei allerdings die unbeantwortbare Frage bleibt, inwiefern allgemeine Verhaltensweisen und Wertvorstellungen auf sein Konto gehen oder ob sie nicht umgekehrt auch den niederländischen Kalvinismus geprägt haben. Die immer so betonte, bürgerliche Kultur war fraglos ein wesentlicher komplementärer Zug der Gesellschaft, ihrer Mentalität und ihrer Einrichtungen.

Autor: Hermann von der Dunk
Erstellt: Januar 2007