J. Thorbecke
J. Thorbecke
© unbekannt, gemeinfrei

D-NL: Politische Beziehungen im 17. Jahrhundert
I. Einführung: „Wir sind Niederländer, weil wir keine Deutschen sind”

Niederländische und deutsche Gesellschaft – ein historischer Vergleich

„Wir sind Niederländer, weil wir keine Deutschen sind”, so meinte einmal der bedeutendste niederländische Staatsmann des 19. Jahrhunderts, Johan Rudolf Thorbecke. Man muss diesen Ausspruch verstehen im Zusammenhang mit der Konstellation jener Jahrhundertmitte, als in der deutschen Einheitsbewegung in der Tat die Frage aufkam, ob die Niederländer nicht als stammverwandte halbe Deutsche und als ehemaliger Teil des Alten Reichs zu Deutschland gehörten. Von dem deutschen Historiker Heinrich Leo stammt aus den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts der immer wieder zitierte Ausspruch von den „verlorenen Söhnen”, und noch Wilhelm II. meinte Anfang des nächsten Säkulums, als in den deutsch-niederländischen Beziehungen Irritationen auftraten: „Der kleine Trabant muss in den Bannkreis des größeren ja schließlich doch herein.” Thorbeckes Bonmot war jedoch auch für den Hausgebrauch bestimmt. Immerhin regten sich bei einigen Zweifel, ob sich die Niederlande im Zeitalter von „Völkerfrühling” und großen nationalen Machtballungen noch als eigene Nation würden behaupten können; Zweifel, die gelegentlich auch in jüngster Zeit im Zuge der europäischen Einheit offen oder unterschwellig in der veröffentlichten Meinung wieder spürbar waren.

Niederländisch-Deutsche Nachbarschaft

Der zitierte Ausspruch macht eines jedenfalls deutlich, damals wie heute: Die Niederländer sind und verstehen sich seit mehreren Jahrhunderten als eine eigene Nation, die sich mithin von allen andern, auch von den Deutschen, klar unterscheidet und unterscheiden will. Dem Besucher aus Amerika oder China dürfte zunächst die große Nähe und Ähnlichkeit beider Länder auffallen – in der Sprache, in der Landschaft, vielleicht auch in manchen Äußerlichkeiten, die sich der genauen Bestimmung entziehen. Das ändert nichts daran, dass sich die heutigen Niederlande seit dem 16. Jahrhundert als eine selbstständige Föderation im Kampf mit der spanischen Krone entwickelt und von den andern deutschen Reichsterritorien noch mehr abgegrenzt haben, als sie es schon vorher als Teil des großburgundischen Reiches gewesen waren. Wohl gemerkt: deutsche Reichsterritorien. Von einer einheitlichen deutschen Nation und entsprechenden staatlichen Einheit konnte keine Rede sein. Die Grenzen waren fließend, nach außen wie nach innen – sofern sich diese beiden Begriffe überhaupt auf das 16. Jahrhundert anwenden lassen. Das macht die später gelegentlich auftauchende deutsche Vorstellung, die Niederlande seien eigentlich abtrünnig geworden, zu einem Anachronismus.

Über die niederländisch-deutsche Nachbarschaft ist in der letzten Zeit viel geschrieben worden; immer ein Zeichen dafür, dass man hier ein Defizit und ein Problem verspürt. Die Publikationen richten sich vorwiegend an das deutsche Publikum und stammen meistens von Niederländern oder von Deutschen, die in den Niederlanden gelebt haben oder leben, und folglich jenes Manko spüren. Die Unterschiede der beiden Gesellschaften und ihrer politischen Kulturen und Werte bleiben jedoch unverständlich ohne einen Blick auf ihre Vergangenheit, also auf die bestimmenden historischen Erfahrungen. Keine historische Entwicklung ist denkbar ohne die Reaktion auf gewisse Traumata, auch wenn selbstverständlich anderes immer hinzu kommt.

Autor: Hermann von der Dunk
Erstellt: Januar 2007