V. Rückblick auf die deutsche Geschichte

Durch die Geschichte Deutschlands zieht sich wie ein roter Faden die Frage nach Deutschlands territorialem Bereich und seinen Grenzen. Die ausgedehnte Ansiedlung von deutschsprachigen Bevölkerungen und die Reminiszenz an das mittelalterliche Reich, die im Zeitalter des aufkommenden Nationalbewusstseins eine Hauptquelle wurde für den Begriff “Deutschland”, prädestinierten das, was dann als deutsche Nation, und von 1871 bis 1945 als Deutsches Reich in die Geschichte einging, zur zentralen Großmacht Europas. Für seinen Nachfolger und Erben, die heutige Bundesrepublik, gilt seit der Wiedervereinigung das Gleiche. In unserer postnationalistischen Epoche der Europäisierung hat das alte Problem der Grenzen etwas von seiner früheren Brisanz verloren, doch bekanntlich gehörte es zum festen Problembestand des ehemaligen Reichs und führte bei der kleindeutschen Lösung Bismarcks zu jenen unbefriedigten expansionistischen Wünschen und Forderungen, die in Hitlers Programm und Krieg ihr katastrophales Ende fanden. Sowohl aus der geografischen Zentrallage wie aus der Erbschaft und dem Mythos des mittelalterlichen Reichs rührte jener spezifische Universalismus in der neueren deutschen Geschichte, der immer über die jeweilige politische Konstellation und die faktischen staatlichen Grenzen als ein Unvollkommenes hinausstrebte und sich mit einem größeren Ganzen identifizierte, im geistig-kulturellen wie im politischen Bereich. Dies erklärt auch, warum sich die Deutschen so stark mit dem postnationalen Europagedanken identifizieren, wobei wieder die Zentrallage Deutschlands ausschlaggebend ist. Diese Identifikation bietet sich sogar an als die einzig logische Konsequenz aus dem verhängnisvollen Großmachtstreben.

Gemälde der Reichsgründung 1871
Gemälde der Reichsgründung 1871
© Anton von Werner, gemeinfrei

Der Europagedanke ist demokratischer Universalismus. Natürlich hatte dieser Universalismus in der deutschen Vergangenheit auch die Funktion, den Partikularismus zu überwinden, jene Folge der Jahrhunderte langen größeren und kleineren Territorialherrschaften und der naturgegebenen Unterschiede deutschsprachiger Länder. Daher die fast magische Bedeutung des Wortes “Einheit”. Denn hier lag das große Trauma, sobald die Deutschen sich seit Napoleon wirklich als Nation verstanden: Es hieß Zersplitterung und Chaos, gesellschaftlich wie staatlich. Diese uneingelöste Einheit und Grenzfrage und die tief sitzende Chaosangst erklären zum Teil, dass “der Staat” – eben als Garant von Ordnung und Einheit – eine eigene fast metaphysische Größe wurde und dass der Parlamentarismus mit seinen Parteien lange auf zähen Widerstand stieß. Denn jede Partei war in dieser Sicht, grob gesagt, ein Spaltpilz. Selbstredend kam viel anderes hinzu, wie die späte und unter Bismarck sogar teilweise rückgängig gemachte Politisierung des Bürgertums. Infolge des fürstlichen Absolutismus galt eine starke Personalmacht als natürliche Spitze, jedenfalls garantierte sie Sicherheit. Diese Faktoren haben die deutsche politische Kultur bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein tiefgehend geprägt, sehr im Unterschied zur niederländischen.

Die einschlägige internationale Fachliteratur hat in vielen Hunderten, ja Tausenden Publikationen dies alles beschrieben und analysiert. Von einer auch nur entfernt ähnlich intensiven internationalen Beschäftigung mit der niederländischen Vergangenheit kann keine Rede sein, schon allein aus dem Grund, dass ein neutraler Kleinstaat das Ausland weniger beschäftigt. Folglich ist der Historiker auf das Selbstbild der Niederlande angewiesen, und es fehlt – von den Klischees abgesehen – die ergänzende Sicht von außen; das wenige, was vorliegt, macht diese Lücke deutlich spürbar.

Autor: Hermann von der Dunk
Erstellt: Januar 2007