VIII. Der Kampf um Anerkennung. Ehemalige Zwangsarbeiter aus den Niederlanden* - Teil 2

Die Vorbereitungen des niederländischen Staates

Die niederländische Regierung war im Mai 1940 nach London ins Exil gegangen. Dort wurde der Kampf gegen das Dritte Reich fortgesetzt. Eines der Probleme, mit denen die niederländische Regierung in London kämpfte, war der Mangel an Informationen aus den besetzten Niederlanden. Es gelang ihr erst ab dem Sommer 1942, in größerem Umfang Informationen aus den Niederlanden herauszuschmuggeln.[15] Diese Informationen waren oft bruchstückhaft, veraltet und zuweilen schlichtweg unzuverlässig, aber man hatte in London dennoch begriffen, daß Hunderttausende von Niederländern abtransportiert wurden. Daraufhin wurden an drei Orten Vorbereitungen für die Rückkehr und die Aufnahme getroffen.

Ab Oktober 1943 arbeitete G.F. Ferwerda am Sozialministerium als Regierungskommissar für die Repatriierung. [16] Zunächst ging Ferwerda davon aus, daß eine große niederländische Organisation mit mehreren tausend Mitarbeitern für die Durchführung der Repatriierung nötig sein werde, aber ab Mai 1944 wurde deutlich, daß die alliierten Militärdienststellen die Verantwortung übernehmen würden, und daß die Niederlande lediglich einige Dutzend Verbindungsoffiziere zur Unterstützung bereitstellen müßten.

Ab Januar 1943 stand fest, daß die Niederlande nach Kriegsende für kurze Zeit eine militärische Interimsverwaltung erhalten würden. [17] Diese sogenannte Militärbehörde würde besser mit den alliierten Militärverwaltungen zusammenarbeiten können als eine Zivilverwaltung. Erst nachdem sie aus dem Sozialministerium auf das Thema Repatriierung aufmerksam gemacht worden war, erkannte die Militärbehörde das Problem. Im Dezember 1943 wurde Prof. Dr. J.H. de Boer zum Koordinator für die Repatriierung ernannt. Um sich nicht gegenseitig bei der Arbeit zu behindern, beschloß man – nach den hierbei unvermeidlichen Konflikten –, daß das Regierungskommissariat für alle Repatriierungsaktivitäten außerhalb der Niederlande verantwortlich sein sollte und die Militärbehörden die Aufnahme der Menschen nach dem Pas-sieren der niederländischen Grenze übernehmen sollte. Die Militärbehörde baute eine umfangreiche Organisation auf. Es wurden Pläne zur Einstellung von militärischen Repatriierungskommandanten in acht Grenzabschnitten erstellt, die für den Empfang, die Registrierung sowie die politische und medizinische Kontrolle verantwortlich sein sollten. Diese Repatriierungs-kommandanten erhielten ein paar Mitarbeiter, einige Autos, eine begrenzte Menge an Medikamenten (unter anderem den berüchtigten DDT-Puder), Notrationen und Decken. Zur Durchführung seiner Arbeit erhielt jeder Repatriierungskommandant darüber hinaus zahlreiche Informationen mit auf den Weg. An erster Stelle standen Informationen über seinen spezifischen Grenzabschnitt: Stadtpläne, Informationen über Gebäude, die für die Aufnahme von Repatrianten in Frage kamen, wie Schulen und Hotels, Listen mit Informationen über Ärzte, Krankenhäuser, Laboratorien, pharmazeutische Fabriken und Apotheken, Namen von amtlichen Gesundheitsinspektoren sowie Listen mit Namen von Bürgermeistern einschließlich Bemerkungen über deren politische Einstellung während des Krieges. Darüber hinaus erhielt er einen Ablaufplan, in dem Anweisungen darüber standen, wie er von Tag zu Tag beim Aufbau der Repatriierungsorganisation vorgehen sollte. Schließlich bekam er eine Reihe von Briefen für Bürgermeister und andere Behörden, damit diese über seine Aufgaben und Befugnisse informiert waren. Zu diesen Befugnissen gehörte die Möglichkeit, Gebäude und Transportmittel einzufordern und Menschen einzustellen. Es war geplant, nach der Befreiung so schnell wie möglich entlang der Grenze 140 Empfangsposten einzu-richten. Die Repatrianten sollten von Grenzschutzkompanien empfangen werden, die unmittelbar nach der Befreiung aus Freiwilligen der örtlichen Bevölkerung zusammengestellt werden sollten. Von den Empfangsposten aus wurden die Menschen in große Empfangszentren geschickt, wo medizinische Untersuchungen sowie die Registrierung stattfanden. Dort wurde auch eine Selektion vorgenommen. Die überwiegende Mehrheit der Repatrianten erhielt eine Transportbescheinigung, die sie dazu berechtigte, an ihren Wohnort zu reisen. Unerwünschte Ausländer konnten abgeschoben werden, andere Ausländer kamen in spezielle Ausländerlager, in denen sie auf die Durchreise oder auf einen Beschluß des Reichsausländeramtes über ihren Verbleib in den Niederlanden warten mußten. Kranke kamen in Quarantäne und politisch Verdächtige wurden in besondere Internierungslager gebracht. Insgesamt handelte es sich also um eine umfangreiche Organisation, und so sollten im Sommer 1945 mehr als 4.000 Menschen beim Repatriierungsdienst der Militärbehörde arbeiten.

Die dritte Organisation, die sich mit der Repatriierung beschäftigte, war das Außenministerium. [18] Die Aktivitäten dieses Ministeriums richteten sich vor allem auf die Sowjetunion. Zu diesem Land unterhielten die Niederlande erst ab Juli 1942 diplomatische Beziehungen. Eine der wichtigsten Aufgaben des niederländischen Botschafters bestand in der Vereinbarung eines Repatriierungsabkommens. Während des Krieges zirkulierten Berichte, daß die Deutschen planten, einen großen Teil der niederländischen Bevölkerung in die Ukraine umzusiedeln. Es war bekannt, daß die niederländischen Juden nach Polen deportiert worden waren, und man hoffte bis Anfang 1945, daß Zehntausende den Krieg überleben würden und repatriiert werden könnten. Auch die über zehntausend niederländischen Kriegsgefangenen befanden sich zum größten Teil tief in Osteuropa. Kurz gesagt: Es bestand von niederländischer Seite Bedarf am Abschluß eines Repatriierungsabkommens. In der Schweiz wurde sogar bereits eine Sanitätskolonne für die Abreise nach Ost-europa bereitgestellt, sobald die militärische Lage dies zuließe. Mit Schweden wurden Vereinbarungen über die vorübergehende Aufnahme von Repatrianten aus Polen und Nord- und Ostdeutschland getroffen. Auch mit der polni-schen Exilregierung in London war bereits der Entwurf für ein Abkommen ausgearbeitet worden. [19] Aber die Russen reagierten weiterhin ausweichend und berichteten, daß man nur auf wenige Niederländer – meist Freiwillige in deutscher Uniform – gestoßen sei. Diese boten keinen Anlaß für ein Ab-kommen oder die Entsendung von Kolonnen. Es hat in der Literatur viele Spekulationen darüber gegeben, warum die Sowjetunion so abweisend war. Als Ursache wurden hier die späte Anerkennung der Sowjetunion, die späte Anerkennung des kommunistischen Regimes in Polen, der niederländische Kolonialismus und das starke niederländische Kontingent unter den SS-Angehörigen angeführt. [20] In der jüngeren Forschung wird diese Haltung bestritten. Dort geht man davon aus, daß die Sowjetunion ein Abkommen mit den Niederlanden zur Repatriierung von Russen schlichtweg nicht nötig hatte. Die Rückkehr der Russen war zum größten Teil mit England und den Vereinigten Staaten geregelt worden und funktionierte sehr gut. Russische Repatriierungsoffiziere haben über ihre Kontakte zu den britischen und amerikanischen Truppen bis in den Sommer 1945 nahezu ungehindert in den Niederlanden operieren können. Die niederländische Militärbehörde arbeitete als verlängerter Arm der alliierten Truppen reibungslos bei der Repatriierung der Russen mit. Nur wenn es nötig war, schloß die Sowjetunion ergänzende und auf die Situation zugeschnittene Repatriierungsabkommen mit anderen Staaten, wie im Dezember 1944 mit Frankreich. Wenn die Repatriierung der eigenen Leute erst einmal geregelt war, war es selbstverständlich, daß man die Westeuropäer so schnell wie möglich in ihren Heimatländern sehen wollte – und das vorzugsweise ohne westeuropäische Repatriierungsmissionen, die man nur als unerwünschte Topfgucker betrachtete.

Daß schließlich doch noch niederländische Missionen in Osteuropa tätig wurden, war durch außergewöhnliche Umstände verursacht worden. Es gelang der niederländischen Regierung im Januar 1945, mit den Tschechen ein Repatriierungsabkommen zu schließen. Zwar dauerte es noch eine Weile, bis die Rote Armee ihre Zustimmung gab, aber dann wurde die Sanitätskolonne, die in der Schweiz bereitstand, im Juni 1945 nach Prag geschickt. [21] In Polen traf erst im November 1945 eine niederländische Mission ein, die formal unter der Fahne des schwedischen Roten Kreuzes arbeitete. [22] Von den westli-chen Besatzungszonen in Berlin aus gelang es niederländischen Ambulanzen ab dem Herbst 1945, in Ostdeutschland zu arbeiten. [23] Aber alle drei genannten Missionen trafen erst ein, nachdem das Gros der Arbeiter bereits repatriiert worden war.

Insgesamt kann also festgestellt werden, daß die alliierten Militärdienststellen und die niederländischen Behörden über die Anwesenheit von Hunderttausenden von Niederländern in Deutschland informiert waren und ausreichende Vorbereitungen getroffen hatten. Dennoch ist besonders an der niederländischen Regierung viel Kritik geübt worden. Martin Bossenbroek führt in seinem Buch De Meelstreep unzählige Beispiele an. Er unterscheidet schließlich fünf Kritikpunkte: niederländische Helfer glänzten durch Abwesenheit, die Repatriierung verlief schleppend, der Empfang an der Grenze und am Wohnort war wenig herzlich, man schenkte den individuellen mate-riellen Problemen keine Beachtung und interessierte sich nicht für spezifische Kriegserfahrungen. [24]

Rückkehr und Aufnahme

Es gibt unzählige Fälle, in denen diese Klagen nicht zutreffen, in denen niederländische Helfer engagiert und schnell arbeiteten, in denen der Empfang herzlich war und in denen die Umgebung angemessen auf die materielle und psychische Not reagierte. Dennoch sind die Klagen ingesamt betrachtet berechtigt. Die autobiographischen Dokumente und Archive sprechen hier Bände. Wissenschaftler machen jedoch nicht an dieser Stelle halt. Sie wollen wissen, warum die Aktionen der niederländischen Regierung unzureichend waren. Bei den Betroffenen hat dies zuweilen zu der Annahme geführt, die Forscher wollten diesen Mangel schönreden. [25] Das ist gewiß nicht der Fall. Wir wollen erklären, nicht beschönigen.

Ich möchte daher die fünf Kritikpunkte der Reihe nach besprechen. Der erste Punkt betrifft die Abwesenheit niederländischer Helfer. Es herrschte lange Zeit die Annahme, daß dies an der Inkompetenz des Regierungskommissariats für Repatriierung und dem Kompetenzstreit zwischen Regierungskommissariat und Militärbehörde gelegen habe. [26] Es habe zu wenige nieder-ländische Repatriierungsfunktionäre in Deutschland gegeben, die, da sie keinen militärischen Rang hatten, nicht effektiv hätten handeln können; es habe an Verbindungssträngen zwischen den Niederlanden und den Repatriierungsfunktionären gefehlt, und es habe keine Abstimmung zwischen den Empfangsposten an der Grenze und den Helfern in Deutschland gegeben. Dieser Konflikt ist sicher ein Teil der Erklärung, aber er ist nicht die ganze und schon gar nicht die wichtigste Erklärung. Wichtiger war die Tatsache, daß keine niederländische Armee in Deutschland einzog. [27] Frankreich und Belgien wurden im Sommer und Herbst des Jahres 1944 zum größten Teil befreit. Es wurden Armeen gebildet, die im Frühjahr 1945 als Teil der alliier-ten Armee mit in Deutschland einzogen; sie umfaßten mehr als hunderttausend französische und mehrere zehntausend belgische Soldaten. [28] Diese Truppen waren, besonders nach der deutschen Kapitulation, für die 220 französischen und 120 belgischen Repatriierungsoffiziere und für französi-sche und belgische Repatrianten eine wichtige Stütze. Die Franzosen schick-ten für diese Hilfeleistung sogar ein spezielles Frauenkorps nach Deutschland. Den niederländischen Repatriierungsfunktionären fehlte diese Unterstützung. Die Niederlande waren im September 1944 zum Kriegsgebiet geworden. Zwar wurden im Süden Truppen ausgebildet, diese wurden jedoch zum größten Teil innerhalb der Niederlande eingesetzt. Außerdem beschloß die niederländische Regierung bewußt, sich nicht am Feldzug in Deutschland zu beteiligen, weil man die Armee in Niederländisch-Ostindien einsetzen wollte. Dies hatte zur Folge, daß nur wenige kleine Einheiten der niederländischen Stoßtruppen mit den alliierten Truppen in Deutschland eingezogen sind. Die 60 niederländischen Repatriierungsfunktionäre hatten also keine niederländischen Truppen im Hintergrund, die ihnen bei der Rückkehr helfen konnten. Besonders dies hat den Eindruck hervorgerufen, es habe in Deutschland keine Niederländer gegeben.

Der zweite Vorwurf lautet, daß die Niederländer einige Wochen später als die Belgier und die Franzosen repatriiert worden sind. [29] Besteht dieser Vorwurf zu Recht? Die Rückkehr der Franzosen, Belgier und Niederländer zur Westgrenze Deutschlands fiel unter die Verantwortung der alliierten Truppen. Pauschal ausgedrückt brachten sie Truppen und Vorräte nach Deutschland und nahmen Repatrianten mit zurück. Als die alliierten Truppen in Deutschland einzogen, war der größte Teil der Niederlande jedoch noch nicht befreit. Köln (6. März) war zwei Monate früher erreicht worden als Den Haag, die Elbe (24. April) gut zwei Wochen früher als die Amstel. Da die Niederlande noch nicht befreit waren, verliefen die alliierten Nachschub-Routen über Belgien oder Frankreich. Dies hatte zur Folge, daß mehr als 100.000 Niederländer nach Belgien und Frankreich gebracht wurden. Und dort wurden sie vom Regierungskommissariat für Repatriierung – auf Bitten der Militärbehörde – mehrere Wochen lang festgehalten. [30] Erst ab dem 10. Mai 1945 begann man, die Niederländer aus Frankreich und Belgien in kleinen Gruppen zurück in die Niederlande zu holen. Ihre Rückkehr ist bewußt verzögert worden, um der Militärbehörde die Möglichkeit zu geben, ihre Organisation aufzubauen und eine gewisse Ordnung zu schaffen. Kurzum, die Niederländer sind tatsächlich später zurückgekehrt als die Belgier und die Franzosen, und die Erklärung hierfür liegt bei der Militärbehörde, die sich nicht in der Lage sah, den Zustrom aufzufangen.

Der dritte Punkt ist der kühle Empfang an der Grenze und am Wohnort. Häufig werden Belgien oder Frankreich zum Vergleich herangezogen, wo der Empfang herzlicher war. Obwohl die Zeugenberichte im übrigen ganz unter-schiedliche Erfahrungen zeigen, ist die Beobachtung allgemein betrachtet zutreffend. Aber die Lage in Belgien und Frankreich war ganz anders. Als die Repatrianten dorthin zurückkehrten, waren diese Länder bereits seit einem halben Jahr befreit. In den Niederlanden trafen die ersten Repatrianten manchmal noch vor den alliierten Soldaten und der Repatriierungsorganisation der Militärbehörde ein. Als diese Repatriierungsorganisaton schließlich an der Ostgrenze des Landes installiert worden war, bestand ihre erste Aufgabe darin, die Repatrianten festzuhalten, da der Westen des Landes noch nicht zu erreichen war. Selbst nach der Übergabe durch die deutschen Besatzer blieb der Westen noch einige Wochen lang geschlossenes Gebiet, da man erst Nahrungsmittel und Medizin dorthin bringen wollte. Erst ab dem 1. Juni 1945 konnte man wieder in den Westen reisen.

Die Niederlande befanden sich im Frühjahr 1945 in einem erbärmlichen Zustand. [31] Das Land war schwerer getroffen worden als Belgien und Frank-reich, denn ein großer Teil des Landes war im Winter 1944/45 Kriegsgebiet gewesen. Große Gebiete standen unter Wasser, Städte im Frontgebiet waren Schutthaufen. Rund 1.800.000 Niederländer oder 20 Prozent der Bevölkerung waren von Haus und Hof vertrieben worden, aus den Kriegsgebieten evakuiert oder deportiert worden oder untergetaucht. Im Westen der Niederlande waren die Nahrungsvorräte erschöpft, und es herrschte Hungersnot. Im letzten Kriegswinter waren im Westen fast 20.000 Menschen an Hunger gestorben. Die alliierten Soldaten und die niederländischen Behörden wollten dort erst Nahrungsmittel und medizinische Einrichtungen vor Ort haben, bevor sie Repatrianten den Zutritt dorthin gewährten. Dieser materiell, aber auch psychisch schlechte Zustand erklärt zum größten Teil, warum der Empfang der Repatrianten wenig festlich gewesen ist.

Der vierte Punkt betrifft die Tatsache, daß die individuelle materielle Not der Repatrianten keine Beachtung fand. Auch hier muß man sagen, daß es natürlich vielerorts menschlich bewegende Hilfe gab, daß aber der Eindruck insgesamt tatsächlich zutrifft. Martin Bossenbroek spricht in seinem Buch De Meelstreep von ‚Notverbänden‘, also provisorisch versorgten Wunden. [32] Dies galt übrigens für alle Kriegsopfer. Das Interesse galt nicht der Wiedergutmachung des individuellen materiellen Schadens der unzähligen Kriegsopfer, obgleich hier im Rahmen der Wiederherstellung des Rechts einiges getan wurde; das Interesse galt in erster Linie der wirtschaftlichen Wiederherstel-lung des Ganzen. Um es noch einmal mit den Worten Bossenbroeks zu sagen: Das Interesse der ‚Volksgemeinschaft‘ stand im Vordergrund. [33] Der Produktionsapparat und die Infrastruktur hatten Priorität. Was die Zwangsarbeiter anbetraf, so standen die Wiederherstellung des niederländischen Arbeitsmarktes und die Reintegration der Zwangsarbeiter im Mittelpunkt. Es wurde von den Zwangsarbeitern erwartet, daß sie kurz nach ihrer Rückkehr wieder an die Arbeit gingen. Gelang es ihnen nicht, Arbeit zu finden, mußten sie sich bei einem Arbeitsamt melden. [34] Eine einmalige oder regelmäßige finanzielle Unterstützung, welcher Art auch immer, konnte nur der erhalten, der sich beim Arbeitsamt gemeldet hatte. Das Arbeitsamt konnte entschei-den, eine Umschulung oder eine Tätigkeit bei einem der Arbeitsbeschaf-fungsprojekte, beispielsweise einem Projekt des staatlichen Dienst Uitvoering Werken (DUW), anzubieten. Nahezu jede Arbeit, die über ein Arbeitsamt angeboten wurde, galt als passende Arbeit und mußte – unter Androhung des Verlustes der finanziellen Unterstützung – angenommen werden.

Der fünfte und letzte Kritikpunkt lautet, daß die spezifischen Kriegserfahrungen der Zwangsarbeiter keine Beachtung fanden. Dies lag zum Teil daran, daß so viele Menschen Kriegserfahrungen hatten. Ein makaberer Witz, der kurz nach dem Krieg unter jüdischen Überlebenden aus den Konzentrationslagern kursierte, verdeutlicht dies: Ein niederländischer Jude begegnete kurz nach seiner Rückkehr aus Polen seinem früheren Nachbarn, und das erste, was dieser zu ihm sagte, war: „Du kannst von Glück reden, daß du im ver-gangenen Winter nicht hier warst.“ Der Hintergrund dieses Witzes war, daß man selbst zu viel mit den eigenen Erfahrungen zu tun hatte, als daß man sich noch in das Leid eines anderen hätte hineinversetzen können.

Dabei wurden die Zwangsarbeiter mit besonderen Problemen konfrontiert, denn in der Nachkriegsgesellschaft wurden Menschen, die ‚für den Feind gearbeitet hatten‘, wenig geschätzt. Ausschlaggebend war dabei, daß man in Deutschland gearbeitet hatte. Zu Recht hat es hier viel Em¬pörung gegeben, denn die deutsche Kriegswirtschaft hörte nicht an der deutschen Grenze auf, sondern erstreckte sich über die Niederlande. [35] Zehntausende von Niederländern haben in den Niederlanden bei den deutschen Militärbasen gearbeitet. Unzählige andere haben Bunker entlang der niederländi-schen Küste gebaut oder Güter produziert, die für die deutschen Kriegsan-strengungen von Bedeutung waren. Im Erleben der Nachkriegsniederlande lastete jedoch auf einem Arbeiter, der in Deutschland ein Radio zusammengesetzt hatte, ein Stigma, während sein Kollege in Eindhoven in viel geringerem Maße oder überhaupt nicht mit diesem Stigma konfrontiert wurde. Was auch zur Verbitterung beitrug, war die Tatsache, daß der Druck, in Deutsch-land zu arbeiten, in vielen Fällen von niederländischen Beamten ausgeübt wurde. [36]  Nicht selten trat der Repatriant nach dem Krieg im Arbeitsamt der gleichen Person gegenüber, die während des Kriegs im Auftrag der deutschen Besatzungsmacht seine Arbeitsvermittlung nach Deutschland vorgenommen hatte. Die Beamten gingen straffrei aus und erhielten den Auftrag, die Repatrianten wirtschaftlich wieder zu integrieren.

Besonders traurig war das Schicksal der mehreren Tausend SS-Frontarbeiter. Diese Zwangsarbeiter erhielten Verträge zur Zwangsarbeit in Rußland. In vielen Fällen wurde ihnen nichts über die Beschaffenheit der Arbeit, die sie verrichten sollten, gesagt. Ein Teil von ihnen ist sogar unter sehr großem Druck rekrutiert worden. Sie sind vor die Wahl zwischen einem Aufenthalt in einem Konzentrationslager und der Arbeit an der Front gestellt worden. [37] Einmal in Rußland angekommen, erhielten sie eine SS-Uniform und einen Spaten oder eine Spitzhacke, und man erwartete von ihnen, daß sie als SS-Frontarbeiter Befestigungsanlagen für die Waffen-SS in Rußland bauten. Einige von ihnen sind von der Roten Armee gefangen genommen und als SS-Leute nach Sibirien geschickt worden. Die Überlebenden kamen erst nach Jahren frei, um danach in den Niederlanden mit Ablehnung konfrontiert zu werden.

In der Hierarchie des Leids wurden die Erfahrungen der Zwangsarbeiter als leicht befunden. [38] Die Widerstandskämpfer konnten auf Bewunderung zählen; in geringerem Umfang wurden auch die Untergetauchten bewundert. Die überlebenden Juden konnten doch zumindest auf Mitleid zählen, und die Menschen, die Haus und Hof verloren hatten, konnten einen sichtbaren Beweis ihres Kriegsleids vorweisen. Die Zwangsarbeiter jedoch konnten bis vor kurzem auf wenig Verständnis zählen, und so war ihr Leid häufig un-sichtbares Leid. Das ist eine lebenslange Erfahrung, die für manche der Zwangsarbeiter ebenso schmerzhaft gewesen ist, wie die Kriegserfahrungen selbst.


* Der Beitrag basiert auf dem Vortrag, den ich am 12. Februar 2003 am Zentrum für Niederlande-Studien gehalten habe. Er ist zudem erschienen in: Zentrum für Niederlande-Studien, Jahrbuch 14 (2003), Münster 2004.

[15] Über die Aufklärungsarbeit in London vgl. J.M. Somer, Dagboeken, 2 Bde., Baarn 1981.
[16] Das Archiv des Regierungskommissariats befindet sich im Nationaal Archief in Den Haag: Archieven van de Regeeringscommissaris voor de Repatrieering, 1943–1945, 2.15.43.
[17] Das sehr umfangreiche Archiv der Militärbehörde befindet sich ebenfalls im Nationaal Archief in Den Haag: Archief van het Militair Gezag, (1939) 1943–1947 (1956), 2.13.25. Eine gute Übersicht bietet H. Winkel, Overzicht der werkzaamheden van het Militair Gezag gedurende de bijzondere staat van beleg, o.O. o.J.; das Werk enthält zahlreiche Karten und Anhänge.
[18] Nationaal Archief, Kabinet van de Minister-president 2.03.01, Inventarnummer 1227: stukken betreffende de repatriëering uit de SU, 1943–1947.
[19] Nationaal Archief, Archieven van de regeeringscommissaris voor de Repatrieering, 1943–1945, 2.15.43, Inventarnummer 26.
[20] Das geschah bereits in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts durch die berühmte Enquêtekommission zur Regierungspolitik: Enquêtecommissie regeringsbeleid 1940–1945, 20 Bde., Den Haag 1949–1973; siehe hierin Teil 6c, S. 663 und 673. Dies ist von dem Histo­riker Lou de Jong übernommen worden: L. de Jong, Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, Bd. 2: Epiloog, Den Haag 1988, S. 117. Die Widerlegung dieser Meinung findet sich in Beening (wie Anm. 8), S. 74–83, Postma (wie Anm. 14), passim und Bossenbroek (wie Anm. 1), S. 119–126.
[21] Zur Tätigkeit der Mission in Prag siehe die Verhöre des Leiters dieser Mission. Enquêtecommissie (wie Anm. 20), Teil 6 c, 662–672: Verhör G.A. Boon.
[22] Zur Mission in Polen vgl. G. Leenders, De missie Willems. De repatriëring van Nederlanders uit Polen na de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam 1988.
[23] Nationaal Archief, Kabinet van de Minister-president 2.03.01, Inventarnummer 1227: stukken betreffende de repatriëring uit de SU, 1943–1947.
[24] Bossenbroek (wie Anm. 1), S. 68.
[25] Dies geschah noch bei dem Vortrag, den ich im Februar 2003 in Münster gehalten habe, und der diesem Aufsatz zugrunde liegt.
[26] Zum politischen Hintergrund dieses Konflikts siehe A. Beening, Machtsstrijd en machteloosheid – De rol van de Nederlandse overheid bij de repatriëring vanuit West-Europa naar Nederland 1944–1945, in: C. Kristel (Hrsg.), Binnenkamers – Terugkeer en opvang na de Tweede Wereldoorlog – Besluitvorming, Amsterdam 2002, S. 23–61.
[27]  L. de Jong, Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, Bd. 10a, Den Haag 1988, S. 708–714, S. 728 und S. 738 f.
[28]  Für einen Vergleich der unterschiedlichen Art und Weise, in der diese drei Länder mit den Arbeitern in Deutschland umgingen, siehe P. Langrou, The legacy of nazi-occupation. Patriotic memory and national recovery in Western-Europe, 1945–1965, Cambridge 2000.
[29]  Das war ein Vorwurf, der bereits unmittelbar nach dem Krieg zu hören war. Siehe beispielsweise K. Vorrink, Rapport van de commissie van onderzoek inzake het verstrekken van paketten door het Rode Kruis en andere instanties aan Nederlandse politieke gevangenen in het buitenland gedurende de bezettingstijd alsmede inzake het evacueren van Nederlandse gevangenen kort voor en na het einde van de oorlog, Den Haag 1947, S. 30. Dieser Vorwurf ist in der Geschichtsschreibung immer wieder bestätigt worden, beispielsweise von Jac-ques Presser, Lou de Jong und kürzlich Pieter Lagrou.
[30] Dies wurde auf einer Versammlung am 29. April 1945 in Breda vereinbart, an der Vertreter der alliierten Militärs, der Militärbehörde und dem Repatriierungsamt teilnahmen. Zu den betreffenden Notizen siehe Enquêtecommissie (wie Anm. 20), Teil 6b, Anhang 81, S. 216 f.
[31] Bossenbroek (wie Anm. 1), S. 45–59.
[32] Ebd., S. 183–206.
[33] Ebd., S. 208. So waren beispielsweise die Pläne für die Rückkehr und Reintegration der Repatrianten in den Arbeitsmarkt in London bis ins Detail vorbereitet worden und lagen im September 1944 bereit. Ausgearbeitete Pläne für die materielle Unter­stützung von Kriegsopfern waren erst im April 1945 fertig, und diese Regelung war darüber hinaus als vorübergehende Maßnahme geplant. Beschluß zur Repatriierung KB E81 vom 13.09.1944. Außerordentlicher Beschluß zu den Arbeitsverhältnissen, KB E 52 vom 17.07.1944, in: Staatsblad van het Koninkrijk der Nederlanden verschenen te Londen, Zwolle 1945, S. 568–572 und 685–688 sowie 699–701. Nationaal Archief Ministerie van Binnenlandse Zaken 2.04.48.14, Bestimmung vom 12.04.1945.
[34] Beening (wie Anm. 8), S. 103–106.
[35] Siehe beispielsweise die aktuellen Studien des Utrechter Wirtschaftshistorikers Klemann und des Juristen Meihuizen: H. Klemann, Nederland 1938–1948: economie en samenleving in jaren van oorolog en bezetting, Amsterdam 2002; J. Meihuizen, Noodzakelijk kwaad: de bestraffing van economische collaboratie in Nederland na de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam 2003.
[36] Markante Beispiele finden sich bei
Sijes (wie Anm. 4), S. 125–127.
[37] Ebd., S. 476–490.
[38] Bossenbroek (wie Anm. 1), S. 571–576.

Autor: André Beening
Erstellt: Februar 2007