V. Die wirtschaftliche Situation der Niederlande 1938 bis 1948 während Weltkrieg und Besatzung

In den Niederlanden ist der Zweite Weltkrieg, außer als Zeit der Judenverfolgung, bekannt als Periode bitterer Armut. Die niederländische Bevölkerung wurde Opfer der deutschen Nachbarn, die ihnen ihre Demokratie wegnahmen um eine Diktatur zu begründen, und so dem Wohlstand ein Ende setzten. Die Wirtschaft brach zusammen da die Besatzer Arbeiter, Maschinen und Grundstoffvorräte dem Land entzogen. Außerdem nahmen die Deutschen große Teile der Produktion mit. Inzwischen ist deutlich, dass die Wirtschaft in den ersten beiden Jahren der Besatzung eine kurze Wachstumsphase (wie sie seid den späten 20igern nicht mehr vorkam) durchmachte.

Niederländische und Deutsche Wirtschaft

Die niederländische und deutsche Wirtschaft sind seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kaum miteinander verknüpft. Da das Nazi-Regime nach weitesgehender Autarkie strebte, kam die Wirtschaft der Niederlande in den 30er Jahren nie ganz aus der Depression heraus. 1940, zur Zeit des deutschen Einfall, gab es 350.000 Arbeitslose, die mit ihren Familien in bitterer Armut lebten. Im Dezember 1940 behauptete Hitlers Reichskommissar Dr. Arthur Seyss-Inquart in einem Interview im ‚Völkischen Beobachter’, dass er es geschafft habe die Arbeitslosigkeit abzuschaffen. Er übertrieb, aber hatte nicht ganz Unrecht. Die Arbeitslosigkeit in den Niederlanden war so gut wie verschwunden und die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in Deutschland – welche nach dem Krieg sehr wohl als Grund angegeben wurden – spielten kaum eine Rolle. Diejenigen, die in dieser Phase der Besatzung nach Deutschland gingen um zu arbeiten, taten das größtenteils freiwillig. Da die Devisengrenze durchlässiger wurde, konnten Grenzarbeiter nach dem Mai 1940 ihren Lohn wieder in Gulden umtauschen, was Zehntausende dazu bewog, Arbeit über der Grenze anzunehmen. Eine andere Gruppe zog nach einigem Druck sogar nach Deutschland um.

Alles schien darauf hinzuweisen, dass Deutschland den Krieg gewonnen hatte, und so passte man die Realität dementsprechend an. Das Wachstum von Arbeitsplätzen fand jedoch größtenteils im eigenen Land statt. Ab Juni 1940 bis Herbst 1941 kennzeichnete sich die Wirtschaft durch ein Wachstum aus, welches als Folge von deutschen Befehlen zu Stande kam, jedoch größtenteils aus der niederländischen Staatskasse bezahlt oder monetär finanziert wurde. Die Besatzer gaben der Wirtschaft einen kräftigen keynesianischen Impuls, was auf kurze Sicht Wachstum verursachte; das Finanzierungsproblem aber wurde auf die Zukunft verschoben.

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Vollzeit 1938-1948
Angaben in Tausend
Land-
wirtschaft
Industrie Dienstleis-
tungssektor
Staat Total Arbeits-
einsatz
Insg. Index
1938 123 856 470 157 1606 8 1614 100
1939 125 908 475 177 1685 13 1698 105
1940 123 904 454 203 1685 74 1759 109
1941 139 987 482 256 1863 134 1997 124
1942 164 915 490 271 1840 254 2094 130
1943 184 830 491 265 1769 376 2145 133
1944 184 759 491 249 1683 383 2066 128
1945 184 689 491 332 1696 - 1696 105
1946 149 968 530 358 2004 - 2004 124
1947 137 1103 588 333 2161 - 2161 134
1948 133 1227 649 354 2362 - 2362 146

Deutsche Besatzer und niederländische Wirtschaft

Warum bekamen die Niederlande in dieser Besatzungperiode soviel mehr Befehle als andere westeuropäische Länder? Die Antwort auf diese Frage gehört nicht zur niederländischen, aber zur deutschen Geschichte:

In Berlin wollten sowohl Göring als auch General Georg Thomas die niederländische Wirtschaft so gut wie möglich für ihre Kriegsanstrengungen und -aufwendungen einsetzen. Um vorzubeugen, dass Seyss-Inquart dies verwehren könnte, schlossen sie einen Monsterverband, wodurch sie in Den Haag bereits ein Büro hatten (eine Rüstungsinspektion) bevor Seyss eintraf. Seyss-Inquart hatte den Auftrag, die germanischen Niederlande für eine Zusammenarbeit mit Deutschland zu gewinnen. Natürlich konnte er dabei keine plündernden Berliner Machthaber gebrauchen. Um das trojanische Pferd von Göring und Thomas unschädlich zu machen, musste er selbst die Wirtschaft zugunsten Deutschlands einsetzen, ohne sich dabei gegen die Niederländer zu stellen. Dazu setzte er die Zentralstelle für Öffentliche Aufträge ein. Eine Organisation, die Aufträge welche die deutsche Industrie nicht bewältigen konnte, in die Niederlande durchschleuste. Die Auftragsverlagerung wurde so ein Erfolg, dass Göring Zentralauftragstellen in Brüssel und Paris organisieren sollte.

Vorräte und Wiederaufnahme des Betriebes

Dass diese Politik in den Niederlanden erfolgreich war, lag nicht allein an der deutschen Seite. In den Niederlanden wurden im Rahmen der Kriegsvorbereitungen enorme Vorräte angelegt. Ziel war es, die Wirtschaft in Gang zu halten und die Armee in den Monaten in welchen sie sich gegen das deutsche Heer verteidigten, mit Vorräten beliefern zu können. London hatte bereits im Mai 1940 darauf hingewiesen, dass umfangreiche Grundstoffvorräte den Deutschen in die Karten spielen würden. Und tatsächlich erlitten die Deutschen beim Einfall große Verluste an Vorräten, worunter auch eine solche Menge an Erdöl zählte, mit der das ganze Reich und die Armee 100 Tage lang hätte versorgt werden können.

Neben den Vorräten spielte eine Rolle, dass 1940 viele Unternehmer ihren Betrieb wieder aufnehmen wollten. Das die Wirtschaft hiermit lockerer umging als in Belgien, hatte außer mit den Erfahrungen von 1914-1918, mit der Tatsache zu tun, dass Familienbetriebe in den Niederlanden dominierten. Überall waren relativ kleine Unternehmer (besonders im Hinblick auf ihre Konkurrenten) beängstigt Befehle zu verweigern. Was sollte aus ihren Betrieben werden, wenn sie Befehle verweigerten, während ihre Konkurrenten sie ohne Skrupel ausführten. Dieses ‚Prisoners Dilemma’ machte eine prinzipielle Haltung unmöglich. In Belgien beschlossen einige Leiter von Holdings in gemeinsamer Absprache, welche Befehle sie ausführen, und welche sie nicht ausführen wollten. Eine Haltung wie die der Niederlande wurde nur im Textilsektor wahrgenommen, eine Branche, in der genau wie in den Niederlanden, der Familienbetrieb dominant war.

Schließlich hatte die niederländische Vorkriegsregierung Lebensmittelversorgung und deren Distribution vorbildhaft vorbereitet. Die Landwirtschaft wurde planmäßig von einem Sektor der importierte Grundstoffe umsetzte in Exportprodukte, zu einer basislebensmittelproduzierenden Branche, die auf den Hausmarkt ausgerichteten war transformiert. Anders als in Belgien und Frankreich, waren darum bis 1944 viele Klagen über wenig Fleisch und Fett zu hören, aber niemand erlitt einen starken Mangel. Im Gegenteil, die nach Schätzungen 1,5 Millionen Menschen der Familien in denen der Mann vor 1940 arbeitslos war, erging es sogar besser. Natürlich gab es Beschwerden über die Rationen, aber die kamen aus dem bürgerlichen Milieu, wo man an fette und reichhaltige Speisen gewöhnt war.

Produktion (BIP), Netto Nationaleinkommen und verfügbares Nationaleinkommen
Nationaleinkommen nach Entnahme durch die Besatzer (in Millionen Gulden)

BIP Netto Nationaleinkommen Verfügbares Nationaleinkommen Index
1938 5709 6017 6019 100
1939 6098 6389 6390 106
1940 6045 6011 5603 93
1941 6118 6099 4960 82
1942 5579 5597 3391 56
1943 5507 5565 3012 50
1944 4991 5040 2907 48
1945 4890 4940 4549 76
1946 5960 6022 6022 100
1947 6672 6710 6710 111
1948 7330 7351 7351 122

1942 – die Situation spitzt sich zu

Bis 1942 verursachte das Wachstum mehr Arbeitsplätze und hohe Gewinne. Auch die Investitionen in die Industrie, die nach 1929 zum erliegen kamen, kamen wieder in Gang. Die Besatzung war nur wenig Willkommen, aber das Leben ging trotzdem weiter. Viel mehr als sich auszuweinen und den Betrieb wieder aufzunehmen, konnte man eh nicht machen. Die Außenwelt war ungerecht, aber die häuslichen Umstände waren noch vertretbar. In den Niederlanden kam es oft vor, dass sich Menschen von der Außenwelt abriegelten und sich in ihre Privatsphäre zurückzogen. Die materielle Versorgung, und damit die privaten Umstände, waren dermaßen gesichert, dass es wenig Anlass zum Widerstand gab.

Erst 1942 änderte sich das. Mit der Einstellung von Albert Speer ging die materielle Versorgung in dem besetzten Gebiet deutlich zurück. Durch die Weise, wie dieser die Wirtschaft, auch die der besetzten Gebiete leitete, waren es nicht mehr die deutschen Autoritäten in Den Haag die das sagen hatten, stattdessen schwenkte nun Berlin das Zepter. Die Entscheidungsmacht über die Wirtschaft bewegte sich fort von einem Amtsträger der für Ruhe und dem Zuspruch der Bevölkerung sorgen musste, zu einem Amtsinhaber, der den maximale Beitrag vom besetzen Land an die Deutschen Kriegsaufwendungen wollte. Zwar blieb die Lebensmittelversorgung angemessen, aber dadurch dass die Besatzer nun alle Produktion welche nicht notwendig war für die Instandhaltung des Zusammenleben im Land (sowie solche, die nicht damit verbunden war) entzogen wurde, ging die materielle Versorgung heftig zurück.

Arbeitern zwischen 18 und 45 Jahren, die nicht nachweislich in den Niederlanden nötig waren, wurde mit Arbeitseinsatz in Deutschland gedroht. Ein Land, in welchem die alliierten Bombenwerfer, die man nahezu täglich über die Niederlande fliegen sah, hingingen. Es gab noch kaum jemanden der in dieses Land, geschweige denn seinen Sohn, Bruder oder Mann dorthin gehen lassen wollte. Viele tauchten unter wodurch der Auszug von 240.000 Mann nach Deutschland zu einem Verlust an schätzungsweise 500.000 Arbeitskräften führte.

Das Bruttoinlandsprodukt, welches sich 1941 noch 7% über dem Niveau von 1938 befand, sank 1942 einige Prozente unter dieses Niveau. Das Nationale Einkommen, dass durch das Wegfallen der Kolonien und der amerikanischen Kapitalanlagen bereits 1941 auf dem Niveau von 1938 verharrte, viel nun 7% darunter. Hinzu kam noch, dass die Besatzer große Teile der Produktion mitnahmen, sodass das verfügbare nationale Einkommen bereits 1941 18% unter den Wert von1938 sank. Durch ein stark progressives Steuersystem und das schon vor dem Krieg angekündigte Kindergeld, wurde dieser Schlag aufgefangen. 1942 sank das nationale Einkommen jedoch um 56% von 1938 und 1943 um 50%. Die Produktion blieb relativ betrachtet auf dem gleichen Niveau, aber die Besatzer nahmen immer mehr mit.

Ab 1942 veränderte sich das Verhältnis zwischen Niederländern und den Besatzern. Einerseits spielte die erste große alliierte Offensive dabei eine große Rolle, darüber hinaus wurde die Besatzung nun für jede Familie bedrohlich. Männer konnten für Arbeit in Deutschland abberufen werden und fühlten sich dementsprechend stark bedroht. Außerdem entstanden auf dem Gebiet von Kleidung, Schuhen, Brennstoff und Wohnungen große Defizite. Das Schlimmste war jedoch der Mangel an Seife, wodurch die hygienische Situation unter ein akzeptables Niveau sank. Ab 1942 nahm die Besatzung auch für den nicht-jüdischen Teil der Bevölkerung eine unangenehme Wendung. Auf- und Widerstände nahmen nun zu.

Hungerswinter, Ausbeutung und Terror

Wirklich lebensbedrohlich wurde die Situation 1944. Damals missglückte der alliierte Einfall bei Arnhem, wodurch der verstädterte Westen vom Land isoliert wurde. Die Bevölkerung ging einem Winter von Hunger und Kälte entgegen. Der Verteilerapparat schien hiergegen nicht Stand halten zu können, sodass man Nahrungsmittel nur noch erhielt, indem man bei Bauernhöfen Kartoffeln und Zuckerrüben zu Wucherpreisen kaufen musste.

Da der Besatzer jegliche Autorität verloren hatte, konnte er sich nur noch durch Terrormaßnahmen behaupten. In jeder niederländischen Stadt trifft man heute auf Monumente, mit welchen daran erinnert werden soll, wie im Winter 1944-1945 Widerständler oder sogar nur zufällig in der Gegend herumstehende Bürger ohne eine Form von Prozess exekutiert wurden. Die Erinnerungen an diese Monate hat das Bild vom Zweiten Weltkrieg lange Zeit bestimmt. Nichtsdestotrotz war nach der Befreiung die Situation wieder recht schnell in Ordnung. Die großen Investitionen in den Jahren 1940 bis 1942 spielten hierbei eine große Rolle. Anders als meistens gedacht, war die industrielle Kapazität, trotz der deutschen Plünderungen, gewachsen.

Autor: Hein A.M. Klemann
Erstellt: 2007