XI. Rezension II

Das Buch „Het Geval Calmeyer“ hat die Persönlichkeit Hans Calmeyers entgegen der erklärten Absicht der Autorin völlig verfehlt. Das bemerkt der Rezensent Harald Fühner vor allem deshalb nicht, weil er genau wie die Buch-Autorin selbst keinen ausreichenden Zugang zur Person gesucht hat. Der indes wäre allein schon durch den umfänglichen Nachlass Calmeyers im Staatsarchiv Osnabrück zu finden. Die historische Wahrheit über Personen lässt sich allein aus Verwaltungsakten mit Sicherheit nicht ermitteln.

Calmeyer war seit 1923 „Anti-Nazi der ersten Stunde“. Seine politischen Sympathien galten der USPD. Einer seiner zeitweise engsten Freunde, der Jurist Wilhelm Rosebrock (von den Briten 1945 in leitende Position der Stadtverwaltung berufen), kennzeichnete ihn als der äußeren Erscheinung nach „tiptop bürgerlich“ – unter dieser Schale aber habe „ein linker Revoluzzer“ gesteckt. Nähere Verwandte sahen in ihm – zu Unrecht – einen „Salonbolschewisten“. In seiner Haager Zeit hatte er durch Kunrat von Hammerstein gewissen Kontakt sogar zu den Offizieren des 20. Juli 1944 (siehe Von Hammerstein 1963: „Spähtrupp“). Einen solchen Mann als „politisch indifferent“ zu beurteilen, ist so absurd, als wollte man eine Ikone des niederländischen Widerstands wie Hanni Schaft für unpolitisch erklären.

Geraldien von Frijtag Drabbe Künzel begeht durchgehend den schweren methodischen Fehler, Ulrich Herberts vielfach durchaus fruchtbare heuristische Hypothese von der „Kriegsjugendgeneration“ – den zwischen 1900 und 1910 geborenen Männern – als All-Satz misszuverstehen. Sie betrachtet gleichaltrige Bekannte Calmeyers (Westerkamp, Schweling, Larenz) und schließt von deren NS-Karrieren unzulässig auf Calmeyer selbst zurück. Ihren derart verengten „Tunnelblick“ wähnt sie dann immer wieder dadurch bestätigt zu finden, dass Calmeyer sich in den Akten des „Reichskommissariats“ dienstlich tatsächlich des rassistischen offiziellen NS-Jargons bedient hat. Wie naiv muss man denn aber eigentlich sein, um hier etwas anderes zu erwarten? Dass sie zudem öffentlichen Protest Calmeyers gegen die NS-Politik vermisst, zeugt von grober Unkenntnis der damaligen Herrschaftsverhältnisse.

Der Calmeyer als Verhaltensmotiv unterstellte „Geltungsdrang“ ist reines Phantasieprodukt bzw. beruht auf Wunschdenken, nicht auf Tatsachen. Calmeyer ist von allen, die ihn persönlich gekannt haben, übereinstimmend als zurückhaltend, persönlich sehr bescheiden und von ganz leiser Autorität erlebt worden.

Von Harald Fühners unkritischer Besprechung gilt leider dasselbe wie für das von ihm viel zu naiv rezipierte Buch der Geraldien von Frijtag Drabbe Künzel: viel Vergangenheitspolitik – wenig redliche Historiographie. Ein so großartiger Mensch wie Hans Calmeyer hat dergleichen nicht verdient – da stimme ich wiederum mit Ruth van Galen und ihrer Calmeyer-Biographie völlig überein.

Autor: Peter Niebaum
Erstellt: April 2012