XI. Rezension I

Mehrere ausführliche Publikationen wurden in den letzten Jahren dem Wirken des Osnabrücker Rechtsanwalts Hans Calmeyer in den Niederlanden gewidmet. Calmeyer, zunächst als Soldat in einer aktiven Luftnachrichtenkompanie ins Land gekommen, war im März 1941 zur zivilen Besatzungsverwaltung delegiert worden. Dort entschied er insbesondere darüber, ob Einzelpersonen gemäß nationalsozialistischen Rechts- und „Rassekriterien“ als Juden einzuordnen waren oder nicht. Die Notwendigkeit hierzu ergab sich insbesondere dann, wenn die Personen zunächst angegeben hatten, von jüdischen Vorfahren abzustammen, angesichts des steigenden Verfolgungsdrucks dann aber einen günstigeren Status erreichen wollten. Die Beschlüsse Calmeyers bedeuteten für die Betroffenen faktisch eine Entscheidung über Leben oder Tod. Der Jurist spielte jedoch nicht allein bei der Anwendung des Judenrechts in den Niederlanden eine herausragende Rolle, sondern wirkte auch an dessen Ausgestaltung wesentlich mit: So hatte er Anteil an der (verwaltungs-)rechtlichen Definition des Begriffe „Jude“ und schuf sich sein Arbeitsgebiet in gewissem Maße selbst, indem er sich für eine Ausweitung der Widerspruchsmöglichkeiten gegen die rassischen Einordnungen einsetzte.

Die bisher zum Wirken Calmeyers publizierten Studien wurden von moralisch gefärbten Fragestellungen dominiert. Rettete Calmeyer tatsächlich, so wie er selbst nach Ende des Krieges behauptete, durch seine Tätigkeit Tausenden von Juden das Leben? Oder war er lediglich ein Legalist, der für die Angleichung der rechtlichen Verhältnisse in Deutschland und den Niederlanden eintrat und ein funktionierendes Rädchen in der deutschen Besatzungshierarchie darstellte? War er also gut oder böse, „ein Schindler oder ein Schwindler“, wie es der Jurist Mathias Middelberg ausgedrückt hat? Beide Positionen wurden noch in den letzten Jahren vertreten, die Calmeyer-freundliche in einer 2005 erschienenen Studie Middelbergs,  die kritische 2007 in einer Publikation des Historikers Coen Stuldreher.  Auch Geraldien von Frijtag Drabbe Künzel hat bereits eher in die Diskussion um den "Fall Calmeyer" eingegriffen, nämlich im Jahr 2000 mit einem Gutachten im Auftrag der Stadt Osnabrück. Hierin nahm sie eine Mittelposition ein: Sie erklärte, dass es zwar unzweifelhaft falsche Abstammungsentscheidungen gegeben habe. Doch sei es nicht zulässig, hieraus eine entsprechende Absicht Calmeyers zu folgern.

Nun also greift von Frijtag Drabbe Künzel mit einer umfangreichen Studie erneut in die Diskussion um Hans Calmeyer ein – in Folge einer entsprechenden Initiative von Marianne Willems-Hendrix. Sie, die ihr Leben einer günstigen Entscheidung Calmeyers zu verdanken hatte, stellte dem renommierten Nederlands Instituut voor Oorlogsdocumentatie (Niederländisches Institut für Kriegsdokumentation, NIOD) die notwendigen Mittel für eine nähere Untersuchung der Rolle Calmeyers zur Verfügung, und das NIOD beauftragte von Frijtag Drabbe Künzel mit der Realisierung. Die Autorin sieht ihr Ziel darin, Calmeyers Leben und Wirken aus einer anderen, möglichst wenig moralisch aufgeladenen Perspektive zu betrachten. Das Ergebnis ihrer Forschungen nennt sie eine „kontextuelle Biographie“ (S. 15). Der Leser habe keine Lebensbeschreibung im klassischen Sinne zu erwarten. Denn ihre Studie umfasse zwar den gesamten Zeitraum von der Geburt bis zum Tode Calmeyers (1903–1972), doch sei der Schwerpunkt eindeutig der „dramatischen Periode“ zwischen 1941 und 1945 gewidmet. Tatsächlich nimmt die Untersuchung der Tätigkeiten Calmeyers in der zivilen Besatzungsverwaltung drei der sechs Kapitel des Buches in Beschlag (S. 77–207). Diesem Hauptteil geht eine Darstellung zu Calmeyers Leben in Deutschland bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges (S. 17–58) und zu seiner Zeit als Soldat in den besetzten Niederlanden zwischen Mai 1940 und Februar 1941  (S. 59–76) voraus. Ihm folgt ein Kapitel zu Calmeyers Leben nach dem Ende des Krieges, in dem vor allem sein Umgang mit der eigenen Vergangenheit thematisiert wird (S. 209–259). Ein Epilog schließlich ist vor allem den Interpretationen anderer Personen zu Calmeyers Rolle gewidmet (S. 261–274).

Der Begriff „kontextuelle Biographie“ soll offensichtlich darauf verweisen, dass stärker noch als in einer traditionellen Lebensbeschreibung üblich das Umfeld beleuchtet wird, in dem sich Calmeyer bewegte. Für ihre Untersuchung hat von Frijtag Drabbe Künzel eine Vielzahl deutscher und niederländischer Archive zu Rate gezogen. Aber auch bisher unberücksichtigtes Material der israelischen Forschungs- und Erinnerungsstätte Yad Vashem (wo Calmeyer seit 1992 als „Gerechter unter den Nationen“ geehrt wird) findet Verwendung, um die Diskussionen über die Rolle Calmeyers umfassend nachzuzeichnen. Speziell in der Schilderung der Kriegsjahre erwirbt von Frijtag Drabbe Künzel ihre größten Verdienste. In bisher nicht erreichter Detailliertheit stellt sie nicht nur die Arbeit Calmeyers im Reichskommissariat in ihrer vollen Bandbreite dar, sondern z.B. auch das Wirken der Anwälte, die versuchten, für jüdische Klienten die Zuerkennung eines günstigeren Rechtsstatus zu erreichen. Weitere Untersuchungen werden es schwer haben, dem hier Ausgeführten wesentliche Fakten hinzuzufügen.

Als schwieriges Unterfangen erweist sich der Versuch einer Darstellung von Calmeyers Kindheit, Jugend und Adoleszenz. Zu schmal ist offensichtlich das hier zur Verfügung stehende Quellenmaterial. So behilft sich die Autorin mit allgemeinen Ausführungen etwa zur politisch-gesellschaftlichen Atmosphäre in Preußen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert (deren Gültigkeit für das Leben in Calmeyers Heimatstadt Osnabrück bereits mit Einschränkungen zu versehen ist) oder zur Jugendbewegung während der Weimarer Republik. Diese Ausführungen entsprechen zugleich dem Bemühen um Kontextualisierung. Unmittelbare Rückübertragungen auf das Leben Hans Calmeyers und seiner Familie verbieten sich jedoch, und so finden sich im ersten Kapitel häufig vage Aussagen und Vermutungen, gekennzeichnet durch das Wort „vielleicht“. Das Kapitel zu Calmeyers Leben nach dem Krieg wiederum hätte ein wenig breiter angelegt werden können. Auch wenn es von Frijtag Drabbe Künzel nicht darum geht, eine traditionelle, „vollständige“ Lebensbeschreibung vorzulegen, steht es doch allzu massiv im Schatten der Besatzungsvergangenheit.

Der zusammenfassenden Analyse wird, neben den bereits erwähnten Interpretationen anderer zur Rolle Calmeyers während der Besatzungszeit,  im Epilog Platz eingeräumt. So stellt von Frijtag Drabbe Künzel fest, Calmeyers besondere Eignung für seine Position im Besatzungsapparat habe gerade in seiner politischen Gleichgültigkeit bestanden (S. 268). Die Tatsache, dass er kein typischer Vertreter der „neuen Ordnung“ und kein fanatischer Judenhasser gewesen sei, habe seinen Umgang mit den niederländischen Spitzenbeamten und somit die Realisierung von Maßnahmen zur Registrierung der Juden wesentlich vereinfacht. Denn beide Parteien seien es gewohnt gewesen, im Gespräch einen modus vivendi zu finden und sich an die Umstände anzupassen. Zugleich habe Calmeyer die Niederlande lange Zeit als „Fluchthafen“ betrachtet, als Möglichkeit, die unruhigen Zeiten des Krieges auf einer Insel der relativen Ruhe zu überstehen (S. 271). Den Preis habe er dann nach dem Krieg bezahlt, indem ihn die Frage einer persönlichen Schuld nicht mehr losgelassen habe. Weitere Feststellungen bestätigen das, was andere Studien bereits eher gezeigt haben: zum einen die Unberechenbarkeit Calmeyers in seinen Entscheidungen, für die auch im Nachhinein keine wirklich rationale Erklärung zu finden ist, zum anderen die Tatsache, dass aus Führerprinzip und Führungschaos die Möglichkeit für den einzelnen (hier Calmeyer) resultierte, seine Rolle wesentlich eigenständiger auszugestalten, als es der Rang in der Hierarchie eigentlich erwarten ließ (S. 269).

In der neuen Calmeyer-Studie lassen sich also durchaus originelle Schlüsse finden, aber sie hätten eine breitere Fundierung und eine wesentlich prominentere Rolle verdient gehabt. Die detaillierte Faktenpräsentation, oben als Verdienst der Studie bezeichnet, erweist sich zugleich als Problem. Denn im Hauptteil der Untersuchung bleibt von Frijtag Drabbe Künzel, auch bei der Darstellung der Kriegsjahre, zu sehr auf der Stufe des Deskriptiven stehen. Die Frage nach Gut oder Böse wird leider nicht durch eine andere, deutlich formulierte wissenschaftlich-analytische Fragestellung ersetzt. (Vollkommen entkommt die Autorin der moralischen Diskussion übrigens nicht. Auch wenn sie die fehlende offene Auflehnung Calmeyers gegen die Judenverfolgung und die Unberechenbarkeit seiner Entscheidungen hervorhebt, wird deutlich, dass von Frijtag Drabbe Künzel in ihrer Beurteilung Mathias Middelberg näher steht als Coen Stuldreher.) Aufgrund der nicht ausreichend analytischen Struktur im Hauptteil erscheinen die Schlüsse im Epilog nicht stark genug unterbaut und somit zu isoliert.

Insgesamt ergibt sich der Eindruck einer Studie, deren Verdienste um die weitere Aufklärung des Wirkens Hans Calmeyers unzweifelhaft sind, die aber auch einige Wünsche offen lässt. Dies liegt vor allem am grundlegenden Konzept. Der Versuch, entsprechend den bereits vor beinahe dreißig Jahren eingeleiteten Tendenzen der Historiographie das überkommene Analyseschema von Gut und Böse zu überwinden, kann auch für den Fall Calmeyer zu neuen Erkenntnissen führen. Hierzu bräuchte es jedoch klarere analytische Fragestellungen. Letztlich stellt sich sogar die Frage, ob nicht generell der Forschungsansatz weiter gefasst werden müsste, um zugleich das Wirken Calmeyers an sich (wie auch die ihm zugrunde liegenden Intentionen) und seine Funktion innerhalb der Besatzungsverwaltung adäquat untersuchen zu können – ein Einwand, der am wenigsten die Autorin trifft, denn wie bereits erwähnt hat sie den Auftrag einer biographischen Untersuchung zum Fall Calmeyer nicht selbst formuliert, sondern lediglich ausgeführt.

Autor: Dr. Harald Fühner
Erstellt: Oktober 2008