III. Kultur: Verschmelzung und Abgrenzung

Kreolisierung: Mitgewanderte Traditionen im Wandel

In der Neuen Welt entstand eine neue Kultur aus den mitgebrachten Traditionen der verschiedenen Einwanderergruppen, eine Mischkultur. In Surinam war bereits die kleine europäischstämmige Elite, die zu Beginn der Kolonialzeit im Handel tätig war und die Plantagenwirtschaft aufbaute, multikulturell und multireligiös. Auf den ABC-Inseln wurde der Baustil von Stadtplanung und Architektur der portugiesischen und spanischen Kolonialstädten beeinflusst. Zu den europäischen Einwanderern und ihrem kulturellem Erbe kamen die anderen unfreiwilligen Einwanderer mit ihrem kulturellen Gepäck, die Sklaven aus Westafrika seit dem 17. Jahrhundert und gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Kontraktarbeiter aus den damaligen Kolonien Britisch-Indien und Niederländisch-Ostindien. Schon früh war der Begriff „kreolisch“ im Umlauf.

Was meint "Kreolisierung"?

Am Anfang bezeichnete dieser Begriff die in einer Kolonie geborenen Menschen. In der Karibik wurden auch Kinder aus Beziehungen zwischen Afroamerikanerinnen und Europäern creole genannt. Schon im 19. Jahrhundert wurde die afrikanischstämmige Bevölkerungsgruppe in Surinam als Kreolen kategorisiert. Heute meint der Begriff „Kreolisierung“ allgemein den sozialen Prozess des kulturellen Austauschs, von dem Sprache und Literatur, Essen und Trinken, Kleidung und Wohnen sowie die sozialen Beziehungen beeinflusst werden. Erst neuerdings wird der Prozess der Kreolisierung als gegenseitiger Austausch verstanden und nicht allein als Anpassung an eine dominante Kultur, im Fall der Karibik die europäische.

Unterscheidung von Innen und Außen

Typisch für den Prozess der Kreolisierung ist die Unterscheidung von Innen und Außen. Ein Beispiel dafür ist die Religion. Die Sklaven in Surinam wurde christianisiert, übten gleichzeitig aber die zu Kolonialzeiten verbotene afro-surinamesische Religion Winti aus. Zum Christentum bekannten sie sich im Kontakt mit der europäisch geprägten Öffentlichkeit, im geheimen praktizierten sie Winti. Am Anfang ermöglichte diese Trennung der beiden Welten den verschiedenen Sklavengemeinschaften, sich ein eigenes Universum zu schaffen und eine kollektive Identität auszubilden. Eine wichtige Funktion hatte dabei auch die mündlich weitergegebene Literatur, zum Beispiel die Geschichten von Anansi, dem Spinnenmenschen. Im Lauf der Zeit konnten sich auf dieser Basis eine allgemeine offene kreolische Kultur entwickeln, obwohl die Sklaven ursprünglich aus verschiedenen Kulturregionen Afrikas kamen.

Winti

Im Zentrum der afro-surinamesischen bzw. afro-karibischen Religion Winti steht der Glauben an personifizierte übernatürliche Wesen. Es gibt Götter und Geister, die das Schicksal des Universums bestimmen. Diese können von einem Menschen Besitz ergreifen und sein Bewusstsein ausschalten, wonach sie gleichzeitig die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft entfalten. So sind sie in der Lage, Krankheiten mit übernatürlichem Ursprung entweder herbeizuführen oder zu heilen. Als Religion ist Winti einzigartig in Amerika, weil sie anders als Vodoo auf Haiti, Santeria in Kuba und Candomble und Macumba in Brasilien keine christlichen Elemente übernommen hat.

Über diesen weiten kulturellen Aspekt hinaus wird der Begriff Kreolisierung in der Sprachwissenschaft speziell auf die neuen Sprachen bezogen, die aus der Vermischung zweier oder mehrerer bestehender Sprachen entstanden sind. In der niederländisch beherrschten Karibik bildete sich auf den ABC-Inseln das Papiamento heraus, in Surinam das Sranan. Im 20. Jahrhundert wurden beide kreolischen Sprachen auch Schriftsprachen. Mit dieser emanzipatorischen Entwicklung hat vor allem in Surinam eine Debatte über die kulturelle Dynamik von Sprache und Literatur und die Neubewertung der kreolischen Identität eingesetzt.

Papiamento

Papiamento ist eine kreolische Sprache, die auf den ABC-Inseln aus der Vermischung der europäischen Sprachen Spanisch, Portugiesisch, Niederländisch mit den afrikanischen Sprachen der Sklaven entstanden ist. Heute ist Papiamento die Umgangssprache auf Aruba, Bonaire und Curaçao, wird wegen der Arbeitsmigration aber auch auf den SSS-Inseln gebraucht. Zusammengenommen sprechen ungefähr 200.000 Menschen Papiamento. Im 20. Jahrhundert wurde das Kreol auch zur Schriftsprache und damit gesellschaftlich aufgewertet. Auf den ABC-Inseln erscheinen nicht nur Zeitungen in Papiamento, auch Radiostationen und Fernsehkanäle senden in dieser Sprache. Seit 1970 hat Papiamento offiziellen Status in den ersten beiden Grundschulklassen. Auf der Privatschule Kollegio Erasmo, die vom Schriftsteller Frank Martinus Arion gegründet wurde, erfolgt der gesamte Grundschulunterricht in Papiamento. Daraus entwickelte sich auch eine politische Dimension: Papiamento wird in den Versammlungen des Inselrats verwendet.

Unterschiedliche Gemeinschaften, unterschiedlicher Alltag

2005 waren von der 438.0000 Menschen zählenden Bevölkerung Surinams 37 Prozent der Einwohner Hindustani, 31 Prozent Kreolen, 15 Prozent Javaner, 10 Prozent Marrons, 2 Prozent Indianer, 2 Prozent Chinesen, 1 Prozent Europäer und 2 Prozent andere. Einerseits haben die verschiedenen Bevölkerungsgruppen an der kreolischen Kultur teil – sinnfälliges Beispiel ist das kreolische Sranan, das als Kontaktsprache zwischen den Stadtbewohnern an der Küste und Zugereisten aus dem Landesinneren dient. Andererseits hat Surinam mit den Integrationsproblemen einer multikulturellen Gesellschaft zu kämpfen.

Sranan

Sranan (auch Sranantonga, Taki-taki oder Nigre-tongo) hat sich in der Anfangszeit von Plantagenwirtschaft und Sklaverei in Surinam als Kontaktsprache zwischen Europäern und Afrikanern entwickelt. Heute ist Sranan die lingua franca zwischen allen Bevölkerungsgruppen Surinams und die Muttersprache von ungefähr 120.000 Menschen. Sranan basiert deutlich auf dem Englischen. Man unterscheidet verschiedene Entlehnungsschichten; in der ältesten findet man Wörter afrikanischer, portugiesischer und englischer Herkunft, während der niederländische Einfluss aus späterer Zeit stammt. Der Wortschatz stammt zu großen Teilen aus den europäischen Sprachen, für die Grammatik aber findet man eher Anknüpfungspunkte in westafrikanischen Sprachen. Weil die Kultur der Sklaven von mündlichen Traditionen geprägt war, gibt es in Sranan einen großen Schatz an Liedern, Märchen und Sprichwörtern. Während des Zweiten Weltkriegs emanzipierte Sranan sich von der niederländischen Kultur. Zum einen war das Land von 1940 bis 1945 von den Niederlanden abgeschnitten, zum anderen führte die Bauxitgewinnung für die Aluminiumproduktion der USA zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, so dass die eigene Kultur und Sprache mit einem neuen Selbstbewusstsein betrachtet wurden. In dieser Zeit entwarf J. G. A. Koenders ein Rechtschreibsystem für Sranan und eine Gruppe kreolischer Intellektueller gründete den Verein Wie Eegie Sanie (Unsere eigenen Dinge). Ein Schwerpunkt der schriftstellerischen Tradition in Sranan, die um das Jahr 1945 begann, liegt auf der Lyrik. Das Prestige einer europäischen Sprache hat Sranan aber bis heute nicht erreicht.

Ursache: Koloniale Vergangenheit

Manche der gesellschaftlichen Reibungsflächen haben tiefe Wurzeln in der kolonialen Vergangenheit. Im Lauf des 18. Jahrhunderts entwickelten sich aus den Gruppen entflohener Sklaven sechs verschiedene Marron-Gesellschaften: Ndyuka, Saramaka, Matawai, Paramaka, Aluku und Kwinti. Fernab der Plantagen bildeten die sechs Gemeinschaften im Lauf des 19. Jahrhunderts jeweils eine eigene Kultur mit Unterschieden in Sprache und Kleidung aus. Wirtschaftlich waren sie jedoch nicht vollkommen von der dichter besiedelten Küstenregion isoliert, weil sie von dort bestimmte Güter wie Stoffe, Töpfe, Äxte und Gewehre bezogen.

Gegenwart: Wohlstands- und Bildungsgefälle

In der Gegenwart bestimmt ein großes Wohlstands- und Bildungsgefälle die Beziehungen zwischen der politisch dominanten kreolisch-asiatischen Bevölkerung an der Küste und den schätzungsweise 30.000 Marrons und Indianern im Landesinneren. Surinam ist der einzige Staat in Südamerika, der die Landrechte der indigenen Völker auf deren seit Jahrhunderten angestammten Gebiete nicht anerkennt. Das Binnenland gilt als Staatseigentum, so dass Indianer und Marrons ihr Land höchstens pachten können. Wenn dort Rohstoffe wie Gold oder Holz gewonnen werden sollen, können sie vertrieben werden. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1992 stiegen die Aktivitäten in Bergbau und Forstwirtschaft sprunghaft an, weil der Staat gut an den Konzessionen dafür verdient. Außerdem sind mittlerweile 30.000 illegale Goldsucher in die Amazonasregion eingedrungen, die das Wasser mit hochgiftigem Quecksilber verseuchen.

Sofern die Regierung in Paramaribo die Gewinne abschöpft, fließen diese nicht ins Landesinnere zurück. Darunter leidet vor allem das Bildungswesen. Oft sind an den Grundschulen im Urwald schlecht ausgebildete LehrerInnen tätig, die in der Küstenregion gar nicht unterrichten dürften. In den Städten wiederum gibt es an den weiterführenden Schulen keine Internate für die Kinder aus dem Binnenland. Darum orientieren sich viele Marron-Familien entlang der Grenze nach Französisch-Guayana.

Schule und Ausbildung auf niederländisch

Trotz der Dekolonisierung im 20. Jahrhundert bleibt Niederländisch Amtssprache sowohl in Surinam als auch auf Aruba und den Niederländischen Antillen. Das betrifft nicht nur die Politik und das Rechtssystem, sondern auch das Bildungswesen.

Das war nicht immer so: In Surinam beispielsweise wurde das Bildungswesen erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts zentralisiert und auf das Niederländische zugeschnitten. Bis 1876 lag die Grundschulbildung größtenteils in der Hand von Herrnhuter und katholischen Missionaren, die in der kreolischen Sprache Sranan, einer indianischen oder einer Marron-Sprache unterrichteten. Dann wurde die allgemeine Schulpflicht für Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren eingeführt und Niederländisch zu einzigen Schulsprache erhoben. Davon ausgenommen waren noch die Kinder der asiatischen Kontraktarbeiter, die zunächst eine Art Gastarbeiterstatus hatten. Sie wurden von 1890 bis 1907 in sogenannten coolie-Schulen unterrichtet. Danach sollten alle Kinder ihre Grundschulbildung in Niederländisch erhalten.

Vor- und Nachteile der Beibehaltung des Niederländischen

Für die Beibehaltung des Niederländischen spricht, dass weder die Universiteit van de Nederlandse Antillen auf Curaçao noch die Universeit van Suriname in Paramaribo den Bildungsbedarf stillen. Mit soliden Sprachkenntnissen können junge Antillianer und Surinamesen besser einen Studienplatz in den Niederlanden finden.

Gegen die Beibehaltung des Niederländischen spricht, das in den Schulen Surinams heute noch niederländisches Lehrmaterial verwendet wird, das nicht an die Bedürfnisse der dortigen SchülerInnen angepasst ist. Sie werden wie MuttersprachlerInnen unterrichtet, obwohl Niederländisch für sie eine Zweitsprache ist. Bestenfalls können sie Niederländisch sprechen, meistens können sie es nur verstehen, und schlimmstenfalls haben sie vor der Einschulung noch nie Niederländisch gehört.

Anansi aus Westafrika: Geschichten vom Spinnenmensch

Sowohl auf den Niederländischen Antillen als auch in Surinam gibt es die Anansi-tori, die Spinnengeschichten, die auf alten Erzählungen aus Afrika beruhen. Über deren Entstehen sind verschiedene Hypothesen aufgestellt worden: Die Spinne spielt eine Rolle als Totemtier, oder sie symbolisiert in der Mitte ihres Netzes die lebensweckende Sonne und sorgt für Kontakt mit der Überwelt. Oder sie wird als eine Tricksterfigur gesehen, also eine mythologische Doppelfigur, die den Charakter eines Schelms hat und gleichzeitig den eines göttlichen Betrügers, der vor allem darauf aus ist, sich selbst auf Kosten der Machthaber zu bereichern. Die wichtigste Funktion der Spinnengeschichten bestand lange Zeit im Totenritual. Sie haben aber auch eine wichtige Funktion in der Erziehung und bei der Unterhaltung eingenommen. Es gibt drei verschiedene Arten von Anansi-Geschichten: mit Tieren, mit Menschen, und mit beiden, die so auftreten, als würden sie die Welt, die sie bewohnen, zu gleichen Bedingungen teilen.

Eine Geschichte aus dem Buch „Surinam Folk-lore“ von 1936, in dem die Anthropologen Melville J. und Frances Herskovits auch Anansi-tori wiedergeben:

Der König hatte ein Feld, und darauf wuchs viel Gemüse. Dann hat Ba Anansi das Gemüse gestohlen, das der König gepflanzt hatte. Der König wusste nicht, wer ständig das Gemüse stahl. Als er dann wissen wollte, wer das Gemüse gestohlen hatte, stellte er eine geteerte Vogelscheuche auf. Dann hat Ba Anansi die Vogelscheuche gesehen und dann dachte er, dass dort ein Mensch war. Er sagte: „Du, Junge, was machst du hier?“ Dann antwortete die Vogelscheuche ihm nicht. Dann hat er sie getreten. Dann klebte sein Fuß daran fest. Er sagte: „Lass mich los, oder ich schlage dich!“ Dann blieb auch seine Hand kleben. Er sagte: „Ich trete dich mit dem anderen Fuß!“ Der klebte auch fest. Er schlug mit der anderen Hand zu. Die klebte auch fest. Dann kam der König, um herauszufinden, wer der Dieb war. Der König schlug ihn so lange, bis er acht Füße hatte und ein Kreuz auf dem Rücken.


Kulturelles Erbe unter Denkmalschutz

1997 hat die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) die Innenstadt und den Hafen von Willemstad auf Curaçao in das Weltkulturerbe aufgenommen. Begründung: Die verschiedenen historischen Stadtteile repräsentierten nicht nur die europäische Stadtplanung, sondern auch den niederländischen Baustil sowie denjenigen der spanischen und portugiesischen Kolonialstädte in Lateinamerika, mit denen Willemstad im Handelsaustausch stand. Das europäische koloniale Ensemble sei von herausragendem Wert, weil es das organische Wachstum einer multikulturellen Gemeinschaft über drei Jahrhunderte illustriere.

Das Niederländisch-europäische kulturelle Erbe

Lange Zeit erschien auf den ABC-Inseln nur das niederländisch-europäische kulturelle Erbe erhaltenswert, das sich auf repräsentative Art und Weise materialisiert hatte. Zum Beispiel die Amsterdammer Baukunst mit ihren vielfältigen Giebelformen in Stadtteil Punda von Willemstad, die klassizistischen Bauwerke in Kralendijk, der Hauptstadt Bonaires, oder im ehemals jüdischen Stadtteil Scharloo in Willemstad. Auf Curaçao sorgt sich die 1954 gegründete Stichting Monumentenzorg Curaçao (Stiftung Denkmalpflege Curaçao) um die historische Bausubstanz. Seit 1980 gibt es eine ähnliche Stiftung auf Bonaire.

National Archaeological Anthropological Museum

Erst das National Archaeological Anthropological Museum, 1998 gegründet, verfolgt unter dem Motto Our Cultural Heritage: A Joint Venture (Unser kulturelles Erbe: Ein Gemeinschaftsprojekt) einen weniger europazentrierten Ansatz: Nicht nur spielt die präkolumbianische Zeit in den Sammlungen des Museums eine wichtige Rolle. Die selbständigen anthropologischen Forschungen der Museumstiftung konzentrieren sich auch auf die afro-antillianische Lebenswelt und die Überlieferung der mobilen Alltagsgegenstände und mündlichen Literatur.


Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Januar 2006