V. Integration: Die niederländisch-karibischen Beziehungen

Wirtschaft im Mittelpunkt: Was ist der passende Lebensstandard?

Die Gesellschaften Surinams und der Niederländischen Antillen sind in Bewegung. Auf der Suche nach Ausbildung und Arbeit ziehen Menschen innerhalb Surinams vom Land in die Hauptstadt Paramaribo, innerhalb der Inselwelt ziehen Arbeiter von der Erdölindustrie Curaçaos zurück in den Tourismussektor nach Sint Maarten. Viele Surinamesen und Antillianer suchen ihr Glück als Einwanderer in den Niederlanden, mit dem Ziel, am europäischen Lebensstandard teilzuhaben.

Dabei liegt das Pro-Kopf-Einkommen auf Aruba und den Niederländischen Antillen verglichen mit anderen Ländern der Region recht hoch. Nicht zuletzt wegen der finanziellen Unterstützung durch die Niederlande gehören die Inseln zu den reichsten Ländern der Region, und auch die Infrastruktur ist recht weit entwickelt. Aber fast alle Konsum- und Kapitalgüter müssen aus den USA oder Mexiko importiert werden. Schlechte Böden und eine unzureichende Wasserversorgung behindern die Entwicklung der Landwirtschaft, Budgetprobleme verlangsamen die Reform der Gesundheits- und Pensionssysteme für eine alternde Bevölkerung.

Äußere Faktoren

Industrie und Dienstleistungen sind zudem stark von äußeren Faktoren abhängig. Zum Beispiel führte der Generalstreik in Venezuela 2002 dazu, dass die Erdölraffinerie auf Curaçao, die in einem Leasinggeschäft mit der Regierung in Willemstad von der venezuelanischen Ölgesellschaft PVDSA betrieben wird, zeitweise geschlossen wurde. Ebensowenig ist der Tourismus frei von solchen Belastungen: nach den Anschlägen des 9. September 2001 auf die USA gingen die Besucherzahlen zurück; nach den beiden Hurrikans Luis und Lenny 1994/95 mussten Hotels und Freizeitanlagen auf Sint Maarten erst wieder aufgebaut werden. Auch Entscheidungen wie diejenige der Luftfahrtgesellschaft KLM, die Stopovers auf Lateinamerikaflügen von Curaçao und Aruba nach Bonaire zu verlegen, belasten das wirtschaftliche Gleichgewicht auf den Inseln. Der Ausbau des off-shore financial banking sichert den Regierungen auf Aruba und Curaçao Steuereinnahmen, gerät aber immer wieder in den Geruch von Drogenhandel und Geldwäsche. In der Entwicklungszusammenarbeit haben die strukturellen Anpassungen, wie sie im Rahmen ökonomischer Erholungsprogramme vom Internationalen Währungsfonds (IMF) verlangt wurden, dazu geführt, dass 20 Prozent der Beamten für überflüssig erklärt und entlassen wurden. Außerdem sind die Zukunftsaussichten für Jugendliche sehr schlecht, für sie liegt die Arbeitslosigkeit bei schätzungsweise 40 Prozent.

Wirtschaftslage Surinams

Solche tiefsitzenden strukturellen Probleme gibt es auch in Surinam. Dort kommt hinzu, dass die Wirtschaftsstruktur des Landes sich seit den Kolonialzeiten nicht gewandelt hat. Surinam ist immer noch eine Plantagenökonomie. Zwar befand sich die Landwirtschaft über das 20. Jahrhundert hinweg auf dem Rückzug, aber die tropischen cash crops Zucker und Kaffee wurden einfach vom Bauxit abgelöst, dem Rohstoff für die Aluminiumproduktion. Mit dem Bauxit als wichtigstem Exportprodukt in die Industrieländer bleibt die Wirtschaft abhängig von Angebot und Nachfrage in Europa, den USA und Ostasien. 2005 machte Bauxit 70 Prozent der Exporterlöse und mehr als 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Förderung bzw. Erzeugung von Gold, Holz, Porzellanerde und in den letzten Jahren auch Erdöl verringert diese Abhängigkeit kaum. Gleichzeitig hat der Import von Lebensmitteln und Konsumgütern die Entwicklung des lokalen Gewerbes hin zu einer funktionierenden Industrie behindert. Surinam hat das typische Problem eines kleinen Entwicklungslandes. Mit einer Bevölkerung, die unter 500.000 Menschen liegt, ist der Inlandsmarkt für ausländische Investoren zu klein.

Nicht nur deswegen hat sich die wirtschaftliche Lage in Surinam seit der Unabhängigkeit 1975 verschlechtert. Die politische Instabilität und die Verfolgung der Gegner des Militärregimes in den 1980er Jahren haben zu einer verstärkten Auswanderung und zu einem brain drain geführt, weil viele gut ausgebildete Menschen das Land verlassen haben. So lag die Arbeitslosigkeit 2000 bei 17 Prozent. 2002 lebten 70 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze und ohne Zugang zu Wasser und Strom. 2003 lag die Inflation bei 23 Prozent. Der Kreislauf aus Verarmung und Migration geht weiter: 2005 kamen neun Auswanderer auf 100 Einwohner.

Wenig Gemeinsamkeit: Das Verhältnis der niederländischen Antilleninseln untereinander

Nachdem Aruba 1986 den status aparte erhalten hatte, folgte gleich ein Konflikt um den Luftverkehr zwischen den niederländischen Antilleninseln. Während Aruba eine liberale Politik wünschte, wollte die Regierung in Willemstad die Protektion der Antilliaanse Luchtvaartmaatschappij (Antillianische Luftfahrgesellschaft) aufrechterhalten. Der Streit eskalierte so sehr, dass der Verkehr zwischen den Niederländischen Antillen und Aruba eine Zeit lang eingestellt wurde, ungeachtete der negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Dann beschloss die Regierung Arubas, eine eigene Gesellschaft zu gründen. Seitdem konnten sich die Regierungen darauf einigen, auf wichtigen Gebieten wie Tourismus und Umweltschutz oder Kommunikation zusammenzuarbeiten.

Wirtschaftliche Unterschiede

Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Inseln sind jedoch erheblich. Auf Aruba stiegen die Hotelkapazitäten im Zeitraum von 1985 bis 2005 um das Fünffache und 1993 wurde dort die Erdölraffinerie wieder eröffnet. Die Zahl der Arbeitskräfte ist klein, die Arbeitslosenrate ist außergewöhnlich niedrig und das Pro-Kopf-Einkommen ist eines der höchsten in der Karibik. Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Aspekt: Von den ungefähr 95.000 Einwohnern Arubas hat die überwiegende Mehrheit einen südamerikanischen oder indianischen Hintergrund und unterscheidet sich somit von den afro-karibisch geprägten Gesellschaften der Niederländischen Antillen.

Auch zwischen diesen Inseln bestehen wiederum große wirtschaftliche Unterschiede. Von den rund 700.000 Touristen, die 1989 die Niederländischen Antillen besuchten, entfielen fast 500.000 auf Sint Maarten. 2003 hatte die Wirtschaft von Sint Maarten einen Anteil von 17 Prozent an der gesamten Wirtschaft der Antillen, an zweiter Stelle nach Curaçao mit einem Anteil von 75 Prozent. Im gleichen Jahr verbuchte die kleine Insel 60 Prozent des Übernachtungstourismus, 75 Prozent der Kreuzfahrten sowie 63 Prozent der tourismusbezogenen Deviseneinnahmen für sich.

Beibehaltung der staatlichen Einheit

Schon 1989 forderte die Inselregierung von Sint Maarten auf der Grundlage dieser Wirtschaftskraft eine veränderte Gewichtung der politischen Macht. Sie stellten die dominante Rolle von Curaçao in Frage, die aus der Bevölkerungsmehrheit dort und der traditionellen Machtkonzentration in der Hauptstadt Willemstad resultierte. Dies führte zu einem Referendum über die staatliche Einheit der Inseln untereinander. 1993 stimmte die Mehrheit der Wahlberechtigten auf Curaçao für die Beibehaltung dieser Einheit, denen sich 1994 auch die Mehrheit auf Bonaire, Saba, Sint Eustatius und Sint Maarten anschloss. Willemstad blieb als Regierungszentrum erhalten, weil zu diesem Zeitpunkt ein Gleichgewicht zwischen Zentralismus und Autonomie erreicht war.

Hinzu kam, dass 1994 die neue Partei Partido Antia Restrukturá, die sich für die staatliche Zusammengehörigkeit der Inseln einsetzte, die Wahlen auf Curaçao gewann. Mit den darauf folgenden Reformen festigte sich auf den anderen Inseln der Eindruck, dass in Willemstad die Bereitschaft zu partnerschaftlicher Kooperation wuchs. Nach den Orkanschäden auf Sint Maarten 1994/95 wurde besonders deutlich, dass die gemeinsame Nutzung der Ressourcen unentbehrlich ist. Um das Zusammengehö- rigkeitsgefühl auf den Niederländischen Antillen über solche sozialen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten hinaus zu stärken, besann die Zentralregierung in Willemstad sich auf die Symbolkraft eines Nationalfeiertags und führte1996 den Antillendag am 21. Oktober jeden Jahres ein.

Wunsch nach Dezentralisierung

Dennoch bleibt im Staatsverband der Niederländischen Antillen der Wunsch nach Dezentralisierung bestehen. Ebenso offen bleibt die Frage, ob die Verwaltung auf lokaler Ebene genügend Fachleute und ausreichend Einkünfte zur Verfügung hat, um effizient zu arbeiten. Auf die Defizite hat der Präsident der Bank van der Nederlandse Antillen 2004 in einer Rede zum Ausbau des internationalen Flughafens in Philipsburg auf Sint Maarten hingewiesen. Er konnte den Zuhörern die wirtschaftliche Entwicklung der Insel nicht vollständig schildern, weil ihm keine Statistik über Tourismus, Import und Export des Seehafens zur Verfügung stand. Auf der Insel fehlte noch die institutionelle Infrastruktur, um finanzielle und volkswirtschaftliche Daten professionell zusammenzustellen.

Tourismus und Umweltschutz

Die natürliche Umwelt auf den Niederländischen Antillen wurde schon früh von den europäischen Einwanderer geformt. Seit der niederländischen Besetzung der ABC-Inseln 1634 wurden dort die Wälder abgeholzt und die freien Flächen dann durch Ziegen und Schafe überweidet, so dass sich der Wald nicht regenerieren konnte. Der karge Pflanzenwuchs auf den ABC-Inseln und der wüstenartige Eindruck der Landschaft dort, die mit ungefähr 500 Arten nur geringe Vielfalt für eine tropische Region lässt sich also nicht allein auf das trockene Klima zurückführen.

Heute sind Pflanzen und Tiere, aber auch natürliche Ressourcen wie Süßwasser, durch den Tourismus gefährdet. Auf Sint Maarten beispielsweise ist der Energieverbrauch auf ein Niveau gestiegen, das vier Mal so hoch liegt wie in den Niederlanden. Die Hotels verbrauchen aber nicht nur Energie und Wasser, sondern produzieren auch Müll und Abwasser, deren Entsorgung bzw. Klärung ein großes Problem darstellt. Manche Abflussrohre führen direkt ins Meer. Die vom Tourismus angeregte Bauwirtschaft auf der Insel verändert die Landschaft in großem Maßstab. Lagunen und Teiche werden aufgefüllt, um Fläche zu gewinnen, und die Berge werden angegriffen, um Baumaterial zu gewinnen.

Nachhaltigkeit und Naturschutzgebiete

Die Frage der Nachhaltigkeit betrifft auch den Umgang mit anderen natürlichen Ressourcen. Das flache Wasser rund um die ABC-Inseln ist bis heute artenreich, aber das Speerfischen und der Fang von Aquariumfischen haben den Bestand an einigen Stellen sehr geschädigt. Immerhin sind an einigen Orten Schutzmaßnahmen in Kraft getreten und Naturschutzgebiete ausgewiesen worden. Auf den Niederländischen Antillen gingen viele Impulse für den Naturschutz im Wasser und auf dem Land vom Caraïbisch Marinen Biologisch Instituut (CARMABI, Karibisch Marinebiologisches Institut) aus, das seit 1955 auf Curaçao sitzt. Diese Einrichtung wird unterstützt durch die Stichting Nationale Parken Nederlands Antillen (STINAPA, Stiftung Nationalparks Niederländische Antillen).

Einwanderer in den Niederlanden

Bevölkerung nach Herkunft
Angaben in 1.000 und jeweils zum 1. Januar, Quelle: „Allochtonen in Nederland 2004“, Centrale Bureau voor Statistiek
1980 1990 2000 2005
Gesamtbevölkerung 14.091 14.893 15.864 16.306
Surinam 145,7 219,0 302,5 329,4
Antillen 36,2 107,2 107,2 130,5
Bevölkerungsanteil nach Generationen
Angaben zum 1. Januar 2005, Quelle: „Allochtonen in Nederland 2004“, Centrale Bureau voor Statistiek
alle Personen 1. Generation 2. Generation
alle Ausländer 3.122.717 1.505.664 1.516.053
Nl. Antillen und Aruba 130.538 82.321 48.217
Surinam 329.430 188.367 141.063
Bevölkerungsanteil nach Herkunft und Lebensalter
Angaben in Prozent und zum 1. Januar 2004, Quelle: „Allochtonen in Nederland 2004“, Centrale Bureau voor Statistiek
0-9 Jahre 10-19 Jahre 20-29 Jahre 30-39 Jahre 40-49 Jahre > 50 Jahre
gesamt 12,3 12,2 12,2 15,8 15,2 32,3
Surinam 14,8 17,6 16,1 18,6 16,6 16,2
Nl. Antillen und Aruba 18,1 18,8 21,2 16,7 13,0 12,1
Zufriedenheit mit der Wohnumgebung nach Herkunft 2002
Angaben in Prozent der Haushalte, Quelle: „Allochtonen in Nederland 2004“, Centrale Bureau voor Statistiek

Zufrieden mit Wohnum-gebung Viertelbe-bauung attraktiv Ärgerlich in dem Viertel zu wohnen Möchten bei Möglichkeit aus Viertel wegziehen Fühlen sich in Viertel zuhause
gesamt 84 73 4 18 86
Surinam 73 59 9 28 79
Nl-Antillen und Aruba 77 59 8 28 74
Arbeitslose in Prozent nach Herkunft, Geschlecht und Lebensalter
Angaben in Prozent (2003), Quelle: „Allochtonen in Nederland 2004“, Centrale Bureau voor Statistiek
gesamt Mann Frau 15-24 Jahre 25-34 Jahre 35-44 Jahre 45-54 Jahre 55-64 Jahre
gesamt 5,3 4,7 6,1 10,6 5,2 4,8 3,7 3,9
Surinam 10,0 9,4 10,7 14,9 14,5 6,8 6,5 4,9
Nl-Antillen und Aruba 16,6 21,4 10,9 27,7 22,3 9,0 10,5 8,7

Drehscheibe für Drogenhandel und Geldwäsche?

In ihrer Datenschutzrichtlinie vom 7. Juni 2005 weist die Fluggesellschaft KLM darauf hin, dass sie von der Militärpolizei Koninklijke Marechaussee eine Liste mit den Namen derjenigen Passagiere aus Surinam, den Niederländischen Antillen und Aruba erhält, bei denen im Flughafen Schiphol illegale Drogen gefunden wurden. Mit diesen Personen schließt die KLM dann für einen Zeitraum von drei Jahren keine Beförderungsvereinbarung ab.

Stichwort bolletjesslikkers: „Kügelchenschlucker“ werden die Menschen genannt, die unter Einsatz ihrer Gesundheit und Freiheit versuchen, in ihrem Körper Drogen durch die Zollkontrollen zu schmuggeln. Ein Bild, das zu einem Klischee über Reisende und Einwanderer aus der niederländischen Karibik geronnen ist.

Kritischer Blick auf Berichterstattung

In diesem Zusammenhang kritisiert die Historikerin Rosemarijn Hoefte die Berichterstattung über Surinam in niederländischen Zeitungen und Fernsehsendern. In Artikeln und Reportagen wird das Land ihrer Ansicht nach nur stereotyp als eine Republik dargestellt, die von Militarisierung, Mismanagement, Drogenhandel, Geldwäsche und Menschenrechtsverletzungen korrumpiert ist. Dadurch sei der Blick verstellt auf die einzigartige Vielfalt von Lebensstilen und gesellschaftlichen Identitäten, die Surinam bereits seit der Zeit als Plantagenkolonie kennzeichnen.

Das oftmals einseitige Bild in den niederländischen Medien hat auch damit zu tun, dass das wirtschaftliche und geopolitische Interesse am karibischen Raum seit dem Ende des Kalten Krieges gesunken ist, gleichzeitig aber die Bedeutung als Umschlagplatz für Drogen und Geldwäsche gestiegen ist. Die Niederländischen Antillen arbeiten daran, diese Form der Krimininalität einzudämmen. So betont die Bank van de Nederlandse Antillen, dass die Regierung in Willemstad sich in den 1990er Jahren um eine international anerkannte Gesetzgebung bemüht hat. 1993 traten neue Strafen für Geldwäsche in Kraft, die wenig später an die Tatsache angepasst wurden, dass nicht nur Geld, sondern alle möglichen Güter „gewaschen“ werden können. 1996 billigte das antillianische Parlament amtliche Verordnungen über Reporting of Unusual Transactions und über Identification Financial Transaction. Beide neuen Gesetze zielten darauf ab, die Kunden der Finanzdienstleister zu identifizieren und Kriminelle zu enttarnen, bevor sie Geschäfte tätigen. Außerdem sind seit 2004 sogenannte Hit and Run Money Laundering-Ermittlungsteams tätig, in denen niederländisch und antillianische Spezialisten zusammenarbeiten. Sie konnten einige Fälle von Geldwäsche erfolgreich vor Gericht bringen.


Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Januar 2006