II. Geschichte: Europa, Afrika und Asien in Amerika

Die Kolonisierung der südlichen Karibik

1499 segelte eine spanische Expedition entlang der Kleinen Antillen und erreichte auch das spätere Niederländisch-Guiana, das heutige Surinam. Ungefähr 100 Jahre später kamen Kaufleute und Soldaten der Niederlande in diese Region, die im Handelskrieg mit Spanien einen wachsenden Anteil am Gütertransport zwischen den europäischen Ländern und dem portugiesischen Brasilien übernommen hatten. Dafür benötigten sie sichere Zwischenstationen in der Karibik. Außerdem suchten die Kaufleute nach Möglichkeiten, Salz zu gewinnen – einem wichtigen Grundstoff bei der Verarbeitung von Heringen und Milch. 1621 institutionalisierten die Generalstaaten die Kombination aus Kriegsführung und Handel mit der Gründung der West-Indische Compagnie (WIC). Die neue Gesellschaft erhielt das Monopol über den gesamten niederländischen Handel mit Amerika und Afrika, konnte über Krieg und Frieden mit einheimischen Kräften entscheiden und im Zuge dessen ihre eigenen Marine- und Landstreitkräfte unterhalten.

West-Indische Compagnie (WIC)

Die WIC beschränkte sich im Gebiet des heutigen Brasilien nicht auf den Handel, sondern versuchte, selbst Land zu erobern und zu beherrschen. Von 1624 bis 1654 hatte sie den Nordosten in ihrer Hand, ab 1630 auch die Stadt Pernambuco. Im Zusammenhang mit diesen Eroberungen besetzte die WIC 1634 erst Curaçao, dann auch Aruba und Bonaire. Mit dem Frieden von Münster wurde der Besitz dieser Inseln 1648 bestätigt. Die indianische Bevölkerung der Kaziken und Kariben war bereits 1515 von den Spaniern zur Zwangsarbeit in die Kolonie Hispaniola (heute Haiti bzw. Dominikanische Republik) verschleppt worden. Manche konnten auf das Festland nach Venezuela flüchten, andere wurden 1526 wieder zurückgebracht. Nach der Eroberung Curaçaos deportierte die WIC wiederum einen Großteil von ihnen auf das Festland, weil sie eine Verbündung mit den ehemaligen spanischen Machthabern befürchtete.

Dreieckshandels zwischen Europa, Afrika und Amerika

Bonaire, das günstig entlang der Segelroute nach Nordamerika und Europa lag, wurde von der WIC wie eine Plantage geführt, auf der Sklaven Meersalz für den Export gewannen und für die Versorgung der Garnison auf Curaçao in der Landwirtschaft tätig waren. Curaçao entwickelte sich zu einem bedeutenden Umschlagsplatz für den Handel mit dem spanischen Südamerika, vor allem wegen des Handels mit versklavten Menschen. 1675 erklärten die Generalstaaten Curaçao zum Freihafen für Schiffe aller Nationen. Die WIC gehörte zu den Initiatoren des Dreieckshandels zwischen Europa, Afrika und Amerika: Europäische Waren wie Textilien und Eisenwaren wurden in Afrika angeboten, auf der middeltocht Sklaven aus Westafrika wie eine Ware nach Amerika transportiert und auf Auktionen verkauft, und aus Amerika wiederum Kolonialwaren wie Zucker, Baumwolle, Kakao, Kaffe, Tabak und Leder nach Europa verschifft.

Middeltocht

Im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika führte die middeltocht die Segelschiffe von Westafrika in die Karibik – eine Höllenfahrt für die versklavten Menschen. Nach ihrer Gefangennahme im Hinterland wurden sie in die Forts an der Küste Westafrikas verschleppt. Dort wurden sie gebrandmarkt und mit Ausnahme der Kleidung wurden ihnen alle übriggebliebenen Besitztümer abgenommen, bevor sie auf die Sklavenschiffe verteilt wurden – 150 Menschen auf die kleineren, bis zu 600 auf die großen. Je nach Segelroute und Windverhältnissen waren die überfüllten Sklavenschiffe dann ein bis drei Monate unterwegs, um den Atlantik zu überqueren. Nachts mussten die versklavten Afrikaner in den überfüllten und überhitzten Räumen unter Deck schlafen, wobei die Männer auch noch angekettet wurden. Tagsüber mussten sie sich auf Deck bewegen und wurden entweder zum Tanzen oder zum Putzen gezwungen. Zu den allgemeinen Misshandlungen kam sexueller Missbrauch. Die Kapitäne erhielten zwar Prämien für jeden Sklaven, der gesund in der Karibik ankam. Dennoch kamen schätzungsweise 13 Prozent von ihnen während der Überfahrt ums Leben. Sie fielen Mangelernährung und Skorbut zum Opfer oder ansteckenden Krankheiten wie Dysenterie und Pocken. Manche nahmen sich wegen Schock und Trauma das Leben. Aufstände waren meist erfolglos.

Verwaltung und Verteidigung der Kolonie

Der Mythos von El Dorado lockte erst Goldsucher auf das Festland ins Guaiana-Gebiet. Dann gründeten Spanier, Engländer, Franzosen und Niederländer in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Stützpunkte in der Region, begleitet von gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der indianischen Bevölkerung, vor allem Kariben und Arawaken. In den 1650er Jahren versuchten englische Kaufleute, dort eine neue Zuckerkolonie als Alternative zu Barbados einzurichten. Während des Zweiten Englisch-Niederländischen Kriegs fiel 1667 Abraham Crijnssen für die Provinz Zeeland im heutigen Surinam ein. Mit dem Frieden von Breda traten die Niederlande im gleichen Jahr die Kolonie Neu-Amsterdam in Nordamerika ab, um das Gebiet in Südamerika zu behalten. 1682 verkaufte die Provinz Zeeland ihre Rechte an die WIC. Diese wiederum gründete mit zwei Partnern, der Stadt Amsterdam und dem Privatmann Cornelis Aerssen van Sommelsdyck, die Geoctroyeerde Sociëteit van Suriname, um Kosten und Risiken für die Verwaltung und Verteidigung der Kolonie auf mehrere Schultern zu verteilen.

Zuckerrohranbau

Während der drei Jahrzehnte andauernden Herrschaft über das nordöstliche Brasilien hatte die WIC dort Technik und Organisation des Zuckerrohranbaus gelernt – von den jüdischen Auswanderern, die vor der religiös begründeten Verfolgung auf der iberischen Halbinsel dorthin geflüchtet waren und nach der Rückeroberung Brasiliens durch Portugal in den englisch und niederländisch beherrschten Teilen Amerikas neue Unternehmungen begannen.

Internationaler Handelshafen auf St. Eustatius

Von der Einbindung der Antilleninseln und Surinams in den Dreieckshandel profitierten in Europa die Investoren und Versicherungen, Schiffseigentümer und Kapitäne, Schiffsbauer, Segel- und Seilmacher, Textil- und Eisenhersteller, Raffinerien und Kaufleute, Städte wie Amsterdam, Vlissingen und Middelburg. In Westafrika waren es die Europäer in den Forts und Faktoreien sowie die afrikanischen Zwischenhändler und Herrscher, in Amerika die Händler und Plantagenbesitzer. Selbst eine kleine Insel wie St. Eustatius, damals günstig entlang der Hauptsegelrouten gelegen, wurde in dieser Zeit zu einem wichtigen internationalen Handelshafen. 1635 hatten die Niederländer diese Insel in Besitz genommen (im gleichen Zeitraum wie die Nachbarinseln Sint Maarten 1630 und Saba 1640). In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts legten jährlich mehr als 3.500 Schiffe aus Europa, Afrika und Amerika in St. Eustatius an. Zur Blütezeit des Handels wohnten dort 20.000 Kaufleute und Pflanzer aus den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien, Frankreich, Spanien und den nordamerikanischen Kolonien. Die Insel war so attraktiv, dass sie 22 Mal die staatliche Zugehörigkeit wechselte, bis sie im 19. Jahrhundert definitiv den Niederlanden zugesprochen wurde.

Curaçao: Zentrum des Sklavenhandels

Die Westindische Kompanie (WIC) erkannte schnell den großen strategischen und kommerziellen Nutzen von Curaçao mit seinem natürlichen Hafen, dem Schottegat, und etablierte dort ihr bürokratisches und ökonomisches Zentrum. Die Schiffe aus der Republik der Niederlande nahmen Kurs nur auf Curaçao, und alle Korrespondenz zwischen der Kolonie und der WIC lief über den Direktor in Willemstad. Nach dem Frieden mit Spanien 1648 verlor Curaçao allerdings seine militärische Bedeutung.

Peter Stuyvesant

Bereits seit 1642 war Peter Stuyvesant Direktor der WIC auf Curaçao. Sein Auftrag lautete, den Besitz der Antilleninseln gewinnbringend zu gestalten. Dies gelang ihm, indem er auf den Sklavenhandel als Haupteinkommensquelle setzte. Mit dem Wachstum der Zuckerrohrplantagen stieg die Nachfrage nach billiger Arbeitskraft und damit nach Sklaven. Die WIC verkaufte Sklaven nicht nur an die Plantagenbesitzer auf Curaçao, Bonaire und Aruba sowie in Surinam. Der größte Teil des Handels fand mit den Kolonisten im spanischen Amerika statt, geregelt durch Verträge mit Städten wie Cartagena in Kolumbien, Portobello in Panama oder Vera Cruz in Mexiko.

Bis 1730 spielte die WIC eine herausragende Rolle im Sklavenhandel zwischen Westafrika und der Karibik. Anders als auf Haiti und Jamaika gab es auf Curaçao keine großen Aufstände. Die beiden Versuche 1750 und dann 1795 unter Tula, dem Nationalhelden des 20. Jahrhunderts, wurden im Keim erstickt.

Surinam: Plantagen zwischen Meer und Urwald

Der erste Gouverneur von Surinam bemühte sich um die Ausbreitung der ebenso arbeits- wie kapitalintensiven Plantagenwirtschaft. Diese war ohne Sklaven aus Afrika und Kapital aus Europa nicht zu denken. Mit einer offensiven Sicherheitspolitik versuchte der Gouverneur, Investitionen anzuziehen: er führte Krieg gegen die Indianer sowie gegen die geflohenen Sklaven. Seine Nachfolger setzten die Politik zugunsten großer landwirtschaftlicher Betriebe für die Produktion von Zucker, Kaffee und Baumwolle fort.

Diese Produkte konkurrierten auf dem niederländischen Markt zunächst mit den Einfuhren aus dem französischen Westindien. Als Frankreich um 1750 Weiterverarbeitung und Transport selbst in die Hand nahm, schienen die Absatzchancen für surinamesische Rohstoffe zu steigen. Daraufhin investierten vor allem die Kaufleute aus Amsterdam zwischen 1751 und 1773 mehr als 60 Millionen Gulden – in der Hoffnung, dass Surinam der größte Zucker- und Kaffeelieferant der Republik würde. Dann machte die Börsenkrise dieser Hoffnung ein Ende. Viele Plantagenbesitzer gingen bankrott, und im Auftrag großer Unternehmen übernahmen Verwalter und Direktoren die Leitung.

Sklaven und Marrons

Die hohen Investitionen während des 18. Jahrhunderts hatten jedoch eine nachhaltige Wirkung auf die Gesellschaft Surinams, denn der Zustrom von Kapital hatte die Pflanzer in die Lage versetzt, viele Sklaven zu kaufen. Um 1700 arbeiteten ungefähr 10.000 Sklaven auf ungefähr 100 Zuckerplantagen, 1735 schon 50.000 – bei einer Gesamtbevölkerung von 55.000. Viele von ihnen konnten fliehen, bildeten im Landesinneren neue Gemeinschaften und führten Angriffe auf die Plantagen aus. Diese Marrons (oder engl. Maroons, auf deutsch früher Buschneger genannt) wurden auch zu einer militärisch-politischen Kraft: Im Lauf der Boni Wars von 1765 bis 1793 musste die Kolonialregierung verschiedene Friedensverträge abschließen, um die Plantagenökonomie an der Küste zu schützen.

Ein Jahrhundert später betraf die slavenemancipatie 1863, also die Abschaffung der Sklaverei, noch 30.000 afrikanischstämmige Menschen. Erst 1873 erlangten sie alle Freiheitsrechte, als nämlich ihre Verpflichtung endete, jährlich einen Arbeitsvertrag mit einem Plantagenbesitzer abzuschließen. Weil die Kolonialregierung weiterhin auf die Agrarwirtschaft im großen Maßstab setzte, wurden die Ex-Sklaven weiterhin diskriminiert. Sie bekamen kein Land zu Verfügung gestellt, was ihnen über den Anbau von Nahrungsmitteln den Aufbau einer unabhängigen Existenz ermöglicht hätte. So waren viele von ihnen gezwungen, ihre Arbeitskraft weiterhin den Plantagen zur Verfügung zu stellen.

Kontraktarbeiter

Dennoch fehlten dort Arbeitskräfte, so dass die Regierung Kontraktarbeiter in Asien anwarb. Hindustanis und Javaner übernahmen den Platz der afro-surinamesischen Bevölkerung in der Landwirtschaft. Einem großen Teil dieser mittlerweile als Kreolen bezeichneten Menschen gelang es, in der Forstwirtschaft, im Bergbau und im Dienstleistungssektor Fuß zu fassen, so dass sich auch ein kleiner Mittelstand herausbildete. Bis ins 20. Jahrhundert hinein blieben die weißen Plantagenbesitzer oder -verwalter sowie die aus den Niederlanden kommenden Verwaltungsbeamten an der Spitze von Wirtschaft und Gesellschaft. Die sozialen Grenzen liefen entlang der ethnischen Grenzen, so dass es zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen wenig Kontakt gab.

Kontraktarbeiter

Nach der Abschaffung der Sklaverei 1863 fehlten Arbeitskräfte auf den Plantagen Surinams. Deshalb beschloss die niederländische Regierung, in Hindustan im Norden Britisch-Indiens und auf Java in Niederländisch-Indien Arbeiter anzuwerben. Im Gegenzug für die Übernahme der Reisekosten verpflichteten diese sich, fünf Jahre lang auf den Plantagen Surinams zu arbeiten. Nach dieser Frist stand es ihnen frei, in ihr Heimatland zurückzukehren. Zwischen 1873 und 1916 nahmen rund 34.000 Inder dieses Angebot an, zwischen 1890 und 1939 fast 33.000 Javaner. Ungefähr zwei Drittel von ihnen kehrten nicht mehr nach Asien zurück. Nachdem die Kolonialregierung in Paramaribo ab 1890 den Besitz von kleinen Parzellen für den Anbau von Nahrungsmitteln förderte, konnten sie sich in Surinam eine Lebensgrundlage aufbauen. Damit verwandelte Surinam sich von einer afro-karibischen Gesellschaft in eine multikulturelle. Heute stellen die Nachfahren der Hindustanis die größte Bevölkerungsgruppe, die der Javaner die drittgrößte.

Jüdische Auswanderer

Im 17. Jahrhundert fanden portugiesischstämmige Juden, die zunächst in Amsterdam Asyl vor religiöser Verfolgung gefunden hatten, über Brasilien den Weg in die Karibik. Im Jahr 1651 erhielt der in Brasilien geborene João de Illan von der Westindischen Kompanie (WIC) das Recht zugesprochen, eine sogenannte Volksplantage auf Curaçao zu gründen. Mit ihm kamen zehn oder zwölf weitere Kolonisten auf die Insel. Dann folgten 1659 ungefähr 60 Menschen unter Isaac d’Acosta, der in Brasilien eine Plantage besessen hatte. Auf Curaçao erhielten die Juden die gleichen Rechte wie in Amsterdam auch – die Freiheit, Gottesdienste zu feiern, Synagogen zu bauen und Schulen zu errichten, die Bürgerrechte und die Freiheit, als Händler tätig zu sein. Wegen der guten wirtschaftlichen Aussichten kamen immer mehr europäische Juden nach Curaçao. In der Mitte des 18. Jahrhunderts machten sie den größten Teil der weißen Bevölkerung aus. Einige von ihnen zogen nordwärts nach Sint Eustatius, wo sie von den Direktoren der WIC 1730 ebenfalls die gleichen Rechte wie die Christen erhielten. Die niederländischen Kolonien waren somit ein Zufluchtsort für Menschen, die in Europa religiöser Verfolgung ausgesetzt waren. Gleichzeitig verstrickten diese sich als Händler und Plantagenbesitzer aber auch in das Sklavereisystem.


Autorin: Esther Helena Arens
Erstellt: Januar 2006