XII. Aktie Tomaat

Am 9. Oktober 1969 kam es nach einer Aufführung von Shakespeares Der Sturm durch die Nederlandse Comedie, einer Theatergesellschaft, zum Eklat: Zwei Schauspielstudenten warfen während des Schlussapplauses Tomaten Richtung Bühne. Der Vorfall wurde als Actie Tomaat (Aktion Tomate), bekannt. [1]

Politische Proteste und soziale Bewegungen wie diese kamen in den Niederlanden in der Mitte der 60er Jahre auf, unter anderem auch am Theater. In der Theaterszene handelte es sich im Allgemeinen um dieselben Streitpunkte, aus denen sich andere Bewegungen und Proteste ergaben: Man sprach sich gegen veraltete Autoritätsverhältnisse aus und für eine neue Form der Selbstbestimmung. [2]

Die Aktie Tomaat richtete sich in erster Linie gegen die Autorität der Vorstände von Theatergesellschaften und der Regisseure. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte der niederländische Staat das Theater mithilfe von Fördergeldern zu unterstützen, um es auch für die Allgemeinheit an Attraktivität gewinnen zu lassen. Durch diese finanzielle Unterstützung schwand jedoch die Kreativität und die Autorität der Regisseure wurde vergrößert. Die Schauspieler hingegen wurden in eine untergeordnete Rolle gedrängt. Diese Veränderungen lösten immer mehr Unmut unter Schauspielschülern aus. Man forderte eine Modernisierung des Theaters, in eine Richtung, in der Aufführungen als Gruppenprojekte durchgeführt werden und in der somit auch die Schauspieler ein Mitspracherecht haben.[3]

Dieser Verdruss, der sowohl auf einer allgemein-gesellschaftlichen Basis, als auch auf einer auf die Theaterwelt zugeschnittenen Ebene bestand, kam nun 1969 durch die Aktie Tomaat an die Oberfläche. Man kann diese Aktion als Auftakt zu einer Veränderung der Theaterstrukturen betrachten, denn erstmals wurde nun öffentlich über die Missstände berichtet und gesprochen.

Nur wenige Tage später, am 17. Oktober 1969, kam es zu einer weiteren Protestaktion: Einige Schauspielschüler warfen während einer Aufführung, erneut durch die Nederlandse Comedie organisiert, eine Stinkbombe auf die Bühne, um anschließend mit sowohl den Beteiligten, als auch dem Publikum über die Missstände zu diskutieren.

Die Protestierenden waren erfolgreich: Es kam zu einem Gespräch, an dem sogar der Regisseur Han Bentz van den Berg teilnahm, obwohl seine beiden letzten Aufführungen von den Schauspielschülern gestört worden waren. Auch der Direktor der Nederlandse Comedie, Guus Oster, beteiligte sich an der Diskussion. Hätte diese zweite Aktion nicht stattgefunden, wäre die Aktie Tomaat vielleicht schnell wieder untergangen. [4]

Am 20. Oktober 1969 formierten sich die verschiedenen Protestierenden zu einer einheitlichen Gruppe: der Aktiegroep Tomaat (Aktionsgruppe Tomate). Diese richtete sich nun gegen explizite Missstände. Man stellte sich gegen die Auswahl des Repertoires und die Spielweise, die veraltet waren und sich nicht nach gesellschaftlichen Entwicklungen richtete. Das Theater war, nach Meinung der Gruppe, zu sehr auf eine bestimmte, eine elitäre Bevölkerungsschicht ausgerichtet. Der dritte Punkt betraf die Aufgabe der Schauspieler: diese musste modernisiert werden, so dass auch die Schauspieler eine Verantwortung tragen und ein Mitspracherecht bekommen. [5]

Die Aktionsgruppe erreichte die gewünschten Ziele und es wurde offen über eine Modernisierung des Theaters gesprochen. Es entstanden neue, kleinere Theatergesellschaften, die die Ideen der Aktiegroep Tomaat verwirklichten und sowohl die kreative, verantwortungsvolle Aufgabe der Schauspieler in den Mittelpunkt stellten, als auch ein neues Publikum ansprachen. Die Aktiegroep Tomaat wurde am 1. März 1970 aufgelöst.[6]

Trotz dieser erreichten Ziele, die eine Verbesserung der niederländischen Theaterwelt darstellten, hatten die Aktionen auch eine Schattenseite. Einige der Schauspieler und Regisseure, deren Aufführungen betroffen waren, schockierte die Aktion nachhaltig. So berichtet der Schauspieler Willem Nijholt, den die erste Tomate traf, in einem Interview: „Ik was zo doodsbang geworden [...] Ik durfde het niet meer aan, ik ben helemaal gestopt“.[7]

Das ist die Kehrseite der Bewegung: Die Aktionen trafen unschuldige Menschen persönlich - ein ungewollter Nebeneffekt mit Folgen.


[1] Vgl. Grüttemeier, Ralf/Leuker, Maria-Theresie (Hrsg.): Niederländische Literaturgeschichte, Stuttgart 2006.
[2] Vgl. Banham, Martin: The Cambridge guide to theatre, Cambridge 1995.
[3] Vgl. Maanen, Hans van: Het Nederlandse toneelbestel van 1945 tot 1995, Amsterdam 1997.
[4] Vgl. Maanen, Hans van, S. 130.
[5] Vgl. Maanen, Hans van, S. 131.
[6] Vgl. Maanen, Hans van, S. 132.
[7] Abrahams, Frits: „De laatste paar jaar...“, in: Vrij Nederland, 16.06.1984, 1984.

Autorin:Maria Müller
Erstellt:
März 2011