XVII. Die RAF und die Niederlande

In den 1970er Jahren kam es in den Niederlanden zu der Gründung von verschiedenen Komitees, die mit der Roten Armee Fraktion (RAF) sympathisierten. Sie verfassten Manifeste und organisierten Protestaktionen gegen den Umgang mit RAF- Gefangenen in der BRD. Des Weiteren sollen niederländische Sympathisanten Waffentransporte für die RAF organisiert haben. Im Folgenden werden die Motive dargestellt, die dazu führten, dass ein Teil der Niederländer die RAF unterstützte.

Die Rolle der Medien

Die niederländischen Medien spielten für die Entwicklung eines niederländischen Sympathisantennetzwerks eine große Rolle. Dabei stellte die Berichterstattung über die RAF einen Teil der medialen Auseinandersetzung mit der BRD dar.

In den 1970er Jahren wuchs ein allgemeines Misstrauen gegenüber der wirtschaftlich und politisch wachsenden Macht der BRD innerhalb Europas. Auch die innenpolitische Entwicklung in Westdeutschland beobachtete man in den Niederlanden sehr skeptisch. [1] Der westdeutsche Umgang mit der RAF, und vor allem mit inhaftierten RAF-Mitgliedern, wurde dementsprechend aufmerksam verfolgt. Die Warnung der RAF, die BRD stünde kurz vor einer faschistischen Machtübernahme, wurde von niederländischen Journalisten (mit Ausnahme der konservativen Presse) sehr ernst genommen. [2] Dementsprechend brachte man auch der Waffengewalt der Terroristen großes Verständnis entgegen.

In ihren Reportagen und Kommentaren stellten niederländische Journalisten die RAF als Gegner der übermächtigen BRD dar, die von Anfang an unterlegen waren. [3] Auffällig an der Berichterstattung war, dass die Journalisten die von der RAF und ihren Anwälten gegenüber dem westdeutschen Staat erhobenen Foltervorwürfe in ihren Berichten reproduzierten, ohne diese hinterfragt oder selbst Recherche betrieben zu haben. [4] In diesem Zusammenhang überrascht es auch nicht, dass die Selbstmorde von Ulrike Meinhof und Andreas Baader in den niederländischen Medien angezweifelt wurden. [5]

Netzwerke niederländischer Sympathisanten

Einer der „ersten [niederländischen] RAF-Sympathisanten“ [6] war der Psychiater Sjef Teuns, der sich vor allem einen Namen als Kinderpsychiater gemacht hat und Anhänger der Antipsychiatrie war. Dies ist eine soziale Bewegung, deren Anhänger die psychischen Erkrankungen in Frage stellen und deren Behandlung in psychiatrischen Einrichtungen ablehnen. [7]

Sjef Teuns publizierte 1973 in dem linksintellektuellen Magazin Kursbuch seinen Artikel Isolation/Sensorische Deprivation – Die Programmierte Folter. In diesem Artikel beschrieb Teuns die Isolationshaft als unmenschliche Haftsituation, die den Gefangenen zerstören würde. Teuns war der Ansicht, dass die strenge Isolationshaft der RAF-Gefangenen in schalldichten Zellen (dem so genannten toten Trakt) „mit einem totalen Reizentzug gleichzusetzen“ war. [8] Mit diesem wissenschaftlichen Artikel unterstrich Teuns die Glaubwürdigkeit des Foltervorwurfs. Sein Artikel erschien später in französischer Übersetzung in der von Jean-Paul Sartre herausgegebenen Zeitschrift Les Temps Modernes. Des Weiteren hielt Teuns 1973 auf einer Konferenz von Amnesty International einen Vortrag über sensorische Deprivation. [9]

Zu den Sympathisanten der RAF in den Niederlanden zählen auch einige linksradikale Aktivisten, die – inspiriert von der RAF – ebenfalls mit dem Gedanken spielten zur Waffengewalt überzugehen. Einige von ihnen setzten dieses Vorhaben durchaus in die Realität um. [10] Hier ist vor allem die Rode Jeugd zu nennen, die sich jedoch im März 1974 bereits wieder auflöste, nachdem der Druck der Polizei zu groß wurde. Die Mitglieder sammelten sich anschließend in der Rode Hulp, die sich ebenfalls als Organisation zur Unterstützung von bewaffneten Kämpfen im In- und Ausland verstand und ihre Mitglieder zur Ausbildung in ein Guerillatrainingslager in den Jemen schickte. Nachdem jedoch zwei Mitglieder der Rode Hulp im Ausland verhaftet wurden, löste sich die Organisation 1976 ebenfalls auf. Von 1977 bis 1985 schlossen sich die Mitglieder der vorherigen Gruppierungen in der Rood Verzetfront (RVF) zusammen. [11] Eine dritte Sympathisantengruppe entstand rund um Pieter Herman Bakker Schut und das Medisch-Juristisch Comité voor Politieke Gevangenen (MJC).

"Das politisch-gesellschaftliche Klima in Westdeutschland sei [...] von Autoritätsglauben beherrscht. Man würde dort immer nur eine Meinung und eine Autorität akzeptieren. Dieser Geist sei [...] auch im Westdeutschen Strafrecht überall zu spüren. Die hysterische Jagd auf Extremisten, die Verleumdung derer Anwälte, die Einschüchterung der [Medien]: In allem zeige sich, dass der Rechtsstaat der Bundesrepublik nur noch eine Fassade sei." [12]

Das oben angeführte Zitat, das ein Interview des niederländischen Juristen Bakker Schut mit dem Algemeen Dagblad wiedergibt, zeigt deutlich dessen Beweggründe, mit der RAF zu sympathisieren. Bakker Schut, der das einzige niederländische RAF-Mitglied Ronald Augustin in Deutschland vertreten hatte, war bereits zuvor mit RAF-Anwälten in Verbindung getreten. [13] Für ihn waren in der Behandlung der RAF in Westdeutschland deutliche Anzeichen einer Refaschisierung der BRD zu erkennen. Er wird allgemein als Sprachrohr und Propagandist der RAF dargestellt. [14]

1975 gründet Bakker Schut das Medisch-Juristisch Comité voor Politieke Gevangenen (MJC). Ziel dieses Komitees, das sich überwiegend aus Juristen und Mediziner zusammensetzte, war es, die breite Öffentlichkeit zu beeinflussen und Anwälte und Vertrauensärzte für RAF-Gefangene zu entsenden. [15] Das MJC hat auch das Mandat für Christof Wackernagel, Gert Schneider und Knut Folkerts übernommen, nachdem sich die drei RAF-Mitglieder in den Niederlanden mit der Polizei eine Schießerei geliefert hatten, bei der ein niederländischer Polizist getötet wurde. [16] Damit hatte die niederländische Justiz ihren eigenen RAF-Prozess.

Gleichzeitig ging die Sympathie mit der RAF in den Niederlanden zurück. Das MJC organisierte nach der Inhaftierung der drei RAF-Mitglieder noch Proteste gegen deren Haftsituation, gegen die Prozessführung und später vergeblich auch gegen die Auslieferung der drei RAF-Gefangenen. Mit der Auflösung des MJC Ende der 1970er Jahre verflog jedoch jegliche Sympathie mit der RAF in den Niederlanden. [17]

Es lässt sich festhalten, dass die Sympathie zur RAF in den Niederlanden vor allem ein Ausdruck der damaligen anti-westdeutschen Gefühle war und der Sorge um den Rechtsstaat entsprang. Nur wenige Gruppierungen sympathisierten aus ideologischen Gründen mit der RAF. [18]


[1] Vgl. Pekelder, Jacco: Herbst in Holland. Die RAF in den Niederlanden 1970-1980, in: Colin, Nicole (Hrsg.) u. a.: Der „Deutsche Herbst“ und die RAF in Politik, Medien und Kunst. Nationale und Internationale Perspektiven, Bielefeld 2008, S. 17-35, hier S. 20.
[2] Vgl. Pekelder, Jacco: Sympathie voor de RAF. De Rote Armee Fraktion in Nederland. 1970-1980, Amsterdam 2007, S. 91.
[3] Vgl. Pekelder (2007), S. 97.
[4] Vgl. ebd., S. 94f.
[5] Vgl. ebd., S. 99f.
[6] Pekelder (2008), S. 21.
[7] Vgl. ebd.
[8] ebd.
[9] Vgl. ebd., S. 22.
[10] Vgl. Pekelder (2007), S.88
[11] Vgl. Pekelder (2008), S. 28 f.
[12] Pekelder (2008), S. 25.
[13] Vgl. Pekelder (2007), S. 125-142.
[14] Vgl. ebd., S. 144.
[15] Vgl. Pekelder (2008), S. 27.
[16] Vgl. Pekelder (2007), S. 56-78.
[17] Vgl. Pekelder (2008), S. 28.
[18] Vgl. Pekelder (2007), S. 318.

Autorin:Marie-Christine Raddatz
Erstellt:
März 2011