IX. Die neue Frauenbewegung in den siebziger Jahren und die Literatur als Medium

In den siebziger Jahren kommen in Deutschland und den Niederlanden viele neue soziale Bewegungen auf. In Deutschland wird diese Entwicklung beschleunigt durch den politischen Wandel von Willy Brandts Reformpolitik hin zu Helmut Schmidts Krisenmanagement, was in der Gesellschaft einen Trend des kulturkritischen Pessimismus auslöste.

In den Niederlanden spielt bei der Herausbildung von neuen sozialen Bewegungen ebenfalls die wachsende Unzufriedenheit gegenüber der Politik eine Rolle. Neben der Ökologiebewegung, den Autonomen und Alternativen sowie der neuen Friedensbewegung erfolgt in den siebziger Jahren auch eine neue Frauenbewegung. Diese entwickelt sich, laut Görtemaker, durch und während der Herausbildung einer postindustriellen Gesellschaft. [1] In dieser Gesellschaft sind materielle und physische Sicherheit gedeckt und rücken in den Hintergrund. Das Streben nach persönlicher Freiheit und das in Frage stellen der traditionellen Rollenverteilung beginnt eine größere Rolle zu spielen. Die weibliche Erwerbstätigkeit nimmt zu, ebenso die Diversifikation des Familienbildes.

In Deutschland bleibt vor allem die Kampagne von 1971 gegen den Paragraphen 218 in Erinnerung. In der Zeitschrift Stern werden die Abtreibungsgeständnisse von 374 Frauen der Anstoß für die Entstehung vieler neuer Fraueninitiativen. Als Erfolge dieser Bewegung lassen sich zahlreiche Einrichtungen wie Frauenbuchläden, Frauenverlage und Frauenhäuser verzeichnen.

Während der siebziger Jahre erfolgt in dieser sozialen Bewegung eine Ausdifferenzierung und auch Radikalisierung hin zum radikal-feministischen Flügel und zur Bildung diverser Lesben-Gruppen. Ein überregional koordinierendes Instrument hierbei sind die Zeitschriften Emma (Erstausgabe 1977) und Courage (Erstausgabe 1976). [2] Ziel ist laut der Sozialwissenschaftlerin Herrad Schenk die Umsetzung der „Theorie der feministischen Revolution“. [3]

In den Niederlanden beschäftigt sich ab 1972 u. a. die einmal monatlich erscheinende Zeitschrift Opzij und die Amsterdamer Vrouwenkrant mit feministischen Themen. Im Vorwort der Erstausgabe der Vrouwenkrant werden Ziel und Auftrag der Zeitschrift dargelegt:

„In deze krant willen we vertellen over een aantal vrouwengroepjes en de dingen waar ze zich mee bezig houden. Aangemoedigd door berichten over de vrouwenbeweging in het buitenland zijn er een aantal groepjes ontstaan van vrouwen die gingen praten over hun eigen problemen. Het doel van deze praatgroepen is, erachter te komen hoe het komt dat de vrouwen allemaal in een tweederangshokje zitten in deze maatschappij en zich er steeds wéér in laten trappen. [...] De vrouw is vrouw omdat er mannen zijn (en dus ook omgekeerd). De rottige positie van de vrouw is een gevolg van het feit dat de positie van de man hoger gewaardeerd wordt. Dus voorlopig moeten we in onze groepjes aan de slag zonder mannen. [...] Daarom richten wij ons nu op de bevrijding van de vrouw als onderdeel van die ene strijd voor een betere maatschappij.” [4]

Die Zeitschrift lässt sich in das radikal-feministische Milieu einordnen. Man sieht sich als Informationsquelle einerseits, aber auch als möglichen Anstoß weiterer Bewegungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zur Befreiung der Frau andererseits.

Es erscheinen auf der einen Seite Artikel zu einer Vielzahl von Themen wie z. B. Frauengruppen, Erziehung, der Kampf der Frau in der Gesellschaft und Politik, Inzest, Menstruation, Homosexualität, Prostitution oder auch Vergewaltigung. Auf der anderen Seite wird auch Gedichten und Prosa ein Platz zur Veröffentlichung geboten. So erscheint ebenfalls in der Erstausgabe der Vrouwenkrant folgendes Gedicht:

“Een aardige vrouw uit haren
Had vreselijk de pest aan baren
Ze werd feminist
En voor ze het wist,
Had ze wapperende en lange haren” [5]

1976 erscheint eine Spezialausgabe zur Besetzung der Bloemenhove-Klinik. [6] Es gibt keine Tabuthemen. Die Arbeit für die Zeitschrift erfolgt unbezahlt und in der Freizeit. Zahlreiche Artikel werden z. B. von der niederländischen Autorin Anja Meulenbelt verfasst. Sie beschäftigt sich häufig mit Fragen des Sexismus und Rassismus.

Die Frauenzeitschrift ist das Medium, um Informationen und Erfahrungen überregional auszutauschen und eine Vielzahl von Aktivitäten zu einem allgemeinen Netzwerk zu verknüpfen. In dieser Zeit wird nicht nur viel über Feminismus diskutiert, sondern auch über die Relation mit Prosaliteratur. Hierbei steht die persönliche Entwicklung der Frau im Zentrum. Feministische Aktivisten plädieren für eine feministische Literatur, die frei ist und die die traditionelle Einheit und Geschlossenheit aufbrechen soll, um sich von der straffen, einheitsschaffenden, autoritären Struktur zu lösen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Inhalt und der Persönlichkeit und nicht auf der Form.

Bis in die Mitte der siebziger Jahre sind Themen wie Emanzipation und Feminismus selten Gegenstand in den Büchern weiblicher Autoren. Die Anzahl von Prosa, in der das feministische Bewusstsein eine Rolle spielt, nimmt in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre allerdings schnell zu. So schreibt Meulenbelt in ihrem Werk “De schaamte voorbij” von 1976:

„Ik heb andere vrouwen die schreven zonder schaamte nodig gehad om te worden wat ik ben. [...] Ik wil schrijven voor andere vrouwen, de vrouwen die mij tegenkomen, zelfverzekerd in mijn feministische overtuiging [...]. We hebben allemaal sterke vrouwen nodig om ons mee te identificeren [...].”

Die Literatur wird so durch die emanzipatorische Bewegung beeinflusst und ist gleichzeitig Mittel des Ausdrucks.


[1] Vgl. Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, S. 597 f.
[2] Vgl. ebd., S.637.
[3] ebd.
[4] Ekelschot, Marijke: Radicaal Feminisme.
[5] ebd.
[6] Vgl. Vrouwenkrant: Vrouwen nu voor later.

Autorin:Katharina Braß
Erstellt:
März 2011